Blindenfußball-Bundesliga

Marburg kann Titel nicht verteidigen – Trainer Gößmann ist dennoch nicht unzufriedenn

Rudi Ullrich » Was war das für ein rauschendes Fest, als die Fußballer der SSG-blista Marburg im vergangenen Jahr als jüngstes Team der Liga völlig überraschend die erstmals ausgetragene Deutsche Meisterschaft im Blindenfußball an die Lahn holten. Die blista-Kicker hatten Sportgeschichte geschrieben und wurden unter anderem mit einem Besuch im ZDF-Sport-Studio belohnt.

Ganz so euphorisch war die Stimmung nach Abschluss der zweiten Spielzeit der Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) bei Team und Trainerstab diesmal nicht. Nachdem man mit dem neu formierten und weiter verjüngten Team – vier Spieler der Meistermannschaft haben im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht und spielen jetzt für andere Teams – nach den ersten fünf Spieltagen noch von der Titelverteidigung träumen konnte, blieb am Ende hinter Meister Stuttgart, Köln und Dortmund nur der vierte Tabellenplatz.

„Vizemeister wären wir schon gerne geworden“ sagt Coach Peter Gößmann, „aber wir konnten die Ausfälle nicht kompensieren und waren in den entscheidenden Momenten zu nervös und letztlich auch körperlich unterlegen.“
Ali-Can Pektas, der mit seinen 16 Jahren schon jetzt zu den besten Stürmern im deutschen Blindenfußball zählt, war bitter enttäuscht, erkannte aber nüchtern an, dass man bei drei Niederlagen keinen besseren Tabellenplatz erwarten kann.

Insgesamt waren sich die Beobachter einig, dass sich das Spielniveau erheblich verbessert hat. Meister Stuttgart hat nicht nur hervorragende Einzelspieler, sondern kann auch seit zwei Jahren in immer gleicher Besetzung spielen. Das kommt dem Zusammenspiel sehr zugute. Auch Dortmund hat sich nach einigen Startschwierigkeiten immer besser zusammengefunden. Eine fast sensationelle Entwicklung hat das neu gegründete Team aus Köln vollzogen. Neben den defensivstarken Ex-Marburgern Hasan Koparan und Daniel Hoss ist Michael Wahl zu einer echten Führungspersönlichkeit mit Goalgetter-Qualitäten herangereift.
Das Marburger Team hat nach dem erfolgreichen Titelgewinn den Abgang von vier Leistungsträgern vor allem in der Abwehr noch nicht ganz verkraftet. Zwar spielte Manuel Beck gewohnt solide und Neuzugang Thomas Horn hat sich sehr gut entwickelt, aber das Trainerteam hatte wenig Alternativen zum Wechseln.

„Wir haben versucht, ein neues Team mit vielversprechenden jungen Talenten aufzubauen, die natürlich ihre Zeit brauchen und auch körperlich noch etwas zulegen müssen. Blindenfußball ist doch ein ziemlich körperbetonter Sport“, so Gößmann. Negativ hat sich seiner Meinung nach auch ausgewirkt, dass der sehr talentierte Adriani Botez aufgrund einer langwierigen Verletzung überhaupt nicht eingesetzt werden konnte und dass zum Beispiel beim entscheidenden Spiel gegen Stuttgart Robert Warzecha als einer der Leistungsträger und Goalgetter im Team aufgrund einer Verletzung schon früh ausfiel.

Robert Warzecha kämpft mit drei Gegenspielern um den Ball und passt ihn zu Ali-Can Pektas, im Hintergrund das Tor

Besonders gefreut hat Gößmann, dass der erst fünfzehnjährige Taime Kuttig enorme Fortschritte gemacht hat. Einen ähnlichen Leistungsschub erhofft er sich in der nächsten Saison von Björn Hoppmann.
Damit würde Marburg seinem Namen als Talentschmiede im Leistungssport auch im Blindenfußball alle Ehre machen.
„Wir müssen damit leben, dass herausragende Spieler nach dem Abitur Marburg verlassen und in anderen Teams spielen. Aber das war in allen Sportarten und zu allen Zeiten ja schon immer so“, sagt Gößmann keineswegs verbittert. Er sieht darin auch eine tolle Chance, immer wieder neue junge Talente zu entdecken und zu fördern.

Übrigens schreibt Marburg weiter Geschichte im Bindenfußball.
Das 1. Internationale Frauenturnier im Blindenfußball findet am 14. November 2009 in der Sporthalle des Gymnasiums Philippinum, Leopold-Lucas-Straße, in Marburg statt.
Ausgerichtet wird es vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der blista. Neben der heimischen Mannschaft werden verschiedene Teams aus Deutschland erwartet. Besonders gespannt kann man auf die Spielerinnen aus Brasilien sein, die ihr Kommen angekündigt haben.

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