Menschen

Die „Entwicklungshelferin

Thorsten Büchner » Sabine Marcus kam bereits 1986 an die blista und arbeitete sieben Jahre in einer Wohngruppe des Internats im Minderjährigen-Bereich. Doch nach und nach verspürte sie den Drang, sich beruflich zu verändern. Der Kongress des Verbandes für Blindenpädagogik 1993 in Marburg gab ihr dann den endgültigen Anstoß. Eine Referentin beeindruckte sie so sehr, dass sie beschloss, in deren Frühförderstelle für Blinde und Sehbehinderte am italienischen Lago Maggiore ein Praktikum zu absolvieren. Ihre Festanstellung an der blista hatte sie mittlerweile aufgegeben und arbeitete nach ihrem Praktikum in Italien als Vertretungskraft im Internat. Doch dann kam ihre große Chance.

Sabine Marcus Innerhalb der blista wurde eine Stelle im Frühförderbereich der RES ausgeschrieben. Sabine Marcus bewarb sich und wurde eingestellt.
„15 Jahre ist das jetzt schon her“, erinnert sich Marcus. Da es zur damaligen Zeit noch keine Einführungskurse für neue Mitarbeiter gab, war ihr Start in der Frühförderung „ein Sprung ins kalte Wasser“. Ihr Fachwissen erwarb sie sich durch Fortbildungen und in der Praxis. Inzwischen hat sie natürlich auch als eine der ersten Frühförderinnen in Deutschland die offizielle Anerkennung zur „Frühförderin für blinde und sehbehinderte Kinder“ erfolgreich absolviert.

Insgesamt betreut die Frühförderstelle der blista zurzeit etwas mehr als 50 blinde oder sehbehinderte Kinder und ihre Familien. Die Frühförderer begleiten ein Kind dabei von der Geburt bis zur Einschulung. „Im Optimalfall weist der Augen- oder Kinderarzt die Eltern auf unsere Frühförderstelle hin und die Eltern nehmen dann Kontakt für einen Beratungstermin auf“, erläutert Marcus das Verfahren. Frühförderung ist für die Eltern kostenfrei. Finanziert wird es u. a. von den Sozialämtern, dem Land Hessen und durch Spenden.

„60 % unserer Kinder sind schwerst mehrfachbehindert, werden also das Entwicklungsstadium eines 1-jährigen Kindes leider nie überschreiten“, gibt Sabine Marcus einen Einblick in ihren Berufsalltag.
Sie selbst betreut 11 Kinder und deren Familien. Einmal wöchentlich besucht Sabine Marcus die Familien, die im Landkreis Marburg Biedenkopf sowie den angrenzenden Landkreisen beheimatet sind.
Vor Ort berät und unterstützt sie die Eltern. Zuerst gälte es oft, Ängste und Unsicherheiten abzubauen. Viele Eltern seien zunächst mit der Situation überfordert. Sie könnten nicht damit umgehen, dass ihr Kind sie beispielsweise nicht ansieht oder anlächelt. „Die Eltern brauchen in dieser Situation vor allem Zuspruch und sehr, sehr viel Information“, so Marcus. Das spiegelt sich auch in ganz praktischen Dingen wider. So sei es beispielsweise wichtig, dass die sehbehinderten Kleinkinder kontrastreiche Spielsachen benutzen und nicht, wie sie es schon oft erlebt habe, auf einem beigefarbigen Teppich mit naturfarbenen Holzklötzchen spielen. Da viele Spiele für blinde oder sehbehinderte Kinder schlecht nutzbar sind, adaptieren die Mitarbeiter der Frühförderstelle zusammen mit anderen RES-Mitarbeitern handelsübliche Spiele so, dass die Kinder sie mit Freude nutzen können.

