blista-Schüler beim ersten Landesabitur erfolgreich

Peter Rollenske * » Am Morgen des 29. März 2007 betreten die Biologielehrer Helmut Karges und Doris Rausch gemeinsam mit dem Schulleiter Joachim Lembke und dem Oberstufenleiter Michael Oelmann früh um sechs Uhr die Carl-Strehl-Schule.

Kurze Zeit später sitzen Frau Rausch und Herr Karges über sechs Papierstapeln und grübeln: Wähle ich A1 oder A2, B1 oder B2, C1 oder C2?

Die beiden sind die Kursleiter der Leistungskurse Biologie, und an diesem Tag findet die schriftliche Abiturprüfung im Fach Biologie statt. Genau wie Doris Rausch und Helmut Karges sitzen zu dieser Stunde an allen Gymnasien in Hessen die Biologielehrer vor demselben Problem. Die Kursleiter der Leistungs- und Grundkurse im Fach Biologie müssen aus sechs Aufgabenvorschlägen drei auswählen, von diesen dreien einen Vorschlag verbindlich zur Bearbeitung für ihre Schüler bestimmen, und von den übrigen zwei ausgewählten Vorschlägen wird anschließend jeder Schüler für sich einen zweiten Vorschlag auswählen und bearbeiten. Kompliziert? Ja!

Zum ersten Mal wird die Abiturprüfung in den schriftlichen Prüfungsfächern in ganz Hessen mit zentral gestellten, landesweit einheitlichen Aufgaben als „Landesabitur“ durchgeführt und unsere Schüler sind dabei. „Sind selbstverständlich dabei“, sagen alle Beteiligten nach der erfolgreichen Teilnahme.

Die Vorgeschichte

In der letzten Regierungserklärung der hessischen Landesregierung heißt es, dass das Abitur 2007 als „Landesabitur mit einheitlichen Aufgaben in den schriftlichen Prüfungsfächern“ durchgeführt wird und dass die Schülerinnen und Schüler aus einem Aufgabenpool individuell Aufgaben auswählen können.

Es gelten für alle Schulen die gleichen Prüfungsbedingungen. Klingt theoretisch gut, aber was heißt es für uns? Voraussetzung für die Teilnahme unserer Abiturienten ist die barrierefreie Gestaltung der Aufgaben und die entsprechende Vorbereitung in den Kursen. Am Beispiel der Leistungskurse Biologie sollen diese beiden Aspekte etwas genauer dargestellt werden: Was nach Selbstverständlichkeit klingt „Teilnahme am Landesabitur“, bedeutet für die Carl-Strehl-Schule eine ganz neue Herausforderung.

Für unsere blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schüler wird im Biologieunterricht einerseits nach dem Lehrplan der allgemeinen Gymnasien unterrichtet, andererseits gibt es sonderpädagogisch begründete Abweichungen. Die kognitiven Leistungen sind dabei die gleichen wie an der allgemeinen Schule, aber es können wegen der eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit in manchen Themenbereichen inhaltliche Abweichungen bzw. andere Schwerpunktsetzungen auftreten. Zusätzlich muss wegen der zeitaufwändigeren Bearbeitung von Typhlographien, komplexen Abbildungen und Modellen sowie beim Experimentieren verstärkt das Prinzip des Exemplarischen berücksichtigt werden, sodass etliche Themen nur an wenigen Beispielen vermittelt werden können.

Für unsere Kurse mussten nun für das Landesabitur alle!, auch die für Blinde und Sehbehinderte schwer zugänglichen Inhalte angepasst werden.

Die Fachkonferenz Biologie bereitete die genaue Umsetzung der in den „Handreichungen zum Lehrplan Biologie“ genannten Lerninhalte vor; in den Handreichungen sind die im Landesabitur als gelerntes Wissen vorausgesetzten Inhalte genannt. Hierzu wurde jetzt eine umfangreiche Erschließung von neuem Lernmaterial erforderlich; Texte und Abbildungen, die mit Hilfe des Medienzentrums der CSS parallel zum Unterricht mit Begleitung der Biologielehrer Helmut Karges und Doris Rausch übertragen bzw. blinden- und sehbehindertengerecht angepasst werden mussten.

Die neue Prüfungsform hatte natürlich auch Einfluss auf den vorbereitenden Unterricht in den prüfungsrelevanten Halbjahren 12-I, 12-II, 13-I. Da alle Themen der Handreichungen im Abitur vorausgesetzt werden, müssen alle Kursteilnehmer diese Vollständigkeit auch bei Unterrichtsausfall wegen einer Studienfahrt oder Erkrankung durch besonders intensives Lernen erfüllen.

Die Prüfungsaufgaben: Insgesamt mussten für den Haupttermin und den Nachschreibtermin im Grundkurs und im Leistungskurs 12 Teilaufgaben übertragen werden. Neben der reinen Punktschrifterstellung galt es, insgesamt 60 Abbildungen in taktile Form zu übertragen bzw. Abbildungen von Tieren und Realabbildungen von Ökosystemen in Texten zu beschreiben. Diese Aufgabe erledigte Michael Weitzel vom Medienzentrum der CSS unter Mitarbeit von Sylvia Schwenger aus dem Bereich „Taktile Medien“ in Kooperation mit dem Biologielehrer Peter Rollenske, der als Mitglied der „Fachkommission Biologie für das Landesabitur in Hessen“ an der Aufgabenerstellung beteiligt ist.

Ergebnis von zwei Jahren Vorbereitung

Für ganz Hessen, einschließlich der Carl-Strehl-Schule: Identische Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler in den Kursen, identische Abituraufgaben für alle Kursteilnehmer.

Als Nachteilsausgleich für den erhöhten Zeitaufwand wird unseren Schülern ein 50 %-Zeitzuschlag zugestanden; ferner gibt es eine Orientierungshilfe bei der Aufgabenauswahl durch die Kursleiter, die den Prüflingen die zum Teil sehr komplexen Aufgabenstellungen kurz beschreiben.

Die Rückmeldungen der Kursleiter und der Schülerinnen und Schüler über die Abituraufgaben: Fair, machbar, super, zum Teil schwer verständlich, zum Teil zu kompliziert in den Materialien, zum Teil ähnliche Thematik wie im Unterricht usw..

Rückmeldungen, die sich mit den Rückmeldungen anderer Schüler und Kursleiter im Land Hessen decken.

Insofern: Ein ganz normaler Vorgang, dass unsere Schülerinnen und Schüler selbstverständlich ganz normal am ersten Landesabitur in Hessen erfolgreich teilnehmen. Die Biologie-Abiturnoten sind übrigens sehr ähnlich wie die vorherigen Kursnoten ausgefallen.

Neben den Leistungskursen Biologie waren am Landesabitur mit zentraler Aufgabenstellung beteiligt:

  • Leistungskurs Wirtschaft im beruflichen Gymnasium
  • Leistungskurs und Grundkurs Geschichte
  • Leistungskurs und Grundkurs Englisch
  • Leistungskurs und Grundkurs Deutsch

* Lehrer an der Carl-Strehl-Schule

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