Wie erkläre ich meinem zukünftigen Vermieter, dass ich blind bin, aber seine Wohnung trotzdem nicht in Brand setzen werde?
Dörte Severin*, Klaus Röder ** » Es sind nicht nur alltägliche
Fragen, auf die die Teilnehmer eines Workshops der Blindentechnischen
Grundrehabilitation (BtG) eine Antwort suchen. Welche Themen dabei im
Mittelpunkt stehen, stellen die beiden Autoren, die diese Workshops
seit 2005 regelmäßig durchführen, hier dar.
Hier eine typische Auswahl der behandelten Themen:
- Wie verhalte ich mich, wenn ich von einer mir fremden Person zum Essen eingeladen werde?
- Wie reagiere ich schlagfertig auf unangemessene Hilfsangebote?
- Manchmal reden normalsichtige Menschen in meiner Anwesenheit über mich als wäre ich gar nicht dabei. Wie gehe ich damit um?
- Sollte ich weiterhin einen Blindenstock benutzen, obwohl mir aufgrund meines noch vorhandenen geringen Sehvermögens manchmal vorgeworfen wird, ich sei ein Simulant?
- Gibt es Situationen, in denen es sinnvoller ist, sich, anstatt einen Blindenstock zu benutzen, mit einer Armbinde zu kennzeichnen oder sollte man manchmal ganz auf eine Kennzeichnung verzichten?
- Ich kann Gesichter nicht mehr erkennen, welche Möglichkeiten gibt es jetzt, die Stimmung meiner Bekannten einzuschätzen?
- Wie spreche ich über meine Seheinschränkung bei einem Bewerbungsgespräch?
- Nach der BtG muss ich eine Wohnung mieten. Wie erkläre ich meinem Vermieter, dass ich blind bin, aber trotzdem seine Wohnung nicht in Brand setzen werde?
- Manchmal werden mir sehr neugierige, indiskrete Fragen gestellt – wie gehe ich damit um?
Diese Fragen können späterblindete Menschen verunsichern oder belasten
und führen häufig zu frustrierenden Erfahrungen. Außerdem zeigen die
Beispiele, dass nicht selten auch auf Seiten „Normalsichtiger“
Unsicherheit im Umgang mit sehbehinderten Menschen besteht.
Die Workshopteilnehmer sind blinde und hochgradig sehbehinderte
Rehabilitanden unterschiedlichen Alters, die vor nicht allzu langer
Zeit erblindet sind bzw. deren Sehvermögen sich deutlich verschlechtert
hat. Es sind Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen:
Studenten, Hausfrauen, Umschüler oder Frührentner, die sich in einem
individuell unterschiedlichen Stadium der Akzeptanz ihrer Sehschädigung
befinden.
Der Workshop ist Teil des Gesamtkonzeptes der BtG, das darauf abzielt,
die Teilnehmer in die Lage zu versetzen, nach Abschluss der BtG ein so
weit wie möglich selbstbestimmtes Leben in unserer Gesellschaft zu
führen.
Daraus ergeben sich die folgenden übergeordneten Lernschritte:
- Bewusstmachen möglicher Störungen der Kommunikation Späterblindeter oder Sehbehinderter mit normalsichtigen Menschen
- Kennenlernen und einüben sinnvoller Verhaltensmodifikationen
- Förderung von Sicherheit und Stärkung des Selbstbewusstseins
- Förderung der Akzeptanz der Behinderung.
Diese Schritte bringen entsprechend der unterschiedlichen
Lebenssituationen der Teilnehmer sehr verschiedene Inhalte mit sich.
Somit liegt ein Schwerpunkt der Vorbereitung auf den Workshop darin,
dass die Workshopleiter sich mit der Vorgeschichte und den vermuteten
Anforderungen an die Rehabilitanden nach Abschluss der Maßnahme vertraut
machen und daraus entsprechende Themen ableiten.
Der gegenseitige Erfahrungsaustausch der Workshopteilnehmer ist eine
wichtige Methode zur Reflexion des eigenen Erlebens und Handelns und
trägt dazu bei, persönliche Misserfolge zu relativieren.
Mit Hilfe der Beschäftigung mit Texten auch blinder und sehbehinderter
Autoren zum Thema Sehschädigung lernen die Rehabilitanden den
gesellschaftlichen Umgang mit einer Behinderung kennen.
Eine zentrale Methode des Workshops ist jedoch das Rollenspiel, bei
dem z. B. angstbesetzte Situationen in einem Schonraum unmittelbar
erfahren und aufgearbeitet werden können.
Hierzu ein Beispiel zum Thema „Wohnungssuche“
Zur Vorbereitung bilden die Teilnehmer zwei Gruppen, in denen sie
jeweils getrennt aus Sicht des Vermieters bzw. potentiellen Mieters das
Gespräch antizipieren, um ggf. auf „mit Vorurteilen und falschen
Vorstellungen behaftete Fragen“ vorbereitet zu sein und kompetent
reagieren zu können.
Beim anschließenden Rollenspiel erfahren die Teilnehmer einerseits
eine Verunsicherung: sie müssen spontan auf schwierige oder unerwartete
Fragen reagieren. Andererseits erleben sie aufgrund der Vorbereitung
Sicherheit und strahlen dadurch Souveränität aus, was zum Erfolg des
jeweiligen Vorhabens entscheidend beiträgt. Sie setzen sich mit
möglichen Vorurteilen auseinander, die ein Vermieter gegenüber blinden
und sehbehinderten Menschen haben kann, und lernen, diese nicht arrogant
zu übergehen, sondern ihnen ihre realistische Sicht der Dinge
entgegenzusetzen.
Auch die Zuschauer können sich bei der Auswertung eines Rollenspiels
konstruktiv einbringen, denn auf ihre Wahrnehmungen und Rückmeldungen
legen alle Teilnehmer großen Wert.
Résumée:
Auch für spät erblindete oder sehbehinderte Menschen gibt es kein
„richtiges“ oder „falsches“ Verhalten im Umgang
mit ihrer Behinderung. Im Workshop geht es vielmehr darum, eigene
Lösungen zu finden, einen eigenen Stil zu entwickeln.
Weiterhin möchte der Workshop einen Beitrag dazu leisten, dass die
Rehabilitanden eine realistische Einschätzung ihrer veränderten
Lebenssituation bekommen und sich dabei ihrer Einschränkungen, aber
vor allem auch neuer Stärken bewusst werden.
* Lehrerin an der CSS und hochgradig sehbehindert
** Mitarbeiter der RES,
Koordinator des Psychologischen-Pädagogischen Bereichs
blista