„Marburg was great!
Die International Mobility Conference (IMC) kehrt nach Deutschland zurück
Rudi Ullrich, Fotos: Tom Engel » „Wenn man bei manchen Aufgaben schon vorher wüsste, was auf einen zukommt, würde man sie vielleicht erst gar nicht annehmen“, so begann Jürgen Nagel, Leiter des Organisationskomitees der 13. International Moblity Conference (IMC) sein Schlusswort.
„Doch wenn man auf die über 90 Referate und intensiven
Diskussionen, die Fachausstellung und besonders auch auf die vielen
interessanten Begegnungen zum Beispiel beim gemeinsamen Grillabend
zurückschaut, ist man froh, dass man sich der Aufgabe gestellt
hat“, zieht er eine überaus positive Bilanz der zurückliegenden
vier Tage.
Der Applaus der Kongressteilnehmer und die vielen spontanen Bekundungen
der Anerkennung und Zufriedenheit geben ihm in dieser Einschätzung
sicherlich Recht. Auch ein Fragebogen, der von ca. einem Drittel der
Gäste ausgefüllt wurde, stellt dem blista-Team mit über 90 % guter oder
sehr guter Noten für die Organisation und Inhalte der Tagung ein Zeugnis
aus, das sich durchaus sehen lassen kann. Und nicht selten stand auf den
Antwortbögen: „Marburg was
great“, oder „Thank
you!“
Viel Lob erfuhren aber nicht nur die Organisatoren, sondern auch die
Referenten aus fünf Kontinenten, die ein breites Themenspektrum
abdeckten und so dem Titel der Konferenz
„more than a cane“
(mehr als ein Stock) gebührend Rechnung trugen.
So wurde in den Vorträgen deutlich, dass die sprechenden Konservendosen oder Bushaltestellen und das Navigationssystem für Fußgänger wohl schon in wenigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein werden und den Alltag blinder Menschen erleichtern können. Möglich machen sollen dies unter anderem Computer-Chips, die aus der Lagerverwaltung stammen und jetzt für die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen weiterentwickelt werden. Der Computer-Chip spielt auch in der medizinischen Forschung eine bedeutende Rolle. Das machten die Vorträge der Professoren Dr. Eberhart Zrenner und Dr. Peter Walter deutlich, die mit unterschiedlichen Vorgehensweisen sog. „Retina-Implants“ entwickeln. Bei „Retina-Implants“ handelt es sich um Sehprothesen für stark sehbehinderte oder blinde Menschen, deren Rezeptorzellen der Netzhaut (Retina) krankheitsbedingt ihre Funktion verloren haben, deren Sehnerv aber noch eine intakte Verbindung zum Gehirn bildet. Für viele Patienten könnte dies nach Aussage der Experten eine Chance sein, wenigstens wieder Umrisse zu erkennen. Die Forschungen stehen aber noch am Anfang.
Bei allen technischen Fortschritten waren sich die Experten aber auch
einig, dass der intensive Unterricht blinder oder sehbehinderter Menschen
in „Orientierung und Mobilität“ unverzichtbar bleibt. Nur
auf der Basis einer soliden Ausbildung mit dem weißen Langstock oder
Führhund könnten blinde Menschen diese neuen Entwicklungen auch sinnvoll
nutzen. Diese Auffassung unterstützen auch die jüngsten Untersuchungen
der Marburger Wissenschaftlerin Dr. Katja Fiehler. Sie konnte bei einer
Studie mit Schülerinnen und Schülern der Marburger Carl-Strehl-Schule
nachweisen, dass blinde Kinder, die schon vor ihrem zwölften Lebensjahr
intensiven Unterricht in „Orientierung und Mobilität“
erhielten, sich ihre Umwelt wesentlich besser vorstellen können als
diejenigen, bei denen der Unterricht erst später einsetzte.
Vor allem aber gelte es, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen.
