Das Aufnahmeverfahren zum neuen Schuljahr

Wie kommt man an die Carl-Strehl-Schule?

Horst Lehnert * » Nach den Sommerferien werden wir wieder eine große Zahl neuer Schüler und Schülerinnen bei uns begrüßen dürfen. Wie kommt man aber eigentlich an die Carl-Strehl-Schule? Was wird seitens der blista alles unternommen, um den Weg nach Marburg zu ebnen und das neue Schuljahr angemessen vorzubereiten?

Zunächst wenden sich die Sorgeberechtigten oder die Betroffenen selbst meist telefonisch an uns. Sie erhalten erste Informationen und werden gebeten, falls konkretes Interesse oder ein Informationsbedürfnis besteht, bestimmte Unterlagen einzureichen.

Die verlangten Unterlagen sollen einen ersten Einblick in die Situation und die Wünsche der potentiellen Schüler ermöglichen. Da ist zunächst ein Fragebogen auszufüllen, der Angaben über die persönlichen Verhältnisse, die bisherige Schullaufbahn und den Ausbildungswunsch an der Carl-Strehl-Schule enthält. Darüber hinaus gibt es ein Formular, das von der bisherigen Schule auszufüllen ist. Dort wird nach den bisherigen schulischen Bedingungen gefragt, welche Arbeitstechnik wurde genutzt, welche Hilfsmittel sind vorhanden, wie ist das Leistungsvermögen und der Leistungswille einzuschätzen und welche Prognose wird für die weitere Schullaufbahn gestellt. Benötigt werden zudem ein augenärztliches Gutachten und die letzten Zeugnisse.

Damit man sich aber auch persönlich kennen lernt, wird dann vom Schulsekretariat ein Beratungstermin vereinbart. Es findet dann ein zweiteiliges Beratungsgespräch statt. In der Schule werden die Fragen eines schulischen Überganges und die Planung der weiteren Schullaufbahn besprochen, im Internat geht es um die Bedingungen der Unterbringung in den Wohngruppen.

Der nächste Schritt ist die Einladung zu den verschiedenen Orientierungswochen der Blindenstudienanstalt. Diese Orientierungswochen erfüllen vielfältige Aufgaben. Die Interessenten und Interessentinnen sollen einen möglichst konkreten Einblick in die Arbeit an unserer Schule und die Dinge, die die Schüler bei uns zu bewältigen haben, erhalten.

Die potentiellen Schüler und Schülerinnen zeigen aber auch ihren bisherigen Bildungsstand. Sollten hier noch etwaige Defizite bestehen, kann bei der Planung des neuen Schuljahres darauf reagiert werden. Die schulischen Arbeitstechniken werden überprüft. Auch die RES führt verschiedene Beratungen und Überprüfungen durch. So sind die bei der Sehhilfenberatung empfohlenen Hilfsmittel im Idealfall bei Schuljahresbeginn schon vorhanden. Hinweise auf die Erfordernisse in den Bereichen „Orientierung & Mobilität“, Motorik und „Lebenspraktische Fähigkeiten“ helfen, den Förderbedarf individuell zu planen. Die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Internats gewinnen einen Eindruck über die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler, über Vorlieben, Abneigungen, Hobbys usw. und können so die Verteilung auf die einzelnen Wohngruppen besser vornehmen. Auch der Psychologische Dienst gewinnt einen ersten Eindruck und kann gegebenenfalls erforderliche Unterstützungsmaßnahmen vorbereiten.

Nach Abschluss dieser Orientierungswochen werden die Ergebnisse gemeinsam ausgewertet und die Interessenten und Interessentinnen erhalten eine schriftliche Nachricht über unsere Einschätzung und Einstufung. Mit dieser Benachrichtigung ist auch die Bitte verbunden, möglichst rasch mitzuteilen, ob der Besuch der Carl-Strehl-Schule gewünscht wird.

