Buchtipp
Verführung zu einem Blind Date
Winfried Thiessen » Sie können – noch – sehen? Sie hatten schon einmal den Gedanken, dass Sie sich umbringen würden, wenn Sie das Pech hätten, eines Tages zu erblinden? Sie haben schon einmal einen Blinden dabei beobachtet, wie er mit einem weißen Stock seines Weges geht, sind ihm vielleicht einige Meter gefolgt und haben sich gewundert, wie er das so macht? Sie wollten sogar schon einmal einem Blinden über die Straße helfen, wussten aber nicht, wie Sie ihn hätten ansprechen sollen? Sie haben schon einmal über einen Blindenwitz gelacht, ohne sich zu schämen? Sie können sich nicht vorstellen, dass auch Blinde am Aussehen des anderen Geschlechts, ebenso wie an ihrem eigenen Aussehen, Interesse haben? Nun, in Jennifer Sonntags Buch Verführung zu einem Blind Date geht es um diese Fragen und noch viel mehr.
Wie sieht der Alltag eines blinden Menschen aus? Wie findet er sich
zurecht? Wie denkt er? Was fühlt er? Ärgert er sich über die gleichen
Dinge wie ein Sehender? Lacht er über die gleichen Witze? Wie führt ein
Blinder seinen Haushalt? Auf all diese Fragen weiß Jennifer Sonntag eine
Antwort. Wohl noch nie wohnte der Darstellung persönlicher
Ordnungssysteme ein solcher Zauber inne, wurden Gewürzregale so poetisch
beschrieben. Durch einen sehr intimen, persönlichen Schreibstil gelingt
es ihr, den Leser an die Hand zu nehmen, ihn ohne anzustoßen durch einen
in Dunkelheit gehüllten Alltag zu führen und ihm ein wenig das
„Sehen“
ohne Augenlicht näherzubringen. So erfährt der Leser alles über die
kleinen und großen Freuden und Leiden, die die Bewältigung des Alltags
für blinde Menschen so mit sich bringen kann.
Lass mich nun noch das Problem der falschen Schutzengel aufgreifen,
lieber Leser. Während die einen davon ausgehen, dass ein Blinder in jeder
Situation vollkommen allein zurechtkommt, glauben die anderen, er tut es
in keiner. Es gibt sehr hilfsbereite Passanten, welche mit ihrer
Unterstützung manchmal mehr Schaden anrichten als Gutes zu tun. So habe
ich es schon erlebt, dass mir Personen hunderte von Metern folgten, um
mein Zurechtkommen besorgt zu beobachten. Und immer, wenn ich glaubte,
ich hätte den falschen Schutzengel abgehängt, hörte ich ihn wieder sagen:
„Vorsicht junge Frau, passen sie auf, gehen sie rüber…“
(...) Ich erinnere mich an eine Situation, in welcher ich mir gemeinsam
mit einer blinden Bekannten den Weg zu einem Restaurant erfragte. Wir
erarbeiteten uns schließlich den freundlich beschriebenen Pfad
selbstständig und waren eine gute halbe Stunde unterwegs. Einige Meter
vor dem Ziel angekommen, hörten wir plötzlich den Zuruf: „Gleich
sind sie da.“ Unser Schutzengel war uns also die ganze Zeit über
auf den Fersen geblieben.
Styling ohne Spiegelbild,
Shopping ohne Schaufenster,
Orientierung und Mobilität im öffentlichen Raum – eine bloße Aufzählung
der behandelten Themen wird dem Charakter des Buches nicht gerecht. Es
ist ein Sachbuch, und doch ist es mehr als das. Es vermittelt
„ein Gefühl für die Sache“, so dass man als Sehender eine
ungefähre Vorstellung bekommt, was es heißen könnte, seinen Alltag ohne
Augenlicht zu bewältigen, nicht nur technisch, sondern vor allem auch
emotional. Jennifer Sonntag ist nicht im Auftrag des Herrn unterwegs,
aber sie hat eine „Mission“, uns Sehenden ein Gefühl und
eine Vorstellung davon zu vermitteln, was es konkret heißt, blind zu
sein und das ein ganzes liebes Leben lang. Ihr geht es dabei nicht nur
darum, zu beschreiben, wie man als Blinder von A nach B kommt oder wie
man im Restaurant sein Essen bestellt. Ihr geht es um die vielen kleinen
Teufelchen, die in jedem noch so schönen Augenblick stecken, und wie
diese höllischen Biester ganz schön an der Psyche nagen können. Oft
handelt es sich um Situationen, über die sich ein Sehender keinen
Gedanken machen muss, die aber einen Blinden vor enorme Probleme stellen
können.