„Gelegentlich entwickeln wir aber auch eigene Spiele. Das sind dann echte Unikate“, erläutert Marcus. Ein weiteres Beispiel aus ihrer Zusammenarbeit mit den Eltern zeigt, wie schnell aufgrund der unterschätzten Bedeutung der Sehbehinderung Schwierigkeiten im Eltern-Kind-Verhältnis entstehen können. „Ganz wichtig ist es, dass die Eltern gerade bei blinden Kindern ihre Handlungen akustisch oder sprachlich begleiten“, so Marcus. Als Beispiel führt sie das Füttern an. „Man kann einem blinden Kleinkind nicht einfach den Löffel in den Mund schieben, sonst erschrickt es und presst die Lippen zusammen. Daher sollte man das Kind „vorwarnen“, entweder dadurch, dass man mit dem Löffel an eine Tasse klopft oder indem man das Füttern verbal ankündigt.“

Ein weiterer großer Teil der Arbeit von Sabine Marcus besteht darin, die Entwicklung der Kinder zu fördern. So versucht sie, schon Säuglingen ein Gefühl für Raumwahrnehmung zu vermitteln. „Gerade bei vollblinden Kindern ist das ungemein wichtig“, sagt Marcus. Dazu werden die Babys in einen sogenannten „Little Room“ gelegt, ein kleiner Raum mit vier Wänden und als „Decke“ eine Plexiglasscheibe mit kleinen Löchern. Somit kann das Kind bei seinen Bewegungen spüren, dass es überall Begrenzungen gibt und bekommt so ein Raumgefühl. Um die Neugier auf die Außenwelt zu stimulieren, hängen an der Decke des „Little Rooms“ verschiedene Gegenstände, die bei Bewegung Geräusche erzeugen. Je weiter sich das Kind dann streckt und bewegt, erklingen immer neue, andere Geräusche. So soll die Neugierde und der Experimentierdrang geweckt werden. Der Säugling erlebe sich so als Verursacher von Effekten, was einen wesentlichen Baustein der sensomotorischen Entwicklung darstelle.

Sabine Marcus ist sich sicher, dass sich Frühförderung im späteren Leben positiv auswirkt. „Ein Kind, das lange Frühförderung hatte, wird sich mit Sicherheit selbstständiger und sicherer orientieren können als jemand, der erst in der Grundschule oder noch später behinderungsspezifisch gefördert wurde“, ist sie überzeugt.
Die Arbeit mit Kindern von blinden oder sehbehinderten Eltern liegt ihr besonders am Herzen. Dieses Angebot in Hessen ist deutschlandweit ziemlich einmalig. Die selbst sehbehinderten Eltern werden von Marcus und ihren Kolleginnen im Alltag unterstützt. Marcus hilft bei Dingen wie Fahrradfahren lernen oder geht mit den Kindern auf den Spielplatz. „Alle 6 Wochen unternehmen wir mit den blinden oder sehbehinderten Eltern und deren meist sehenden Kindern etwas zusammen“, so Marcus. Viele der Eltern wünschen sich noch regelmäßigere Treffen, aber dies ist bislang leider nicht möglich. „Die blinden oder sehbehinderten Eltern werden ebenfalls einmal wöchentlich besucht und erhalten Unterstützung und Hilfestellung“, sagt sie.

Das Spannende an ihrer Arbeit ist für Sabine Marcus die Vielfältigkeit. Von schwerst mehrfachbehinderten über „rein“ blinde oder sehbehinderte bis zu sehenden Kindern reicht ihr Aufgabenfeld. „Jede Familie und jedes Kind ist anders. Jede Entwicklung verläuft einzigartig.“, beschreibt sie die Faszination ihrer Tätigkeit.
„Natürlich ist es schade, wenn man sich nach fast sechs, sieben Jahren von einer Familie trennen muss“, benennt Marcus auch die unschönen Seiten ihrer Arbeit.
Aber das jährlich stattfindende Sommerfest der Frühförderung bringt sie dann wieder alle zusammen, denn es werden auch alle ehemaligen Frühförderfamilien eingeladen. „Das älteste Frühförderkind war dieses Jahr 20 Jahre alt“, freut sich Marcus über die Rückmeldungen zum diesjährigen Sommerfest.

Man merkt, wie wichtig Sabine Marcus ihre Aufgabe ist, und begreift, wie notwendig diese Arbeit für blinde und sehbehinderte Kinder sein kann. „Wenn in den ersten Lebensjahren Entwicklungsverzögerungen nicht kompensiert werden, hat es das Kind später ungemein schwer, die Entwicklungsschritte aufzuholen“, ist sich Marcus sicher.
Damit dies nicht geschehen muss, dafür arbeitet Sabine Marcus mit ihren Kolleginnen und Kollegen der Frühförderstelle im RES.

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