Blickfang

Ein Theaterstück, das unter die Haut geht

Szene in einem Cafe Thorsten Büchner » Sich in der Welt seinen Platz zu suchen, ist für einen jungen Menschen immer ein schwieriges Unterfangen. Wenn er nicht der Norm entspricht, wiegt der Rucksack doppelt schwer. Selbstironisch setzen sich die sehbehinderten Jugendlichen in ihrem Stück „Blickfang“ mit ihrer Situation in einer Welt auseinander, in der alles zuerst aufs Auge zielt. Sie bedienen Klischees ebenso wie die Realität und stellen der eigenen schmerzhaften Erfahrung die Phantasie entgegen.
Theater soll zum Nachdenken, zum Horizont erweitern beitragen, heißt es oft. Wie das auf eine ganz unbeschwerte, dennoch tief einfühlsame Weise passieren kann, zeigte das Theaterstück „Blickfang“ der Theatergruppe „Nachtsicht“ Ende August bei vier Vorstellungen im ausverkauften „Theater im G-Werk“.

Die 16 sehbehinderten Schauspielerinnen und Schauspieler hatten zusammen mit ihrer Regisseurin Karin Winkelsträter und Monika Saßmannshausen den über 300 Zuschauern einen tiefen Einblick in die „Welt dazwischen“ gewährt. Nicht blind zu sein, aber auch nicht richtig sehend, war das Hauptthema der 90-minütigen Szenencollage, die die Jugendlichen zusammen mit ihrer Regisseurin Winkelsträter, Thorsten Büchner und Monika Saßmannshausen erarbeitet hatten. Eine Darstellerin ertastet das Gesicht eines jungen Mannes, im Hintergrund ein Text in Punktschrift So war die Auseinandersetzung mit der eigenen Sehbehinderung auch in jeder Szene präsent. Das Theaterstück gewann an großer Authentizität und Eindringlichkeit, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre eigenen Erfahrungen ins Stück einbrachten und es so zu „ihrem“ Stück machten.
Szenen, in denen eine von Erblindung bedrohte junge Frau sich von ihrem sehenden Freund trennt, weil sie sein Mitgefühl nicht aushält oder ein junges Mädchen von seinen Eltern in fürsorglicher Absicht von Augenarzt zu Augenarzt geschleppt wird, um noch den allerkleinsten Hoffnungsschimmer auf eine Sehverbesserung aufrecht zu erhalten, gingen unter die Haut. Mehr noch, als das kleine Mädchen seiner Mutter versucht begreiflich zu machen, dass es glücklich ist mit seiner Situation und die dauernden Untersuchungen und neuen Operationsmethoden es zutiefst verunsichern. Dieses eindringliche Plädoyer gipfelt dann in dem Lied „Meine Welt“.
Die Lieder in „Blickfang“ sind allesamt von den Schauspielern selbst getextet und vertont worden, sie bilden die emotionalen Höhepunkte in einem nachdenklichen, an manchen Stellen zutiefst traurigen Stück.
Einen weiteren beeindruckenden Moment bildet der Schluss, als alle Schauspieler Dinge aufzählen, die sie gerne tun würden, wenn sie sehen könnten. Teils so einfache Dinge wie „In der Sonne liegen und lesen“ stehen Wünschen wie „Ich möchte mich gerne unauffällig durch die Stadt bewegen“ gegenüber.
Man merkt während der gesamten 90 Minuten, dass die Jugendlichen ein Anliegen haben. Sie wollen auf ihre Situation aufmerksam machen, jedoch ohne Mitleid zu erregen, sie wollen Verständnis wecken für die Verzweiflung, den Schmerz, die Ängste, die mit einem Sehverlust einhergehen.
Viele der Zuschauer haben genau diesen Aspekt an „Blickfang“ geschätzt. Sogar langjährige Mitarbeiter der blista, die das Stück gesehen haben, sagten, dass man hier ganz einfach „mitkriegt, worum es an der blista eigentlich geht“. Darum, dass die Schülerinnen und Schüler einen für sich angemessenen Umgang mit ihrer Sehbehinderung erlangen, der die Trauer um den Sehverlust einschließt, aber auch die Hoffnung darauf am Leben hält, dass das Leben nicht endet, sondern sich nur ändert.

