Blinder Schüler besucht Gymnasium am Heimatort - Wie funktioniert das?
Dörte Severin * » Johannes besucht seit August letzten Jahres den Gymnasialzweig der Johann-Textor-Gesamtschule in Haiger bei Dillenburg, etwa 55 km westlich von Marburg. Seine Grundschulzeit hat er zunächst in der Blindenschule in Friedberg als Fahrschüler und ab der dritten Klasse in der Grundschule seines Heimatdorfes absolviert. Jetzt ist er in der sechsten Klasse und wird von mir als Beratungslehrerin betreut. Bevor ich nun auf die konkrete Situation von Johannes eingehe, möchte ich einige meines Erachtens für die Integration eines blinden Schülers grundsätzlich günstige Rahmenbedingungen dieser Schule erwähnen.
Die Sekundarstufe I dieser Gesamtschule umfasst 6 Schuljahre. Das
bedeutet, dass Johannes erst nach der 10. Klasse, also die letzten 3
Schuljahre bis zum Abitur, auf ein anderes Gymnasium wechseln muss.
Eine pädagogische Besonderheit ist weiterhin, dass die Lehrer - wenn
möglich - als konstantes
Team eine Klasse vom 5. bis zum 10.
Schuljahr unterrichten. Dies ist vor allem in Bezug auf das
blindenpädagogische
Know-how ein wesentlicher Vorteil!
Das soziale Lernen wird unter anderem mit einem wöchentlichen
„Klassenrat“ gefördert, bei dem auch Probleme und Spannungen
innerhalb der Klasse angesprochen werden.
Die Lehrbücher sind für alle Schüler, also auch für Johannes, kostenfrei.
Er erhält sie größtenteils ausgedruckt auf Papier in Kurzschrift oder auch
auf CD, damit er zum
Beispiel direkt in sein englisches
„Workbook“ hineinschreiben
kann, so wie seine Mitschüler.
Bis zum Ende der vierten Klasse arbeitete Johannes ausschließlich mit der
mechanischen Blindenschriftmaschine. Zu Beginn seiner Gymnasialzeit erhielt
er einen Laptop, den er mittlerweile
durchgängig einsetzt, damit seine Lehrer auch ihn beim Arbeiten unterstützen
können. Lediglich in Mathematik arbeitet er bisher noch mit der Marburger
Mathematikschrift.
Als Beratungslehrerin des Beratungs- und Förderzentrums der blista besuche
ich Johannes regelmäßig in der Schule oder zu Hause, um seinen Lehrern
Hinweise für die Unterrichtsgestaltung zu geben, blindengerechte Karten
oder Modelle zur Verfügung zu stellen und grundsätzlich zu sehen, ob alles
„gut läuft“. Daneben arbeite ich auch allein mit Johannes, z. B.
als die Kürzungen der Blindenkurzschrift, die Johannes weitgehend in Klasse
4 und 5 gelernt hat, wiederholt werden mussten - nicht gerade sein
Steckenpferd - oder wenn er nach und nach neue Schritte am
Laptop lernt, was natürlich eher seine
Sache ist.
Weiterhin gehört es zu meiner Aufgabe, mit den Beteiligten zu klären,
inwieweit zusätzliche Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich sind und diese
dann gegebenenfalls auch zu initiieren. So erhielt Johannes in den
Sommerferien, bevor er ans Gymnasium wechselte, ein Mobilitätstraining, um
sich in seiner neuen Schule zurechtzufinden und ohne fremde Hilfe auch
Fachräume aufsuchen zu können.
Für die tägliche Unterstützung vor Ort - Übertragen von Arbeitsblättern
in Punktschrift, kleine Hilfestellungen über kurze Phasen im Unterricht,
zum Beispiel Diktieren des Tafelanschriebs etc. - hat Johannes einen
so genannten „Integrationshelfer“.
In diesem Fall einen Erzieher, der, wie seine Lehrer auch, vom
Beratungszentrum eingewiesen und kontinuierlich fortgebildet wird.
Johannes mag ihn sehr, auch wegen der Bundesliga-Wetten, die er in der
Klasse eingeführt hat. Ab und zu arbeitet Johannes allein mit ihm, zum
Beispiel, wenn er geometrische Zeichnungen anfertigt und dafür andere
Zahlen erhält als seine Mitschüler, da er auf der Zeichentafel nicht so
klein und nicht auf Millimeter genau zeichnen kann wie seine sehenden
Mitschüler.
