Gedenktafel für Carl Strehl

Stadt Marburg ehrt langjährigen Direktor der Blindenstudienanstalt und Wegbereiter der Blindenselbsthilfe

GedenktafelJochen Schäfer * » Ende März wurde in der Friedrichstraße 4 in Marburg eine Gedenktafel zu Ehren eines Mannes enthüllt, der über eine lange Zeit Bewohner dieses Hauses war: Prof. Dr. Dr. h.c. Carl Strehl, Gründer des „Vereins der blinden Akademiker Deutschlands“ (des heutigen DVBS) sowie langjähriger Direktor der Blindenstudienanstalt, lebte 37 Jahre, von 1934 bis 1971, mit seiner Familie hier.

Die Universitätsstadt Marburg war durch Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach, Pressesprecher Reiner Kieselbach und Kristina Lieschke vom Kulturamt vertreten. Von der blista waren der erst wenige Tage zuvor in sein Amt eingeführte Vorsitzende Claus Duncker und der Schulleiter der Carl-Strehl-Schule, Jochen Lembke, anwesend. Außerdem nahmen Dr. Otto Hauck, Mitglied des blista-Verwaltungsrates und Ehrenvorsitzender des DVBS, der ehemalige Direktor der blista, Jürgen Hertlein, sowie der Berichterstatter an der offiziellen Enthüllung teil.

Über den naturgemäß knappen Text der Gedenktafel hinaus zeichnete Dr. Hauck den Weg von Carl Strehl nach. Strehl wurde am 12.07.1886 in Berlin geboren, fuhr mit 14 Jahren für mehrere Jahre zur See, arbeitete danach als Chemielaborant in New York und erblindete dort durch einen Arbeitsunfall 1907. Einige Jahre später führte ihn sein Weg zurück nach Europa, konkret nach England und in die Schweiz, wo er sich über das dortige Blindenwesen informierte. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, aus dem viele Soldaten und Offiziere als erblindete Menschen zurückkehrten, wurde von Prof. Dr. Alfred Bielschowsky, dem damaligen Leiter der Marburger Universitäts-Augenklinik, mit Umschulungskursen der Grundstein zur Blindenstudienanstalt gelegt, die 1916 in Marburg entstand. Dafür wurde cand. phil. Strehl zum Geschäftsführer berufen. Dieser gründete ebenfalls 1916 mit einigen Weggefährten den „Verein der blinden Akademiker Deutschlands“, der heute als DVBS Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf tatkräftig unterstützt. 1927 wurde Strehl Direktor der blista (bis 1965) und zugleich Vereinsvorsitzender (bis 1968). Beide von ihm geleiteten Vereine sind seitdem organisch gewachsen. Bereits 1918 wurde für Blinde und hochgradig Sehbehinderte an der blista das Abitur eingeführt (die Absolventen des ersten Abiturs 1918 findet man übrigens in der im selben Jahr erschienenen allerersten Schwarzschriftausgabe der „Beiträge“ auf Seite 61). In den 20er Jahren wurde dann das Gelände „Am Schlag“ gekauft, das noch heute als Zentrum der „Carl-Strehl-Schule“, wie der 1958 entstandene Neubau genannt wurde, gilt. In seiner Ansprache betonte Dr. Hauck, dass Strehl mit Zielstrebigkeit und Willensstärke seine Ziele im Sinne der Blinden und Sehbehinderten durchzusetzen verstand, auch in schwierigen Zeiten wie der Weltwirtschaftskrise in den 20er und 30er Jahren, insbesondere aber in der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg in der im Aufbau befindlichen Bundesrepublik. Strehl starb hoch betagt am 18.08.1971 in Marburg.

Dr. Hauck hat Strehl während seiner Schülerzeit in den 50er Jahren gekannt. So wusste er zum Schluss seiner Ansprache von einer Anekdote zu berichten, die er Ende der 50er Jahre mit Strehl erlebte; bei diesem Bericht wurde er unterstützt durch die stimmliche Strehl-Imitation des „Horus-Vertreters“: Hauck wollte mit einigen Schulkameraden - Mitglieder des damals schon bestehenden und zu beachtlicher Zahl und Spielstärke angewachsenen Schachclubs - ein überregionales Turnier besuchen und wurde dazu auserkoren, bei Direktor Strehl diesbezüglich vorzusprechen. Strehl, der vor allem in diesen Zeiten besonders auf's Geld achten musste, fragte nur: „Na, was soll's denn kosten?“, woraufhin Hauck eine Summe nannte. Strehl: „Die Hälfte ist bewilligt. Na, reicht's?“ Hauck: „Vollkommen.“ Darauf Strehl: „Wir verstehen uns ja bestens!“

Nach Dr. Haucks Ansprache betonte Stadträtin Dr. Weinbach die Wichtigkeit, Stadtgeschichte in Marburg lebendig zu halten, was durch dieses Ereignis wieder einmal deutlich zum Ausdruck gebracht werde.

* Horus-Vertreter

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