Im November trat „Nachtsicht“ beim Festival „Transvisuelle Dramatik“ in Berlin auf und konnte vor über 70 Zuschauern „Blickfang“ erneut präsentieren. Im Anschluss gab es eine 40-minütige Diskussion mit dem Publikum, in der die Schauspieler ihre Situation schilderten.
Die Zuschauer betonten, völlig neue Einblicke erlangt zu haben und bedankten sich für die ehrliche, offene Art, in der die „Nachtsichtler“ ihnen begegneten.
Einige der Jugendlichen gaben in der Diskussion auch zu, dass sie erst im langwierigen und intensiven Entstehungsprozess des Stücks und den damit verbundenen Gesprächen einen unverkrampfteren und selbstbewussteren Umgang mit der eigenen Sehbehinderung erlangt haben.
Und was kann es für ein schöneres Kompliment für die Theaterarbeit an der blista geben, als die Gewissheit, das Publikum mit künstlerischem Spiel, emotionalen Geschichten und offenem Umgang mit der Behinderung berührt und gleichzeitig allen Beteiligten der Theatergruppe wichtige Erfahrungen geschenkt zu haben, die sie woanders kaum in dieser Intensität hätten erleben können?

Die Gruppe:

Die Theatergruppe „Nachtsicht“ der Deutschen Blindenstudienanstalt in Kooperation mit dem ACTeasy Jugendtheaterclub Marburg e.V. spielt bereits seit 11 Jahren in wechselnder Besetzung unter professioneller Leitung Theater. Mit einer Mischung aus Sprech- und Musiktheater, Poesie und Komik, Improvisation und selbst entwickelten Textcollagen bringen die Jugendlichen ihre eigenen Themen auf die Bühne und rücken ihre Talente selbstbewusst ins Rampenlicht.

Es spielen:
Andreas Göller, Anna Schneider, Baran Igret, Demet Seven, Denise Gatzweiler, Dorothee Jark, Felix Moskalenko, Heiko Forro, Hüseyin Yücel, Jonathan Wollenberg, Katharina Faschinger, Ricarda Ramünke, Ruth Arbenz, Sophia Neises und Sophie Heidemann

Es singen:
Ruth Arbenz, Katharina Faschinger, Anna Schneider, Demet Seven, Sophie Heidemann, Heiko Forro

Musikalische Bearbeitung:
Heiko Forro und Felix Moskalenko und die Sängerinnen

Liedtexte:
Anna Schneider und Katharina Faschinger

Sörens Gedicht:
Felix Moskalenko

Vor einem überdimensionalen Auge als Hintergrund stehen vier Darsteller

Was mir so gut gefallen hat an „Blickfang“ (von Franz Stotte, Zuschauer)

Ein Thema, aber keine zusammenhängende Geschichte.
Isolierte Episoden, deren Fäden weitergesponnen werden.
In jeder Dunkelpause die Annäherung an die Blindenwelt, und die Neugier: was kommt als nächstes, und der vergebliche, angestrengte Versuch des „Sehenden“, doch zu entdecken, was da auf der finsteren Bühne gerade passiert.
Ich war über das Schreibmaschinenkonzert begeistert, weil es per se und gerade durch die ausschließlich akustische Wahrnehmung, weil dunkel, ALLE Aufmerksamkeit auf sich gerichtet hat.
Die triviale Erinnerung und/oder Entdeckung: die Blinden ticken einerseits auch nicht anders als der sehende Rest, haben aber an Fronten zu kämpfen, in die man sich nur versuchsweise reindenken kann.
Das Spielen mit der Sprache der Sehenden, und die oft unfreiwillige Komik oder eben bewusste Ironie und Selbstironie!
Die Zuspitzung der unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten (Dunkelpausen und Brailleschrift auf der einen, Visualisierungen auf der Leinwand und das beleuchtete Bühnengeschehen auf der anderen Seite) hat den Kontrast deutlich gemacht.
Verwirrend fand ich den Auftritt der Solotänzerin bei „black night“. Wie kann sich denn jemand, der nicht sehen kann, so wunderbar bewegen? Und das war schon wieder die nächste Überraschung: ich habe - bei aller Sicherheit, mit der die Akteure unterwegs waren - nicht herausgefunden, wer da blind oder wer da sehbehindert war. Großes Rätsel und großes Kompliment.
Schöne Musik - von Kaffeehaus bis Rock.
Die Gesangseinlagen und Chöre auch schön.
Auf dem Fahrradsattel Richtung nach Hause, im Slalom zwischen Blindenstöcken und gutgelaunten Menschen hindurch, glücklich, Euer Stück nicht verpasst zu haben.

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