Falls dies der Fall ist, gilt es noch die letzte Stufe zu nehmen. Die Sorgeberechtigten müssen einen Antrag bei der zuständigen Behörde zur Übernahme der Kosten stellen. Da dies im Einzelnen durchaus mit Hindernissen verbunden sein kann, bieten wir hier, wenn gewünscht, Hilfestellung an. Liegt die Kostenübernahme dann vor, steht dem Schulbesuch im neuen Schuljahr nichts mehr im Wege!
Auf diesem Weg zum Schulbesuch in Marburg sind die Orientierungswochen also eine wichtige, unverzichtbare und, wie wir meinen, wirklich tolle Veranstaltung.

Was bedeutet dieses Verfahren aber für die Blindenstudienanstalt?

Zunächst müssen wir, wenn wir Menschen zu uns einladen, Platz schaffen. Glücklicherweise haben wir aber kaum unbesetzte Plätze in Schule und Internat, um die zukünftigen „Neuen“ einfach so unterbringen zu können. Also können wir Orientierungswochen nur durchführen, wenn wir unsere Schüler für diese Zeit „loswerden“, also „müssen“ sie auf Klassenfahrt!

Was würden Sie davon halten, wenn für eine Woche „Fremde“ in Ihrem Zimmer leben würden, das für Sie eine zweite Heimat geworden ist? Wo bleiben meine Sachen in der Wohngruppe und der Schule während dieser Zeit? Sind denn auch genügend auf Reisen, um alle aufnehmen zu können?

Da immer mehr Bundesländer zentrale Abschlussprüfungen eingeführt haben und sich bei der Festlegung ihrer Prüfungstermine leider nicht nach den Terminen unserer Klassenfahrten richten, wird es immer schwieriger, geeignete Termine für die Orientierungswochen zu finden.

Wir müssen also zusätzlichen Unterricht organisieren, zu Zeiten, da ein Teil der Kollegen und Kolleginnen durch Klassenfahrten abwesend sind. Die Räume in der Schule müssen hergerichtet werden. Wir wissen zwar, wer laut Unterlagen ein Bildschirmlesegerät braucht, wer braucht es aber wirklich? Wer hat seine Bogenmaschine dabei und funktionieren unsere Leihgeräte? Warum haben die Schüler und Schülerinnen immer wieder vergessen, zum Unterricht und den Sehhilfenberatungen ihre Lupen und Lupenbrillen mitzubringen? Wieso klappt es mit dem Fahrdienst in der Regel doch? Wie finden die Zivis die völlig unbekannten Menschen im Speisesaal? Warum geht keiner der „Neuen“ in der völlig unbekannten Umgebung verloren? Wie gelangen die Beobachtungen und Informationen an die Personen, die sie für die Auswertung brauchen? Warum kommen die meisten Antwortbriefe der Sorgeberechtigten pünktlich und manche nicht? Wieso liegen am Ende des Schuljahres die meisten Kostenzusagen vor und warum muss man bei manchen noch bis zum Ende der Sommerferien telefonieren, um bis zum Schuljahresbeginn zumindest eine telefonische Zusage zu bekommen? Wer führt über 100 Gespräche in Schule und Internat mit den Interessenten, schreibt die Gesprächsprotokolle, organisiert die Termine?

Wir hatten in diesem Jahr 2 Orientierungswochen für die 5er, zwei Orientierungswochen für die 7er, 2 Orientierungswochen für die „Quereinsteiger“, d. h. für Interessenten für die Stufen 8 bis 11, und einige Hospitationen von Menschen, die aus sachlichen oder organisatorischen Gründen in diese Orientierungswochen nicht eingegliedert werden konnten.

Wir haben all dies geschafft! Dank an alle, die dabei mitgewirkt haben! Wir werden dies auch in Zukunft bewältigen und:
Wir freuen uns auf die „Neuen“: Willkommen zum neuen Schuljahr!

* Lehrer an der Carl-Strehl-Schule

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