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- April 2007
Direktor Jürgen Hertlein
Eine Ära geht zu Ende
Thorsten Büchner » Das Büro ist ausgeräumt. Jürgen Hertlein geht durch die Flure der Blindenstudienanstalt und verabschiedet sich von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nach 29 Jahren als Direktor der blista ist seit dem 23. März jetzt Schluss und Hertlein im Ruhestand.
Als Jürgen Hertlein 1978 als Nachfolger des verstorbenen Hans-Heinrich Schenk als Direktor nach Marburg kam, hatte die damalige Blindenstudienanstalt kaum etwas mit der blista von heute gemeinsam. Neben Hertlein kamen viele andere, junge, engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowohl in die Schule als auch ins Internat, um die pädagogische Ausrichtung der Blindenstudienanstalt in völlig neue Bahnen zu lenken. Der geplante siebenstöckige zentrale Internatsneubau war gerade nach heftigen Auseinandersetzungen von Schülern, Eltern, Betreuern und Lehrern verhindert worden, und das bis auf den heutigen Tag existierende dezentrale Wohnkonzept, mit Wohngruppen quer durch die Stadt verteilt, war im Entstehen begriffen.
„In dieser Zeit war alles möglich“ sagt Jürgen Hertlein heute rückblickend auf seine Anfangszeit in Marburg. Die blista hat sich in den zurückliegenden 29 Jahren enorm verändert. Die Schülerzahlen sind Mitte der 80er Jahre explodiert, nicht zuletzt deswegen, weil die blista seitdem Sonderschulstatus besitzt und auch Sehbehinderte aufnehmen kann. Die Einführung der Jahrgangsstufe 5 schloss 1998 eine weitere pädagogische Lücke im Angebot.
Hertleins Aufgabe war es, die pädagogischen Veränderungen engagiert zu unterstützen und die Blindenstudienanstalt national wie international zu vertreten. Dazu zählte unter anderem auch das Verhandeln um staatliche Unterstützung, das Werben von Sponsoren sowie das Leiten der Alltagsgeschäfte eines 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfassenden Betriebes.
Ganz besonders wichtig war Jürgen Hertlein in all den Jahren als blista-Direktor das Fördern der musischen Künste, wie Theater, Musik, Kunst und Kultur im Allgemeinen sowie den sportlichen Schwerpunkt der blista zu betonen. Wenn man ihn nach den Highlights seiner annähernd 30jährigen Arbeit an der Blindenstudienanstalt fragt, dann fallen ihm spontan die blista-Schülerinnen und -Schüler ein, die durch besondere Leistungen in Sport, Kultur oder Gesellschaft von sich reden gemacht haben. Diese „Spitzentalente“ verbreiten nach Hertleins Meinung den Namen der blista in ganz Deutschland und würden so die pädagogische Arbeit der gesamten Institution bekannter machen. Öffentlichkeitsarbeit war ihm in all den Jahren immer besonders wichtig.
Als weitere Höhepunkte im Laufe seiner Amtszeit betrachtet Hertlein die Besuche der Bundespräsidenten Roman Herzog (1997) und Horst Köhler (2006). Diese Besuche versteht Hertlein als Anerkennung für die wichtige Arbeit, die an der Blindenstudienanstalt seit 90 Jahren geleistet wird.
Die meiste Freude hat Hertlein immer dann, wenn am Ende des Schuljahres viele Schüler mit erfolgreich bestandenem Abitur die Blindenstudienanstalt verlassen und „hoffentlich“ für ihren weiteren Lebensweg gerüstet sind. „Wenn die Arbeit der blista nur bei einem einzigen Schüler Wirkung zeigt, dann hat sich meine Arbeit, mein Einsatz schon gelohnt“, hofft Hertlein auf die Nachhaltigkeit der Arbeit.
Ein bisschen schwer fällt es ihm schon, nach so langer Zeit loszulassen und die blista, zumindest als Direktor, zu verlassen. Aber er versichert seinem Nachfolger Claus Duncker, dass er ihm „nicht ständig auf dem Schoß hocken“ werde.
Natürlich gab es in 29 Jahren nicht nur schöne Erlebnisse. Gerade in den achtziger Jahren geriet die blista in heftige wirtschaftliche Turbulenzen. Aber Hertlein bezeichnet sich selbst als „Erinnerungsoptimisten“, und so sagt er, dass besonders die letzten 10 Jahre einfach traumhaft gewesen seien.
Jürgen Hertlein hat sich besonders durch seine Begeisterungsfähigkeit ausgezeichnet, er hatte für neue Projekte stets ein offenes Ohr, war für die Belange der Schülerinnen und Schüler immer ein verständnisvoller Ansprechpartner. Seine einnehmende Art hat die blista weit über Marburg hinaus bekannt gemacht. Bei der Verabschiedung in der Marburger Stadthalle nannte Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel Jürgen Hertlein als „bekannt wie ein bunter Hund“. Das war er und wird er auch bleiben.
Denn mit dem Eintritt in den Ruhestand wird Jürgen Hertlein keineswegs ruhiger, gesetzter. Wer ihn kennt, weiß, dass er weiterarbeiten wird. Als Vorsitzender der Lothar und Ilse Seeber-Stiftung, als Vorsitzender des BC Marburg (1. Basketballbundesliga der Frauen) und seit neuestem auch als ehrenamtlicher Stadtrat im Magistrat der Universitätsstadt Marburg.
Herr Hertlein wird weiterhin ein unermüdlicher Wirbelwind bleiben, der andere Menschen begeistern kann und sich selbst die kindliche Begeisterungsfähigkeit erhalten hat.
Privat möchte Jürgen Hertlein wieder vermehrt als Hausmann aktiv werden, was ihm nach eigener Aussage „unheimlich Spaß“ macht. Sein Auto möchte er jetzt im Ruhestand öfter stehen lassen und die schöne Stadt Marburg per Fuß unsicher machen.
Herr Hertlein war im Umgang mit Schülern stets unkompliziert, sprach mit ihnen nie von oben herab, hatte ein Gespür im Umgang mit Blinden und Sehbehinderten, und vergaß bei all den Aufgaben, die ein Direktor einer so großen Einrichtung hat, nie worauf es ankommt. Auf die Schülerinnen und Schüler der Blindenstudienanstalt. Er brachte Menschlichkeit in ein bürokratisches Amt, stets darauf bedacht, das Beste für die Deutsche Blindenstudienanstalt zu erreichen.
Nun ist sein offizieller Dienst zu Ende. Was wird von der Ära Hertlein bleiben? „Ich bin ja in den Akten“, sagt Hertlein schmunzelnd.
blista