Buchtipp
Augenzeuge
Winfried Thiessen * » Augenzeuge – Die Geschichte meiner
Erblindung von
Ryan Knighton beginnt mit
unerklärlichen Tollpatschigkeiten und endet Jahrzehnte später mit der
fast vollständigen Erblindung. Ryan passieren ungewöhnliche Dinge.
Beim Fahren mit dem Gabelstapler übersieht er seinen Kollegen, beim
Autofahren verwechselt er den Rasen mit der Straße und beim Kellnern
wirft er ständig Gläser um. Ryan ist verwirrt, denn niemand hat ihm
bisher gesagt, dass er an einer Augenkrankheit leidet.
Erst mit 18 erhält er seine Diagnose Retinitis Pigmentosa, d.h. für ihn
zunehmende Gesichtsfeldeinschränkungen, Tunnelblick, Nachtblindheit bis
hin zur vollständigen Erblindung. Aber bis dahin werden noch weitere 15
Jahre vergehen. Von seinen
Ups & Downs,
von Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zur fast völligen Erblindung
erzählt Ryan Knighton auf
literarisch recht ansprechende Weise, man merkt ihm die amerikanische
Schreibschule an, die bei ihm aber hin und wieder dazu führt, einen
kleinen Schnörkel zu viel zu machen.
„Ich werde oft gefragt, was ich am Blindsein am meisten
hasse. Blind zu sein, wäre eine gute Antwort. Blind zu sein, hasse ich
am meisten am Blindsein, aber das wollen die Leute in der Regel nicht
hören. Nenn uns ein Beispiel, ganz konkret, sagen sie dann. Nach einem
echten Ärgernis gefragt, fallen mir als Erstes Toiletten ein. (...)
Nehmen wir an, mir geht eine freundliche Bedienung zur Hand, eine, die
bereit ist, mich auf dem Weg zum stillen Örtchen zu begleiten. Ich weiß,
ich sollte dankbar sein angesichts von so viel Hilfsbereitschaft, und
bin es auch, allerdings verflüchtigt sich meine Dankbarkeit, wenn ich
bedenke, wie erniedrigend es ist, im Alter von 33 Jahren auf jemanden
angewiesen zu sein, um aufs Klo zu gehen. (...) Das Drama, die
Herrentoilette am Arm einer Frau aufzusuchen, hat etwas von einem
ersten Date.
An der Tür sehen wir uns mit dem heiklen Problem konfrontiert, ob oder
wie wir uns voneinander verabschieden. Während ich ihr für ihre Hilfe
danke, zerbrechen wir uns beide den Kopf, ob wir uns nun die Hand geben
und es an dieser Stelle für heute Abend mit dem Eskortservice gut sein
lassen oder ob ich sie noch hineinbitte. Oder sie macht sich Gedanken
und fragt mich besorgt: „Soll ich nicht doch besser mitkommen?”
Oder ich mache mir Gedanken, dass sie sich Gedanken macht, und so nimmt
das unendliche neurotische Hin und Her seinen Lauf.”
Knightons Biografie bezieht ihre Dynamik anfangs aus dem Umstand, dass
aufgrund der noch unerkannten Sehbehinderung ganz alltägliche
Konstellationen einen skurrilen, unerklärlichen Verlauf nehmen.
Nach der Diagnose RP erhält seine Lebensgeschichte ihren Schwung aus
der Tatsache, dass Ryan Knighton –
wie so viele vor ihm – seine Behinderung und ihre Grenzen zunächst nicht
akzeptieren kann und will. Dadurch bekommen zunächst völlig
unverfängliche Situationen einen ungewöhnlichen und/oder unfreiwillig
komischen Verlauf. Es braucht eben Zeit, eine Behinderung in die eigene
Persönlichkeit zu integrieren, vor allem wenn sie progressiv verläuft.
Bis es soweit ist, pendelt sein Leben zwischen Tragik und Slapstick,
und macht so das Buch zum Lesevergnügen.
Wer schon einige literarisch anspruchsvollere Biografien anderer
sehbehinderter Amerikaner gelesen hat, der wird Anlehnungen an die
Tragikkomödien von Jim Knipfel (Blindfisch) oder Stephen Kuusisto
(Planet der Blinden) erkennen, während zum Ende hin die Ernsthaftigkeit
eines John M. Hull
(Im Dunkeln sehen ) erzähltechnisch die Oberhand gewinnt.
„Ich habe mein Gesicht seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. (...)
Seitdem wache ich jeden Morgen auf wie Peter Pan. Ich lächle in den
Spiegel, aber die Person, die zurückstarrt, bleibt ewig jung und ist
in Wirklichkeit gar nicht da, sondern nur die Idee eines Menschen. Die
Welt altert, und ich bin nicht Zeuge. Auch die Zeichen der Zeit auf
meinem Gesicht sehe ich nicht. (...) Da ich keine Gesichter mehr sehe,
auch nicht mein eigenes, habe ich wohl irgendwie meine Mimik aufgegeben.
(...) Man könnte sagen, ich habe den Kontakt zu meinem Gesicht verloren.
(...) Meine Studenten sagen, ich wirke ernst und mürrisch, manche
behaupten sogar, ich sähe ständig so aus, als ob ich böse wäre. Das ist
aber gar nicht so. Ich habe ganz einfach mein Gesicht vergessen.”
„Mein Tunnelblick ist bereits stark eingeschränkt. Ich stehe
kurz vor der totalen Erblindung. (...) Ich glaube, ich träume bereits
mit Tunnelblick und erinnere mich mit Tunnelblick. Fragt sich, wie ich
mich erinnern werde, welche Erinnerung an das Sehen ich haben werde,
wenn auch mein Tunnelblick verschwunden ist. Der Tag ist nicht mehr
fern.”
Augenzeuge – Die Geschichte meiner Erblindung ist eine der besseren Biografien über das Thema Sehrestverlust/Erblindung. Ryan Knighton rattert nicht einfach seine Lebensstationen herunter, sondern verwebt sie zu einer unterhaltsamen Erzählung. Übrigens versucht er sich gerade an einem Drehbuch von Augenzeuge – die Geschichte meiner Erblindung.
Das Buch erhalten Sie im DAISY-Format in unserer Hörbücherei. Interessenten wenden sich bitte an info@blista.de oder telefonisch unter 06421-6060.
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
blista