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Heute: Der alltägliche Wahnsinn
Once upon a time… wieder so eine Geschichte. Auf dem Sommerfest 2008 wurde die Biegenstraße 32 zum Sieger des Stromsparwettbewerbs der blista-Wohngruppen gekürt. Initiator dieses Wettbewerbs muss wohl die Öko-AG der Schule gewesen sein, aber Herrn W. geht es nicht um die Schuldfrage. Er will nur die fragwürdige Geschichte eines märchenhaften Erfolges loswerden, um wieder ruhig schlafen zu können.
Anfangs hatte Herr W. den Wettbewerb für einen verspäteten Aprilscherz gehalten, doch sein Teamkollege nahm die Sache ernst und sich ihrer an. Im Gegensatz zu Herrn W. erkannte er sofort das vor sich hin schlummernde Potential ihrer Schutzbefohlenen. Wo Herr W. nur zur Schnoddrigkeit neigende Halbwüchsige sah, sah sein Kollege den Schwimmer, den Läufer, den Goalballer – junge Athleten eben, mit der erforderlichen Kämpfermentalität und Leidensfähigkeit. Und tatsächlich, es gelang ihnen gleich, einen Blitzstart hinzulegen. Für Herrn W. ein pädagogisches Waterloo, denn von nun an hieß es – wie bei den sportlichen Jungmännern noch immer üblich – jetzt wieder für alle: Mit der Wäsche zu Muttern! Regression als Erfolgsrezept. Aber – so vertröstete man ihn – der Zweck würde in diesem Fall ausnahmsweise einmal die Mittel heiligen, denn damit könnten die zwei größten Stromschleudern sofort stillgelegt werden: Waschmaschine und Trockner.
Ein Anfang war gemacht, und die Geschichte konnte ihren Lauf nehmen. Herr W. begnügte sich die meiste Zeit mit der Rolle des Beobachters und Nörglers, während sein Kollege aufopferungsvolle Motivationsarbeit leistete. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfte er bei seinen Zöglingen den inneren Schweinehund der Bequemlichkeit und Lebensbejahung. Schließlich musste seine Crew für einen längeren Zeitraum auf warme Mahlzeiten, den PC, den Fernseher und unnötige Leuchtmittel verzichten. Da saßen sie nun bei Kerzenlicht schweigsam beisammen. Die täglich notwendigen energiesparenden Lebensabläufe konnten diese kommunikationsreduzierten und eher zum Praktischen neigenden Sportlernaturen recht schnell einüben und automatisieren. Im Alltagsgeschäft waren sie nun nicht mehr abhängig vom rein zufälligen und meist unberechenbaren Gebrauch des Denkprozessors auf ihrem Hals. In diesem speziellen Fall scheinbar ein evolutionärer Vorteil. Herr W. klappte das Buch, in dem er las, nachdenklich zusammen.
Um zu siegen wurde mit allen Tricks gearbeitet, den Pokal für Fairplay wollte hier niemand haben. Für nichts waren sich die Wettkämpfer zu schade. Skrupel kannten sie nicht. So wurden durch taktische Besuche die stärksten Konkurrenten systematisch geschwächt. Niemand schien sich über die ungewohnte Kontaktfreudigkeit der „Biegensträßler“ zu wundern. Selbst Herr W. hatte sich einmal dabei ertappt, wie er während eines Termins in einer Nachbargruppe das Licht im Klo absichtlich hatte brennen lassen wollen. Was hatte dieser Wettbewerb nur aus ihm gemacht?
Anderseits wimmelte man selbst gute Bekannte schon vor der eigenen Wohnungstür ab. Jeder Besucher wurde nur noch als potentieller Energiefresser gesehen, den Freund sah niemand mehr. Der gesunde Menschenverstand hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon lange bei allen verabschiedet. Großen Widerstand dagegen hat es nie gegeben, frotzelte Herr W., als er Zeuge davon wurde, wie Nudeln weich gelutscht wurden, nur um den Strom für das heiße Wasser einzusparen.
Aber zu diesem
Zeitpunkt achtete schon niemand mehr auf ihn. Durch die dunklen und
kalten Flure der Wohngruppe stapften von Ehrgeiz zerfressene
Energiesparzombies, angetrieben von ihrem Willen zum Sieg. Nein, nichts
konnte sie stoppen, nichts ihre auf Wettkampf eingestellten Gehirne
erreichen. Nur das rhythmische Knacken noch knuspriger Nudeln in ihren Mündern durchbrach hin und wieder die Stille in der Wohngruppe, die von keinem elektrischen Gerät gestört wurde. So wurden die „Biegensträßler“ zu den größten Sparbrötchen der blista; und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben…
Hiermit ist die Geschichte aus. Sie entspricht mindestens der halben
Wahrheit, jedenfalls soweit sich Herr W. noch daran erinnern will.
Auch heute noch fragt er sich manchmal, ob es sich um einen Zufall
handelte, dass gerade während des Wettbewerbs die weiblichen
Gruppenmitglieder auf Klassenfahrten waren? Und was war das für ein
braunes Pulver, das sich die Athleten jeden Tag in ihre kalte H-Milch
rührten?
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
Foto: Daniele Junge
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