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- April 2007
Menschen
Elvis sei Dank
Thorsten Büchner » Zuerst verspürte er Erleichterung. Als Günther Koos zusammen mit seiner Mutter 1959 als 13jähriger aus einem Taxi stieg und aus den Internatsräumen der Deutschen Blindenstudienanstalt Elvis Presley singen hörte, fiel die Anspannung von ihm ab. In seiner alten Blindenschule munkelte man Ende der 50er Jahre davon, dass die blista so streng sei, dass sie sogar Rockmusik verbieten würde. So war der erste Eindruck bereits positiver als gedacht, und für Günther Koos begann eine wunderbare Zeit bis zum Abitur 1967. Während dieser Zeit verschlechterte sich sein Sehrest aufgrund einer Augenerkrankung immer mehr, bis er vollkommen erblindete.
Nach dem Abitur begann er zunächst ein Soziologie-Studium, brach dieses jedoch aufgrund der nicht zu bewältigenden Lektüre ab und wechselte zum Fach Mathematik. Allerdings, wie er einräumt, rein aus Interesse, also ohne schon einen festen Berufswunsch damit zu verbinden.
1975 beendete er sein Studium erfolgreich und begab sich annähernd zwei Jahre vergeblich auf Jobsuche. Von 50 Bewerbungen erhielt er überhaupt nur 4 Antworten, in denen ihm mitgeteilt wurde, dass man sich eine Zusammenarbeit mit einem blinden Kollegen nicht vorstellen könne. Eine Beratungsstelle für behinderte Akademiker brachte ihn auf die Idee, es doch als Mathematiklehrer zu versuchen. Er legte das dafür erforderliche erste Staatsexamen ab und ging 1977 ins Referendariat, teilweise an der Carl-Strehl-Schule, teilweise an einem Marburger Regelgymnasium.
Nach erfolgreich bestandenem zweiten Staatsexamen wollte Günther Koos eigentlich nach Hamburg an eine integrative Gesamtschule mit Blindenschwerpunkt. Aus - damals - unglücklichen Zufällen kam die dort vorher vereinbarte Anstellung nicht zustande und ihm kam das Glück zur Hilfe. An der blista wurde die Stelle eines Mathematik- und Physiklehrers frei, und so arbeitet er seit 28 Jahren an der Carl-Strehl-Schule.
Viele Probleme, die manche Schülerin, manchen Schüler plagen, wie Heimweh, schleichender Verlust des Sehrests oder Zukunftsängste, kann Koos aus seiner eigenen Biographie heraus vielleicht besser nachvollziehen als manch sehender Kollege. Es passiert regelmäßig, dass mich Schüler fragen, wie ich mit meinem Sehverlust umgegangen bin, sagt Koos.
Er gesteht ein, dass es für ihn persönlich nicht in Frage gekommen wäre, an einer Regelschule zu unterrichten, obwohl er im Referendariat gute Erfahrungen mit den dortigen Schülern machen konnte. Deswegen rät er allen seinen Schülern, nur dann ein Lehramtsstudium aufzunehmen, wenn sie dazu bereit sind, auch an Regelschulen mit 30 Kindern zu unterrichten. Er selbst hatte Glück, einen Platz im Kollegium der CSS zu finden, aber darauf zu spekulieren, an einer Blindenschule arbeiten zu können, hält Koos für fatal.
Neben seiner Lehrtätigkeit engagiert sich der 60jährige gebürtige Stuttgarter in der Schwerbehindertenvertretung der Blindenstudienanstalt. Koos vertritt die Meinung, dass gerade die blista als Beispiel bei den Beschäftigungszahlen von Schwerbehinderten vorangehen muss, um gerade den Schülerinnen und Schülern Mut zu machen. „Um eine Chance nutzen zu können, muss sie erst mal da sein“, untermauert Günter Koos seine Forderungen. Dieser Punkt scheint ihm besonders am Herzen zu liegen, bestimmt auch deshalb, weil ihm damals selbst viele Chancen nicht gewährt wurden.
Für die Zukunft wünscht er sich, dass die Punktschrift als erstes, primäres Medium für Blinde im Zuge der „Laptopisierung“ nicht aus dem Blickfeld der Schule gerät.
In seiner freien Zeit liest Herr Koos besonders gerne Krimis von Henning Mankell und Elizabeth George. Rock'n Roll hört er übrigens immer noch gerne, da hat sich seit 1959 nichts geändert.
blista