So stellen nach Aussage vieler Experten die immer leiser werdenden
Autos, das Verschwinden klarer Trennungen von Verkehr und Fußgänger, wie
beispielsweise beim so genannten „Shared
Space“, oder die zunehmende Angewohnheit von Radfahrern,
den Bürgersteig zu befahren, Gefahren für blinde und sehbehinderte
Menschen dar, für die Lösungen gefunden werden müssten.
Einen besonderen Stellenwert hat neben dem weltweiten fachlichen
Austausch auch die persönliche Begegnung. Auf diesen besonderen
Charakter der Tagung hatte der IMC-Präsident Dennis Cory bereits bei
der Eröffnung hingewiesen. „Wir sind weder ein Verein, noch haben
wir irgendwelche starren Strukturen. Es gibt einen Präsidenten, da halt
jemand unterschreiben muss, und es muss immer einen
„Verrückten“ geben, der die alle drei bis vier Jahre
stattfindenden Weltkonferenzen organisiert. Und die blista hat sich
dankenswerter Weise als weltweit erste Organisation zum zweiten Mal
bereit erklärt, diese Herausforderung anzunehmen und letztlich viele
zehntausend Euro an Personalkosten für die Vorbereitung und Durchführung
zu tragen“.
Aber der Aufwand hat sich gelohnt, denn das wichtigste Ziel dieser
Konferenzen, nämlich voneinander zu lernen und die Arbeit für blinde
und sehbehinderte Menschen weiter zu verbessern, wurde nach Einschätzung
aller Experten auch in Marburg wieder erreicht.
Den besonderen Charakter der Konferenz unterstreicht auch die gelöste und freundliche Stimmung der Teilnehmer, die trotz eines anstrengenden Programms noch in den Pausen lebhaft diskutierten.
Die Bedeutung von Selbstbestimmung und Mobilität hatte auch der
Hessische Arbeits- und Sozialminister Jürgen Banzer als Vertreter des
Schirmherren, Hessens Ministerpräsident Roland Koch, in seinem Grußwort
zu Beginn der Konferenz hervorgehoben. Der Marburger
OB Egon Vaupel unterstrich die
enge Verbindung der Universitätsstadt zur blista und deren
internationale Bedeutung in diesem Bereich.
Prof. Michael Brambring gab den
Anwesenden einen Abriss über die Entwicklung von „Orientierung
& Mobilität“, ausgehend vom Ende des Zweiten Weltkrieges in
den USA bis zum
heutigen Tage, und unterstrich die Notwendigkeit, die Konzepte den
immer neuen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen.
Der Höhepunkt der Eröffnungsveranstaltung war aber zweifelsohne die
Verleihung der Ehrenmedaille des Deutschen Blinden- und
Sehbehindertenverbandes (DBSV) an Dennis Cory für sein Lebenswerk.
In der Begründung heißt es: „Dennis Cory wird für seinen
außergewöhnlichen Einsatz bei der Entwicklung der „O&M-Schulungen“,
für seine persönliche Leistung zur Förderung der Selbstständigkeit
blinder und sehbehinderter Menschen durch Orientierung & Mobilität
die Ehrenmedaille des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes
verliehen. Sein persönliches Wirken ist für die Blinden- und
Sehbehindertenselbsthilfe in Deutschland und auch international von
herausragender Bedeutung. Dafür gebührt ihm großer Respekt, hohe
Anerkennung und unser besonderer Dank.“
Das „Come-Together Barbecue“
am vorletzten Abend war aber sicherlich das gesellschaftliche
Highlight und wird für viele
Teilnehmer noch lange in Erinnerung bleiben.
Der ehemalige blista-Schüler Rainer Husel hatte schon am frühen Abend
durch gekonnte Moderationen und phantastische Gesangseinlagen das
Publikum zum Mitmachen und Tanzen animiert.
„Blind Foundation“
eine Gruppe mit blinden und sehenden Musikern, die von der Frankfurter
Stiftung für Blinde und Sehbehinderte der IMC sozusagen als
Gastgeschenk kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, heizten dann so
richtig ein. Menschen aus unzähligen Nationen verstanden sich ohne
Worte oder sangen gemeinsam bekannte Hits aus den 60iger, 70iger und
80iger Jahren. Man konnte also mit Fug und Recht behaupten: Der Kongress
tanzte.
