Buchtipp

Der blinde Masseur

Winfried Thiessen * » „Wieso hast du es mir nicht gesagt? Wieso hast du mir nicht vertraut?“ „Wir hatten Angst, alle drei.“ „Was tut dein Vater heute?“ „Er ist tot.“ „Ist er während der Flucht gestorben?“ „Er hat sich zwei Jahre nach unserer Flucht mit dem Auto überschlagen.“ „Und deine Mutter?“ „Sie ist im Altersheim.“ „Hat es sich gelohnt?“ „Schwer zu sagen. Wahrscheinlich schon.“ „Wahrscheinlich schon? Du lebst in der Schweiz und du sagst wahrscheinlich schon?“

Teodor flieht zusammen mit seinen Eltern aus dem kommunistischen Rumänien in den Westen und lässt dabei das Mädchen, dem sein Herz gehört, ahnungslos zurück. Jahre später kehrt er als erfolgreicher Geschäftsmann, aber voll von unerfüllten Sehnsüchten, in seine alte Heimat zurück. Hier erhofft er sich eine Antwort auf die ihn quälende Frage, ob er - wäre er damals einfach zurückgeblieben - nicht doch glücklicher geworden wäre.

Durch einen Autounfall strandet er in einem Kurort in einem abgelegenen Tal. Dort begegnet ihm Ion - ein blinder Masseur - der eine Bibliothek mit 30.000 Büchern sein eigen nennt, die ihm Freunde, Bekannte und Patienten auf Kassette auflesen. Teodor verfällt dem morbiden Charme dieser Gegend am „Rande der Zivilisation“ und schließt Freundschaft mit Ion und dessen Philosophenfreunden. Langsam verliert er sich dabei in Zeit und Raum, wird Teil des Ortes und verstrickt sich immer tiefer in ein Netz von Hinterlist und Täuschungen. Er, der Zurückgekehrte, seinen Seelenfrieden suchende Heimatlose, scheint eine leichte Beute für alle zu sein, die vom Reichtum und Wohlstand des Westens träumen und dafür bereit sind, fast alles zu tun.

Catalin Dorian Florescu lässt in seinem Roman eine Welt des Zerfalls und Umbruchs entstehen. Eine Welt, bevölkert von erdverbundenen (aber)gläubigen Bauern, Alten und Kranken, mit von der Zeit und von harter Arbeit zerstörten Körpern, und von Frauen, die sich zur Erfüllung ihrer kleinen Wünsche und großen Träume prostituieren und dabei trotzdem versuchen, einen kleinen Rest an Würde zu behalten. Mitten unter ihnen spinnt der blinde Ion seine Fäden, um die bereits überall zu beobachtenden Veränderungen aufzuhalten, die ihm die Kontrolle über sein Leben zu entreißen drohen. „Die Aufnahmegeräte sind alles an Fortschritt, was ich ertrage. Meine Philosophen, Elena, die Ärztin, Roscata und meine Kranken. Mehr brauche ich nicht. Es ist nicht die beste aller Welten, aber für mich die erträglichste.“ „Vielleicht wollen die anderen mehr vom Leben“, sagte ich. „Mehr vom Leben?“, schrie er mich an. „Du hast drüben gelebt. Hattest du mehr vom Leben? Wenn ja, wieso bist du zurückgekommen? Wer den Fortschritt hat, hat auch die Nostalgie und fährt womöglich in einem tollen Auto herum und sucht geeignete Bäume. Wie kann man mehr wollen als die Bücher und diese Erde?“

Während Teodor noch nach seinem inneren Seelenfrieden sucht, droht Ion den seinen zu verlieren. Doch während Teodor sich scheinbar ziellos treiben lässt, versucht Ion das Heft des Handelns - hinter dem Rücken seines Freundes - wieder selbst in die Hand zu bekommen.

„Ion meint, dass jeder im Leben den Knochen finden muss, an dem er nagen möchte. …Ion sagt, dass es immer noch Fleisch gibt, das man abnagen kann. Kein Knochen ist blitzblank genug.“ „Man muss handeln. Immer handeln“, sagte Ion… „Weil es nicht anders geht.„

Schließlich werden beide, der lebensmüde Teodor ebenso wie der blinde Ion, der ahnt, dass er den ihm verhassten Fortschritt nicht aufhalten kann, einen eigenen neuen Knochen finden, an dem sie nagen können.

Herrlich poetisch, mal lustig, mal traurig und mit unbändiger Erzähllust beschreibt Catalin Dorian Florescu in seinem Roman Der blinde Masseur Menschen auf ihrer Suche nach Freundschaft, Zufriedenheit und Glück. Dabei erfährt der Leser auch, ob die Gedanken der Literaten und Philosophen hinter den 30000 Buchdeckeln, mitten im Nirgendwo des abgelegenen Tales, Ion und Teodor bei der Knochensuche eine große Hilfe sind.

„Wieso wussten Sie, dass er dort sitzt?“, fragte ich Ion. „Sie glauben wohl, dass ich hellsehen kann, weil ich blind bin.“ „Kommt doch in Büchern vor.“ „Schlagfertig sind Sie. In Büchern kommt es schon vor, aber nicht in der Realität. Verwechseln Sie Bücher und Realität nicht“, meinte er.

Catalin Dorian Florescu:
Der blinde Masseur (Roman)

* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat

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