Die Schüler und Schülerinnen der Klasse sitzen „in U-Form“,
Johannes sitzt außen, sodass sich der „Integrationshelfer“
über kurze Unterrichtsphasen neben ihn setzen kann, ansonsten arbeitet er
häufig im Gruppenraum oder hilft anderen Schülern.
Johannes ist beliebt in der Klasse und am sozialen Miteinander sehr
interessiert.
Seine Lieblingsfächer sind Latein, Erdkunde, Religion
(Johannes’ Vater ist Pastor) und Sport.
Mathe mag er nicht so sehr, obwohl er es recht gut kann. Auch Lesen gehört
nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.
Fußball steht bei Johannes
hoch im Kurs, ob am Ende der Sportstunde oder in den Pausen mit Freunden aus
seiner Klasse, in einem dafür vorgesehenen Feld auf dem Schulhof. Deshalb
war er auch sehr traurig, dass er an der
Fußball-AG der Schule aufgrund seiner Blindheit nicht teilnehmen konnte.
Umso interessierter ist er aber jetzt am Blindenfußball und hat beim
blista-Sommerfest schon erfolgreich ins Tor geschossen.
Johannes’ Mutter ist sehr zufrieden damit, dass ihr Sohn zu Hause
zur Schule gehen kann. Als Vorteil sieht sie vor allem die Kontakte zu
nicht behinderten Gleichaltrigen am Heimatort. Johannes ist in einer
kirchlichen Jugendgruppe aktiv, seinen besten Freund kann er dank eines
Mobilitätstrainings zu Fuß selbstständig besuchen.
Die Beratung durch das
„Überörtliche Beratungs- und Förderzentrum der blista“ ist
für sie die entscheidende Grundlage und Stütze der integrativen Beschulung,
da hier die meiste Erfahrung vorhanden ist. Dabei bewertet sie es als sehr
positiv, dass die Beratungslehrerin selbst sehbehindert ist, da sie sich so
„besser in die Situation einfühlen kann“.
Johannes’ Klassenlehrer hatte zu Beginn durchaus die Befürchtung, dass
er einem blinden Schüler nicht gerecht werden könne und dass die Belastungen
für seine Kollegen und ihn zu hoch würden. Heute weiß er, dass Johannes an
fast allen Projekten und Aktivitäten der Klasse teilnehmen kann.
Er weiß
auch, dass gerade in seinem Fach Kunst immer wieder Kreativität gefragt
ist, dass sich aber die Mehrarbeit „in zumutbaren Grenzen“
hält.
Er fasst seine Arbeit mit ihm folgendermaßen zusammen:
„Ich bin sehr froh, dass ich die Erfahrung mit Johannes machen kann.
Es macht Freude, Johannes als so selbstverständliches Mitglied der
Klassengemeinschaft erleben und unterrichten zu können. Mit seiner
höflichen, aufgeschlossenen, unkomplizierten und witzigen Art ist er eine
Bereicherung für die Klasse.
Johannes Blindheit hat am Anfang in der fünften Klasse sicherlich sehr
positiv auf das „Wir-Gefühl“ der Klasse eingewirkt. So haben
ihn verschiedene Mitschüler auf dem Schulhof unterstützt, als er öfter
wegen seiner Hautfarbe (Johannes kommt aus Brasilien) und seiner Blindheit
gehänselt wurde.
Als Beratungslehrerin von Johannes möchte ich zusammenfassend sagen,
dass Johannes’ Beschulung deshalb derzeitig so erfolgreich ist,
weil Johannes selbst ein so aufgeweckter und vielseitig interessierter
Junge ist, wie sein Klassenlehrer sagt, weil seine Eltern und seine
Familie ihn sehr unterstützen, weil die Schulleitung der Integration
eines blinden Schülers von Anfang an sehr positiv gegenüber stand und
z. B. mit einer geringeren Schülerzahl als die Parallelklassen (19 Schüler)
gute Rahmenbedingungen geschaffen hat. Weil die Lehrer und Lehrerinnen
an blindenpädagogischen Fragestellungen interessiert und bereit sind,
Zeit für Fortbildungen zu investieren und veränderte Unterrichtsmethoden
als Bereicherung für alle Schüler empfinden und weil die Kooperation
aller Beteiligten auf einer sich gegenseitig empathisch wertschätzenden
Basis stattfindet.
Man kann gespannt sein, wie es weitergeht.
* Beratungslehrerin
blista