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Schulleiter Dr. Matthias Weström

Man muss zuhören können

Thorsten Büchner » Eigentlich war es gar nicht vorgesehen, dass Matthias Weström jemals im Schuldienst landen und mehr oder weniger interessierten Schülerinnen und Schülern die Geheimnisse der Mathematik erläutern würde. Bevor er 1979 an die Blindenstudienanstalt kam, arbeitete er nahezu 10 Jahre als Assistent und später auch als Dozent am Fachbereich Physik der Marburger Universität. Nachdem er 1978 habilitierte und somit die Befähigung zu einer Professur erlangte, fand sich jedoch keine Stelle. So entschloss sich Matthias Weström, quasi aus der Not heraus, die Universität zu verlassen und es als Lehrer zu versuchen.

Die Skepsis war dann auch das vorherrschende Gefühl, als er 1979 seine erste Stelle an der Carl-Strehl-Schule antrat. Er arbeitete die ersten Monate kostenlos, weil er sich selbst nicht sicher war, ob ihm die Lehrtätigkeit lag, und sich so ein Hintertürchen für einen möglichen Wechsel offen ließ. „Aber nach wenigen Wochen hatte mich das Unterrichten an der blista gepackt“, erzählt der 66jährige heute noch begeistert. Dadurch, dass man als Lehrer für Blinde und Sehbehinderte viel mehr auf das sprachliche Vermitteln von Informationen angewiesen ist, entdeckte Weström die Physik für sich neu. So war er als Lehrer dazu gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vollkommen beeindruckt war er, als er mit blinden Schülern die Farbzerlegung behandelte und diese mittels eines selbst gebauten Gerätes akustisch erfahrbar machte. „Diese Begeisterung in den Schülerinnen und Schülern hervorzurufen, war seither mein Ansporn in der pädagogischen Arbeit“ sagt Weström rückblickend.

Zu Beginn der 80er Jahre befand sich der naturwissenschaftliche Unterricht an der blista, technisch gesehen, noch in den Kinderschuhen. Erst nach und nach wurden die Hilfsmittel entwickelt, die aus dem heutigen Physik- und Chemieunterricht gar nicht mehr wegzudenken sind. Matthias Weström kümmerte sich ab 1982 als Fachbereichsleiter Naturwissenschaft um die Erweiterung und Verzahnung der naturwissenschaftlichen Fächer.

Ende der 80er Jahre bewarb er sich dann um die Nachfolge des aus Krankheitsgründen aus dem Dienst ausscheidenden Reinhold Wolff. Zunächst ärgerte sich Matthias Weström, dass er in seiner neuen Tätigkeit als Schulleiter immer weniger selbst unterrichten konnte, akzeptierte es aber schließlich, weil er merkte, dass aufgrund seiner neuen Aufgaben die Vorbereitung und somit auch die Qualität des eigenen Unterrichts litt.

Einen wichtigen Teil der Arbeit als Schulleiter nahm die Repräsentation nach außen ein. Matthias Weström machte es sich zur Aufgabe, das Bild, das in vielen Blindenschulen über die blista vorherrschte, zu revidieren und für die blista zu werben. „Viele Schulen betrachteten die blista als elitären Laden, der nicht mit sich reden lässt und die übrigen Blindenschulen als untergeordnete Zulieferer versteht“, erläutert Weström das damals vorherrschende Meinungsbild. Diesen Dialog zwischen den Blinden- und Sehbehindertenschulen mit angestoßen zu haben, ist Matthias Weström hoch anzurechnen.

Ebenfalls viel Zeit nahmen in den letzten Jahren immer mehr die Verhandlungen mit Kostenträgern ein. Bei besonders schwierigen Fällen stand bis kurz vor Schuljahresbeginn noch keine Zusage der Kostenträger fest, und Herr Weström redete mit Engelszungen auf die Sachbearbeiter ein, um den Schülern die Chance, an die blista zu kommen, zu ermöglichen.

In den 16 Jahren als Schulleiter erlebte der gebürtige Berliner, wie sich die Schule nach und nach veränderte. Die steigenden Schülerzahlen erforderten immer mehr Raum, der anderen Abteilungen der Blindenstudienanstalt auf dem Gelände am Schlag abgerungen werden musste. Die Schule erweiterte ihr berufliches Angebot, setzte in den 90er Jahren verstärkt auf EDV und führte 1998 die Jahrgangsstufe 5 ein, womit die Carl-Strehl-Schule endgültig zum Vollgymnasium wurde.

Diese Entwicklungen betrachtet Weström als Meilensteine in der Entwicklung der blista als Bildungseinrichtung. Neben diesen rein schulischen Aspekten ist es Weström wichtig zu betonen, dass für ihn die Attraktivität der blista als Bildungseinrichtung ebenfalls stark mit dem außerschulischen Angebot verknüpft ist. „Musik, Theater, Sport sind Dinge, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann“ meint der ehemalige Schulleiter.

Das Besondere an Matthias Weström ist, dass er die Schule nie als  Kernaufgabe“ der Blindenstudienanstalt verstanden hat. „Wenn man Schule sagt, muss man das Internat und das RES mindestens genauso erwähnen“, verdeutlicht Weström den ganzheitlichen Gedanken der Blindenstudienanstalt, der ihm so am Herzen liegt.

Herr Weström verkörperte wie kein zweiter diesen ganzheitlichen Gedanken. Er blickte stets über den Tellerrand der Schule hinaus und hatte das Gesamtbild im Blick.

Für die Zukunft wünscht sich Weström, dass die blista „der Hort für sonderpädagogisches gutes, richtiges Handeln“ bleibt und dass sie „weiterhin als Richtschnur“ im Blinden- und Sehbehindertenwesen gilt.

Als bislang nahezu unbearbeitet sieht Weström den Berufserfolg von ehemaligen blista-Schülerinnen und -Schülern an. „Man müsste viel mehr auf deren Erfahrungen im Studium, in der Ausbildung und im Berufsleben zurückgreifen, um Rückschlüsse auf die pädagogische Arbeit der Blindenstudienanstalt ziehen zu können“, merkt er kritisch an.

Er selbst wird bis zum Schuljahresende noch als Mathematik- und Physiklehrer arbeiten, bevor er sich dann endgültig von der blista verabschieden wird. Über seine Zukunft will er nicht allzu viel verraten, nur soviel lässt er sich entlocken: Er möchte sich verstärkt um eine Blindenschule in Georgien kümmern, außerdem hat er vor, sich mit der aktuell diskutierten Klimaproblematik in Verbindung mit Wolken auseinanderzusetzen.

Vermissen werden ihn viele. Das Geräusch, wenn er seine Pfeife ausklopft, fehlt den Sekretärinnen in der Schulleitung bereits jetzt. Sein Lachen aus vollem Halse, seine ironische Art, seine Umständlichkeit, seine durchaus polterige Art und Weise. All diese kleinen Eigenschaften werden wir wohl vermissen.

Richtig fehlen wird der blista aber die tiefe Menschlichkeit, die Matthias Weström ausgezeichnet hat. Für ihn standen immer die einzelnen Schülerinnen und Schüler im Vordergrund. Und so ist die Antwort auf die Frage, was er selbst als Schulleiter gelernt hat, auch symptomatisch für den Menschen Matthias Weström: „Zuhören, immer mehr zuhören!“

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