Der alte Traum vom Fliegen
… wurde für uns, die Wohngruppe Am Schlag 1.1, im Rahmen einer Gruppenfahrt in die Jugendbildungsstätte Wasserkuppe Realität und sollte uns als ganz besonderes Erlebnis noch lange in Erinnerung bleiben.
Anett Jahnke (Betreuerin im Internat)
Zwei Tage lang drehte sich alles ums Gleitschirmfliegen und die damit verbundenen Vorbereitungen. Die gute Zusammenarbeit zwischen der Sozialpädagogin der Jugendbildungsstätte und uns BetreuerInnen erleichterte die vorherige arbeitsintensive Organisation. Eine besonders erfahrene Fluglehrerin aus den Alpen wurde extra engagiert, um mit fünf unserer SchülerInnen und einer Betreuerin einen Tandemflug zu wagen. Zwei leicht sehbehinderte SchülerInnen trauten sich mit einem Betreuer, nach theoretischer Einführung durch die dort ansässige Flugschule „Papillon“, an einen Soloflug. Für einen Schüler unserer Gruppe konnten wir einen Flug mit dem Motorflugzeug organisieren.
Da wir insgesamt vier Tage auf der Wasserkuppe verbrachten, gab es noch viel freie Zeit auszufüllen. Die Begrüßung am ersten Tag durch Marion, die Sozialpädagogin, fiel sehr herzlich aus, und mit ihr starteten wir einen ersten Rundgang um den Berg mit interessanten Informationen über Geschichte und ökologie der Wasserkuppe. Wir staunten darüber, dass man diese Gegend tatsächlich mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Das Rauschen der Bäume erschien uns hier besonders stark und beim Laufen über den „Borstgrasmagerrasen“ (ein Wort, das unsere Phantasie ständig zu neuen Wortverdrehungen anregte) federte man spürbar. Abends beim gemütlichen Plausch in der örtlichen Gaststätte stand das Thema „Fliegen“ im Mittelpunkt. Alle waren zu dem Zeitpunkt noch ganz mutig, und fleißig diskutierten wir wie die Profis über Wind- und Wetterverhältnisse, die einen Flug erst möglich machen.
Am nächsten Morgen dann zunächst die Enttäuschung. Die angereiste Fluglehrerin erklärte uns beim Frühstück, dass man bei diesem Regen und Nebel auf keinen Fall fliegen könne, aber vielleicht kläre sich das Wetter nach dem Mittagessen auf. Was konnten wir also vormittags unternehmen? Eine kleine Gruppe schaute sich das Flugmuseum an, während die anderen eine „Regenwanderung“ unternahmen. Wir BetreuerInnen waren nur am Staunen, wie unsere Gruppe mit den gegebenen Wetterverhältnissen zurechtkam. Statt Missmut und lautstarker Beschwerden kam es zu konstruktiven Vorschlägen und es baute sich sogar positive Spannung auf. Die Geduld wurde damit belohnt, dass nachmittags dann die Tandemflüge stattfinden konnten. Kniezittern und Herzklopfen waren jetzt angesagt, es wurde sozusagen „ernst“, und der ein oder andere fragte sich, warum er jetzt nicht zu Hause sitzt und Briefmarken sammelt.
Ein Bus bringt uns zum Ausgangspunkt des Geschehens, dem „Pferdskopf“. Hier soll es nun hinuntergehen, da kann einem schon mulmig werden. Einer nach dem anderen zieht sich den Anzug an und den Helm auf. Zum Glück ist die Tandemlehrerin eng mit einem verbunden, man hat Körperkontakt und das beruhigt. Sie gibt eine kurze Einführung: Erst langsam laufen, dann schneller laufen, laufen, laufen und … dann der überwältigenden Augenblick, in dem die Füße den Boden verlieren und die sanfte Kraft des Windes einen zu tragen beginnt. Ein sicheres und wunderbares Gefühl des Schwebens, die Lehrerin geht auf jeden einzelnen humorvoll und beruhigend ein. So kurz der Flug auch war, man fühlte sich nach der Landung nicht nur vom Flugerlebnis tief beeindruckt, sondern auch davon, dass man über seinen eigenen Schatten gesprungen ist.
Unsere drei Soloflieger sowie der Schüler, der mit einem Motorflugzeug fliegen wollte, waren am nächsten Tag an der Reihe. Wir beneideten Christopher, der mit dem Flugzeug so lange oben in der Luft zubrachte und vom Piloten die Gegend erklärt bekam. Die drei Soloflieger bekamen in der Zwischenzeit theoretischen Unterricht. Die Gruppe teilte sich. Einige amüsierten sich auf der Sommerrodelbahn oder gingen bummeln in einigen kleinen Läden, andere schauten Christopher beim Start im Motorflugzeug zu. Nachmittags waren wir alle gespannt auf unsere Soloflieger.
Um zu einem kurzen Flugerlebnis zu kommen, bedurfte es einer Menge an Vorbereitung und Arbeit. Der Schirm muss korrekt auf der Erde ausgebreitet werden, die Schnüre geordnet, der Wind muss richtig stehen, und landet man glücklich unten am Ziel, heißt es, den Schirm mit seinem nicht unerheblichen Gewicht wieder hochzuschleppen.
Doch, „Ich weiß jetzt, was Glück ist“, sagte ein Schüler, nachdem er mit seinem Schirm wieder oben ankam. Es hat sich wohl gelohnt. Wir Zuschauer bewunderten den Mut und das Geschick, mit dem die drei ihre Aufgabe bewältigten.
Der Nachmittag war noch nicht zu Ende und ein Teil der Gruppe wollte nochmal wandern gehen. Unser Ziel war ein kleiner Ort im Tal. Hier verbringt Helmut Kemmler, unser MOB-Trainer, so manches Wochenende und er lud uns zu selbstgebackenem Kuchen und Getränken ein. Nach einer gemütlichen Kaffeestunde wanderten wir wieder zurück zu unserer Herberge. Am letzten Tag unternahmen wir noch einen Ausflug ins Schwarze Moor, ehe wir nachmittags zur Rückfahrt aufbrachen.
Noch oft sitzen wir zusammen und reden über diese wirklich außergewöhnliche Fahrt und die damit verbundenen Erfahrungen. Wir sind uns sicher, dass wir alle wieder ein Stück näher zusammengerückt sind. Vielleicht sind die Veränderungen im Alltag kaum spürbar und zeigen sich lediglich in einem jetzt ausgesprochenen „Danke schön“ oder „Ich kann Dir ja vielleicht helfen“. Auf alle Fälle aber haben wir etwas von der guten Stimmung für uns im Gruppenalltag bewahrt, und der Respekt voreinander ist gestiegen. Haben wir auch sonst keine Souvenirs aus der Rhön mitgebracht, so sind wir uns sicher, dass die Erinnerungen an unsere Gruppenfahrt wesentlich wertvoller sind.
blista