Wir hätten den 1. Weltkrieg verhindert!
Martina Dirmeier * » …Das war die einhellige Schülermeinung nach der großen Konferenz in Wien, an der alle am 1. Weltkrieg beteiligten Länder teilnahmen, mit dem Ziel, den großen Krieg nach dem Sarajewo-Attentat doch noch zu verhindern.
Die große Konferenz war in Wirklichkeit ein Planspiel und fand auch
nicht in Wien, sondern in der Schülerbibliothek der Carl-Strehl-Schule
statt. Die beteiligten Großmächte waren durch Schülergruppen vertreten,
die individuelle Verhandlungs-Anweisungen von ihren jeweiligen
„Länderregierungen”
erhalten hatten (welche Kompromisse dürfen ggf. eingegangen oder
welche Verhandlungsposition darf keinesfalls aufgegeben werden).
Wie die meisten großen Konferenzen wurde aber auch diese in englischer
Sprache abgehalten, ohne Dolmetscher! Das Planspiel war Teil des neu in
den Klassen 10 a/b eingeführten bilingualen Unterrichts-Projekts. In der
Zeit zwischen Sommer- und Herbstferien fand der Geschichtsunterricht auf
Englisch statt. Thema war der 1. Weltkrieg. Die Geschichtslehrer
Ulrich Schütt und Regina Kitzka und die Englischlehrer Martina Dirmeier
und Barbara Zink unterrichteten jeweils als Team, wobei nicht
Sprachrichtigkeit, sondern Inhalt und Kommunikation an erster Stelle
standen. Wenn nicht anders möglich, durfte und musste die Kommunikation
dann auch mal auf Deutsch stattfinden.
Für die Schüler erstmal ungewohnt war, dass sprachliche Fehler nicht korrigiert wurden, sofern die Englischlehrerinnen in der Lage waren, ihre Reflexe zu unterdrücken. Bewertet wurde ausschließlich der Inhalt. Ungewohnt für die Schüler war ebenso, sich in einer Nicht-Englisch-Stunde plötzlich in der Fremdsprache auszudrücken. O-Ton eines Schülers: „Das ist doch jetzt Geschichte, da kann ich jetzt irgendwie gar nicht Englisch reden.” Ein Schüler übrigens, der im Englisch-Unterricht sehr gut Englisch sprechen kann. Einige Schüler hatten noch Hemmungen, einfach drauflos zu reden. Anderen hat es sehr gut gefallen, beim Englischsprechen mal nicht auf die sprachlichen Aspekte achten zu müssen, da es ja primär um den Inhalt, also Geschichte ging.
Viel Spaß machte es den Schülern, auch mal ratlose Lehrer zu erleben,
was ja sonst nie vorkommt! So konnten sie
live zu der Erkenntnis gelangen,
dass Geschichtslehrer auch nicht notwendigerweise bessere
Englischkenntnisse als sie selbst haben und die Vokabellisten mit
ihnen gemeinsam lernen mussten.
Auch die Englischlehrerinnen konnten nicht immer mit detailfreudiger
Sachkenntnis bezüglich „1. Weltkrieg” glänzen.
Am Ende stand dann also die Erkenntnis, dass alle etwas gelernt haben.
Auch wenn wir den 1. Weltkrieg bekanntermaßen ja leider doch nicht
verhindern konnten. Aber uns hat ja auch keiner gefragt.
* Lehrerin an der Carl-Strehl-Schule
Foto: Martina Dirmeier
blista