Gefangen in der grünen Hölle von Ohm und Lahn
Winni Thiessen *, Fotos: Daniela Junge » Ende Mai 2009 war es
dann soweit. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Öko-AG
bestiegen die siegreichen Biegensträßler die Boote. Siebzehn Mann und
Frau in drei Kanadiern und acht Kajaks machten sich auf, den ersten
Preis des Stromsparwettbewerbs, eine Kanufahrt auf Ohm und Lahn mit
anschließendem Restaurantbesuch, einzulösen. Mittendrin Großorganisator
und Mädchen für alles, Helmut Karges. Auch mit dabei: Paddelnovize Herr
W.
Pi mal Daumen lagen 16 zu bezwingende Kilometer vor ihnen. Für den
Zickzackpaddelprofi Herrn W. sollte sich die Strecke verdoppeln und am
Ende auf gefühlte 50 Kilometer addieren. Das Gezeter von Vorderfrau
und Hintermann über seinen Paddel-Dilettantismus hielt sich die
ganze Tour über auf hohem Niveau. Dabei schärfte der regelmäßig
stattfindende und oft unerwartete Kontakt mit der Uferbepflanzung
ihrer aller Sinne.
Die dadurch gut eingeübte blitzartige Reaktionsfähigkeit sorgte mit dafür, dass sie nicht einmal Kieloben im nur mäßig warmen Wasser schwammen. Und wem hatten sie dies zu verdanken…? Seine Kollegin demonstrierte dann auch, zu was ein gleichmäßiger, abgestimmter und einschläfernder Paddelstil letztlich führt. Herr W. hatte nicht die menschliche Größe, sich gänzlich der Schadenfreude zu enthalten, als sich ihm folgendes entzückende Bild bot: Der sich an einem Stein zur Seite neigende Kanadier seiner Kollegin; die Crew, die verzweifelt und immer hektischer mit den Armen in der Luft herumwedelte – Herr W. winkte noch kurz zurück. Dann die abrupte Körperverlagerung auf die andere Seite in der Hoffnung, dem Unausweichlichen doch noch entrinnen zu können. Gefolgt von der ebenso abrupten Verlagerung des Kanadiers… und aus die Maus… zu viel ausgeglichen… rumms uuuunnnd platsch!!! Keine Panik! Die Ohm war an dieser Stelle nur hüfttief und die Schwimmwesten waren angelegt.
Nach dem ersten Schreck ein wirkliches Hihlight
der Tour und er, Herr W., war ganz nah dabei gewesen.
Doch auch er sollte nicht völlig ungeschoren davonkommen. Beim Versuch,
auf einer idyllisch wirkenden Flussinsel einen Platz zum Wasserlassen
zu finden, versank er fast bis zur Hüfte in faulig stinkendem Morast.
Diese Paddeltour war wahrlich kein Spaziergang. Die Überwindung mit
Algen bewachsener, glitschiger Wehre und in den Fluss ragender Bäume
erforderte von allen artistische Leistungen und zehrte an den Kräften.
Dabei sah doch vom Ufer alles so idyllisch aus. In den strömungsreicheren
Abschnitten des Flusses, von Friedrich Smetana in Die Moldau flott und
harmonisch komponiert, lauerten knapp unter der Oberfläche größere
Steine mit der Aufschrift: „Lizenz zum Kentern“.
Kaum hatten sie die Stromschnellen überwunden, saßen sie schon wieder
auf einer Kiesbank fest. Und dann noch überall dieser Fischmarktgeruch!
Flüsse hatten für Herrn W. ein für alle mal ihre Unschuld verloren.
Nach fünf Stunden und ziemlich erschöpft erreichten sie in ihrem
Kanadier als Nachhut das Ziel, gut sichtbar markiert durch den
am Ufer wartenden Rolf Niggemeier, dem zweiten Organisator dieses
Tages. Die Zivilisation hatte sie wieder. Bei Rahmschnitzel und
Mineralwasser konnte Herr W. seine Wunden lecken. Der direkte Kontakt
mit der Natur hatte dann doch einen nachhaltigen Eindruck bei ihm
hinterlassen. Schwielen, Schweiß und Schmerzen, das war so richtig
nach seinem Geschmack. Er, Herr W., im Kampf gegen die Naturgewalten,
das war doch mal was ganz anderes, als jeden Tag immer nur gute
Ratschläge zu erteilen und liegen gelassenes Geschirr wegzuräumen.
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
blista