Ein weiterer Höhepunkt der Tagung war die Verleihung des
„Suterko-Cory Award“ an Dr. Bruce Blasch.
Bruce Blasch habe in
unzähligen Veröffentlichungen das Wissen über Mobilität
zusammengetragen und durch weltweite Vortragsreisen und
Unterstützungsprogramme großen Anteil an der Verbesserung der
Lebenssituation blinder Menschen, hieß es in der Begründung.
Als Präsidentin wird zukünftig Dr. Nurit Neustadt fungieren und
Dennis Cory wurde unter dem Applaus der Anwesenden zum Ehrenpräsidenten
der IMC ernannt.
Jürgen Nagel schloss die Veranstaltung mit den Worten: „New Zealand, viel Glück Steve, für alles was nun vor Euch liegt, und auf Wiedersehen in Palmerston North 2012“.
Zur Geschichte der IMC
In 30 Jahren um die Welt
„More than a cane“
lautete der Titel der inzwischen bereits 13.
International Mobility Conference,
die ursprünglich auf Initiative von den damaligen blista-Mitarbeitern
Dennis Cory und Jochen Fischer 1979 in Frankfurt ins Leben gerufen wurde
und auf ihrer Reise über Paris, Wien, Jerusalem, Eindhoven, Madrid,
Melbourne, Trondheim,
Atlanta, Coventry,
Stellenbosch und Hongkong zurück nach Deutschland die Erde umrundet hat.
Mit zehn Referenten und 89 Teilnehmern fing vor 30 Jahren alles an,
diesmal waren es 90 Vorträge von Referenten aus allen Kontinenten und
Teilnehmer aus 35 Ländern. Diese Entwicklung zeigt, wie weltumspannend
der Austausch der Fachleute inzwischen geworden ist.
Der besondere Stellenwert der Konferenz bestätigt sich auch darin,
dass alle Referenten nicht nur auf ein Honorar verzichten, sondern
auch die Teilnahmegebühren, Reise- und Übernachtungskosten aus eigener
Tasche zahlen.
„Ein Blick ins Marburger Programm macht deutlich, wie viele
Facetten es aufgrund regionaler Besonderheiten, neuer technischer
oder medizinischer Entwicklungen etc. in einem modernen Reha-Unterricht
oder bei der Verkehrsraumgestaltung zu berücksichtigen gilt“,
sagt Claus Duncker, Direktor der blista. „Zunehmende Bedeutung
gewinne dabei auch die große Gruppe der sehbehinderten Menschen und
ihre Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten, so Duncker weiter.
Ein paar Rückmeldungen der Konferenzteilnehmer:
-
„Hallo an das Organisationsteam des IMC
ich möchte mich bei Ihnen für diese sehr schöne und gut durchorganisierte Konferenz bedanken.
Es waren sehr aufschlussreiche Beiträge.
Das Catering war perfekt.
Und am aller schönsten war der schöne Grillabend :).
Liebe Grüsse
Ronald Röhrdantz -
Dear Jurgen
Greetings.
IMC13 was a real gemstone and a milestone in the chronology of O&M gatherings and you made it BIG!
Everything went smooth; interesting professional experiences and knowledge were shared skillfully in addition to social interaction! This is exactly what IMC should be. Congratulations on a great success.
A big personal thanks to you and the team at Blista all who responded to the challenge of holding the IMC. Hopefully the running costs of the event did not leave a deficit behind and a surplus will allow you to continue your involvement in the International Committee. […] All the best
Cheers,
Nurit Neustadt-Noy, Ph.D.
Netaim, Israel -
From: esther gallego
Subject: HELLO FROM SPAIN
Hello from Spain: […] The conference has been great!!!! Congratulations on your organization. I am writing you from my personal email because I start summer vacation but I hope that you enjoy a well earned rest. I am sending a big hug from northern Spain (Leon) and I hope to be in touch with you.
Regards,
Esther Gallego Villegas (The woman in red dancing on your wonderful holiday barbecue)
León (Spain)
blista