Buchtipp
Antiquarisches
Winfried Thiessen * » Wir leben in einer Zeit kurzer
Aufmerksamkeitsspannen. Sobald etwas Neues erscheint, muss das Alte
Platz machen. Dies gilt auch für den Büchermarkt. Kaum auf den Markt
geworfen, ist der Roman, die Biografie oder der Krimi - sofern es sich
nicht um einen viel beworbenen Bestseller handelt - auch schon wieder aus
den Regalen und Schaufenstern der Buchläden verschwunden.
Aber es gibt das Internet, das zwar mit dafür gesorgt hat, dass das Leben
immer schneller wird, aber mit dessen Hilfe und mit relativ geringem
Aufwand man Literarisches, das von der Zeit überrollt wurde, wieder an
die Oberfläche zaubern kann. Heute möchte ich einige Bücher zum Thema
Blindheit und Sehbehinderung vorstellen, die nicht mehr im Buchhandel
erhältlich sind, die zu lesen aber durchaus lohnenswert sein können.
„Im Dunkeln sehen“ - John M.Hull
John M. Hulls Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen über sein Leben
vor und nach dem vollständigen Verlust seiner Sehfähigkeit ist ein
Klassiker. Hull ist wohl einer der bekanntesten RPler (Retinopathia
Pigmentosa, eine Netzhautdegeneration, die oft zur Erblindung führt).
1995 auf Deutsch erschienen, war Im Dunkeln sehen das erste Buch über
Sehbehinderung und Erblindung, das ich selbst gelesen habe.
Hull gibt dem Leser tiefe Einblicke in sein Denken und Empfinden während
der ersten Zeit nach seiner völligen Erblindung. Seine Aufzeichnungen
beschreiben den Verlust seiner Identität als Sehender und den Gewinn
einer neuen Identität als Blinder. Immer wiederkehrende Träume helfen ihm
bei seinem langsamen und schmerzhaften Abschied vom Licht und seiner
Hinwendung zur Dunkelheit, die ihm bald gar nicht mehr so dunkel
erscheinen will. Seine Eindrücke und Erlebnisse als blinder Frischling
sind mit vielen skurrilen und lustigen Anekdoten gespickt.
Das Buch ist auch heute noch genauso aktuell und lesenswert wie im
Erscheinungsjahr.
„Dunkle Nacht am hellen Tag“ – Bill Irwin
Der Appalachian Trail verläuft über 3200 Kilometer durch 14 Staaten der
USA. Der spät erblindete
Bill Irwin macht sich im März 1990 mit seinem Blindenhund Orient auf den
Weg, diese gewaltige Strecke auf Schusters Rappen zu bewältigen. Nach
vielen großen und kleinen Abenteuern erreicht er nach 10 Monaten sein
Ziel. Während viele irdische Weggefährten ihm immer nur auf Teilstücken
des Trails Gesellschaft leisten, ist Gott sein ständiger Begleiter, denn
Bill Irwin ist im Auftrag des Herrn unterwegs. Auf seinem Weg durch die
amerikanische Wildnis will er möglichst vielen Menschen von Gott, seinem
wiedergefundenen Glauben und dem Neuanfang nach einem verpfuschten Leben
erzählen. Das Wort Gottes zu verkünden und nicht die Wanderlust ist der
Anlass, warum sich Bill Irwin im zarten Alter von 50 Jahren zu diesem
langen Marsch aufmacht. Auf dem Appalachian Trail ist er allerdings nicht
der Einzige, der auf diese Art versucht, sich selbst zu finden, aber er
gehört zu den Toughesten. Der Weg ins Himmelreich ist eben mühselig und
steinig. Eine typisch amerikanische Geschichte, ganz spannend zu lesen.
Für Menschen auf der Suche nach ihrem Glauben genau das Richtige, für alle
anderen bleibt die beeindruckende Schilderung einer Tortur, auf der sich
Bill Irwin „blind“ auf seinen Hund Orient, die Hinweisschilder
der Parkranger und Gottes Richtungsentscheidungen verlässt.
Wer noch nach Argumenten gegen einen Wanderurlaub sucht, der kann sich
bei Bill Irwin ruhig ungeniert bedienen. Im Zentrum des Buches steht
die Wanderung zu Gott. Bill Irwins Blindheit ist dabei zwar immer wieder
Thema, aber mehr im Sinne einer Prüfung, sich in die Arme Gottes zu
begeben und ihm zu vertrauen.
„Die letzten Liebenden von Paris“ – William Wharton
Eine erotisch angehauchte Lektüre für gnadenlose Romantiker unter den
Middleagern.
Jack, ein ehemals erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann im besten
Mannesalter, will mit sich und dem Leben ins Reine kommen. Er trennt
sich von seiner Familie und lebt nun mittellos auf einem leeren Dachboden
in Paris, um seinen Jugendtraum, ein Leben als Maler, zu verwirklichen.
Eines Tages stolpert die blinde Mirabelle über seine Staffelei. Die schon
etwas betagte Dame lädt ihn zum Essen ein. Jack ist von dieser blinden
Frau fasziniert. Sie kommen sich langsam näher und schließlich zieht
Jack zu ihr. Eine zarte Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen dem 50
jährigen Mann und der um Jahre älteren Frau, die in ihrem Leben noch nie
die körperliche Liebe kosten durfte. Dabei öffnet die blinde, unschuldige
Mirabelle dem am Leben Verzweifelnden die Augen. Sie lehrt ihn das
„Sehen“, und so werden auch seine Bilder von Mal zu Mal
besser. Beide verbringen nun eine wunderbare Zeit miteinander, und wenn
sie nicht gestorben sind, dann… Nein, so endet die Liebesgeschichte
natürlich nicht.
Die letzten Liebenden von Paris ist ein gefühlvoller Liebesroman, der
auf ein weibliches Publikum zielt. Weniger etwas für echte Männer – viel
zu viel Gefühl!
„Öffne mir das Tor zur Welt!“ – Helen E. Waite
Öffne mir das Tor zur Welt erzählt die Geschichte von Helen Keller
(1880-1968), die im Alter von eineinhalb Jahren durch eine Infektion
erblindet und zugleich taub wird und ihrer jungen Erzieherin Anne
Sullivan, die dem hochintelligenten Kind in mühevollster
Kleinarbeit und mittels selbst entwickelter Methoden einen Zugang zur
Welt eröffnet.
Die Lebensgeschichte von Helen Keller, so wie sie von Helen E. Waite
erzählt wird, lässt Eltern- und Pädagogenherzen höher schlagen.
Zeit, Geld und viel Engagement machen aus einem in sich selbst
eingesperrten Wildfang eine Intellektuelle. Der Leser fiebert förmlich
mit der kleinen Helen auf ihrem Weg zu einer weltweit bekannten und
wirkenden Persönlichkeit mit.
Vier Bücher über das Thema Blindheit, jedes auf seine Art empfehlenswert.
Oldies but Goldies.
Die ersten drei Bücher gibt es im DAISY-Format in unserer Hörbücherei.
Interessenten wenden sich bitte an
info@blista.de oder telefonisch
unter 0 64 21- 6060.
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
blista