Eine Anekdote über die Verwüstungen, die ein fünfminütiges Brainstorming hinterlassen kann

Erfahrungen in der Orientierungswoche

Winfried Thiessen * » Jedes Jahr finden Orientierungswochen für die verschiedenen Aufnahmejahrgänge statt. Diese Tage dienen dazu, den neuen Schülern und ihren Eltern die Möglichkeit zu bieten, in die blista hineinzuschnuppern, sich ein Bild von der Einrichtung, den Lehrern, Betreuern und der Stadt Marburg zu machen. Umgekehrt nutzen natürlich auch die Betreuer und Lehrer die Zeit, um die neuen potentiellen Schüler kennen zu lernen und für sie die optimale Beschulungs- und Unterbringungsmöglichkeit auszuwählen.

Vor einigen Wochen fand ich nun beim Aufräumen unseres Betreuerzimmers einen Orientierungswochenbericht, geschrieben von einem ehemaligen blinden Schüler und „Marburghasser“, dem nach langem „Leidensweg“ das Abitur an der blista abgerungen werden konnte, und der so seine eigene Art des Wahrnehmenwollens hatte. Lange Rede kurzer Sinn … hier in der Orginalorthografie von Moritz Wolfart eine:

Zusammenfassung der Oriwoche in Marburg 1999

Zur owoche kann ich nur sagen das ich seit dienstag krang bin und mich seit diesem tage gerade noch so am leben durch die woche bringe ansonsten kann ich nur sagendas es hier stingt wie in mittelalterlichen biblioteken. Das istkaum auszuhalten. Achja an jedem tag bekomme ich mindestens eine lobhümne über marburg von einem lehrer oder zumindest von einem erzieher vorgetragen in der mir immer vor augen geführt wird wie toll doch marburg sei. Das theater habe ich nicht besucht weil ichtheather absolut abschäulich finde und mir lieber bei lebendigem leibe die eingeweide herrausreisen würde als in ein theatherstückzu gehen. Die leute in meiner wohngruppe labere ich den ganzen tag zu vom office scientiffic investigation an resurch oder von der polidextrose die in so manch einem getränk vorhanden ist und sich in polnisch wie in deutschpleich ausspricht. Ich wundere mich wie die es alle mit mir aushalten können manche leute sagen sogar das sie mich liebgewonnen hätten das sind aber nur die erzieher die müssensowas sagen weil sie ja werbung machen müssen marburg will ja schliesslich neue schüler haben und da kommt es glaube ich nicht so gut wenn die erziher nicht jeden tag ein paar nette worte an mich richten. Das ist alles nur anwerbe strategie. Wir waren noch zweimal weg und ich habe jedesmal einen milschshake getrunken die waren mehr schlecht als recht die haben da ganz einfach eine kugel von der richtigen geschmacksrichtung beigemängt und bums war der shake fertig. Das eis blieb am oder auch im strohhalm hängen und stecken und ich hatte alle mühe die shakes auszutrinken. Fals ich nach marburg komme werde ich diesem genuss auf ewig entsagen.

That's it. Kurz und knapp, eine Woche auf den Punkt gebracht von Moritz Wolfart, damals unschuldige 16 Jahre alt und stark erkältet im Unterricht von Frau M. Saßmannshausen sitzend - leider ohne Möglichkeit zur Korrektur, sonst wäre aus diesem Gesellenstück sicher ein Meisterwerk geworden. Seine sich offensichtlich gleich zu Anfang abzeichnende zärtliche Liebe zu Marburg, der blista im Allgemeinen und ihrem lebenden Inventar im Besonderen, konnte er sich auch während seines fünfjährigen Internatsaufenthalts allerdings nie wirklich eingestehen. Schade eigentlich. In gut'ster Memory, dem blista- und Lebenskritiker M. Wolfart.

* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat

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