Essensfertigkeiten
Hungriger Leser, falls du glaubst, der Verzehr eines leckeren Menüs sei in jedem Fall der pure Genuss, dann werd ich dich leider enttäuschen müssen. (...) Speise ich z. B. in der Öffentlichkeit, bin ich permanent den Blicken Interessierter ausgeliefert. (...) Das Prinzip Sicherheit durch Nachahmung funktioniert bei mir leider nicht. Sehende orientieren sich häufig an den Vorgehensweisen anderer, um nicht aufzufallen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich in solchen Momenten spüre, dass einige Neugierige dabei zuschauen, wie ich bestimmte Anforderungen bewältige. Manch einer sagt mir das auch ganz offen: „Faszinierend wie Sie das machen. Ich schau Ihnen schon die ganze Zeit beim Essen zu. Ich kann gar nicht wegsehen. Und wie gezielt Sie auf die Weintraube zugreifen…“ Selbstverständlich freue ich mich über diese Komplimente und gegen natürliche Neugier in Kombination mit Wohlgesonnenheit ist nichts einzuwenden, aber unverkrampfter werde ich dadurch eher nicht. (...) Sich zu bekleckern wäre fatal. Die elegante Abendgarderobe würde es einem sehr übel nehmen, und die Vorstellung vom „Sabberblinden“ am Tisch wäre mal wieder mit allen Klischees behaftet. Erfahrungsgemäß erscheint das Tischtuch um meinen Teller herum meist jungfräulich, während einige „Guckis“ fleißig schmieren und klecksen. Purzelt einem Augennutzer die Mandarinenhaube vom Käsespieß wird das am Rande registriert, ist zwar peinlich, aber passiert. Widerfährt mir ein solches Missgeschick, wird es mit meinem Blindsein verknüpft und nicht mit meinem Menschsein.
Jennifer Sonntag – selbst spät erblindet – will zwischen der Welt der Sehenden und der Welt der Blinden vermitteln. Ihr Buch ist dabei sicher ein sehr hilfreicher Baustein. Damit eine Lektüre dieses Ziel erreichen kann, muss der Leser selbst während der trockensten Passagen bei der Stange gehalten werden, sonst legt er sie schnell zur Seite, und ich denke, dies ist Jennifer Sonntag äußerst gut gelungen. Immer wieder trifft man auch in Themenwüsten auf grüne Oasen, in denen man von ihr inspiriert und zum Weiterlesen verführt wird. Themen wie „lebenspraktische Fähigkeiten“ dem Leser unterzuschieben, ohne dass er das Buch gleich wieder zuklappt, ist kein leichter Job, auch wenn man bei Jennifer Sonntag diesen Eindruck gewinnen könnte. Wem der Stil der Autorin zusagt, der bekommt eine sehr persönliche Einführung in das Leben und Erleben eines blinden Menschen.
Nun möchte ich Sie darum bitten, eine kurze Gedankenreise mit mir zu
machen. Heute Abend geht es zu einer Ihnen unbekannten Kneipe. Sie
nehmen ein Taxi für den Hinweg – dann können Sie auch mal ein Bierchen
mehr trinken. Ja, endlich mal raus, etwas Neues erleben. Der Taxifahrer
bringt Sie noch schnell rein, ein netter Kerl; leider hat er Sie mit
dem Kopf gegen ein tief hängendes Schild laufen lassen. Oh, ich vergaß,
Sie sind ja blind. Die Musik ist etwas zu laut. Sie müssen den Wirt
anschreien, um etwas zu bestellen. Ein Gespräch ist völlig unmöglich.
Etwas öde, oder? Und nun auch noch das, Sie müssen mal schnell auf die
Toilette, das Bier loswerden! Wo ist denn nur dieses verdammte Klo? Wen
fragen? Irgendjemand zerrt sie durch das Lokal. Endlich! Und in Bad und
WC alles okay? Mal fühlen, ob der Klodeckel auch unten ist? Hat Ihr
Vorgänger auch wirklich getroffen? Na, dann viel Spaß beim Tasten! Der
Darm drückt auch? Moment, wo ist nur das verdammte Toilettenpapier? Na!?
Doch lieber alleine zu Hause bleiben und der Glotze lauschen? Mal
schauen, wer noch so alles dabei zusieht!
Da ich selbst nicht mehr aus dem Fenster sehen kann, um meine Umwelt
zu beobachten, verlor ich zunehmend das Bewusstsein dafür, dass
meine Mitmenschen im Gegenzug durchaus in der Lage sind, durch meine
Fenster hineinzuschauen. Vor allem dann, wenn es draußen dämmert und
drinnen das Licht eingeschaltet ist.
Als Reaktion auf diese Erkenntnis setzte sich in mir die Neurose
fest, ständig unter Beobachtung zu stehen. Es ist für mich schwer
zu durchschauen, wer aus welchem Winkel wohin blicken kann, ob mein
Privatleben transparent oder versteckt erscheint. Diese Unsicherheit
beobachte ich in ähnlicher Form auch bei anderen Betroffenen. (...)
Manchmal wünsche ich mir eine Ganzkörperjalousie, welche mich
stets und ständig dahin begleitet, wo ich nicht sicher bin, ob ich
gesehen werde.
Jennifer Sonntag: „Verführung zu einem
Blind Date“ (Paperone
Edition)
Das Buch im DAISY-Format ist in unserer Hörbücherei zu erhalten.
Interessenten wenden sich bitte an
info@blista.de oder
telefonisch unter 06421-6060.
* Pädgogischer Mitarbeiter im Internat
blista