Schritt, Trab und manchmal auch Galopp

Reitunterricht an der blista

Klaus Röder » Jeder, der die blista in der 7. Klasse besucht hat, hat ein Pferd gestriegelt und gesattelt, Hufe gekratzt, getrenst und ist geritten. Für Generationen von blista-Schülern wurde die Reiterfreizeit am Ende dieser Jahrgangsstufe zu einem Meilenstein persönlicher und gemeinsamer Erfahrung. Die Auseinandersetzung mit Ängsten, mit Bewegung, Gleichgewicht, Körperspannung, das Einfühlen in ein großes, starkes Lebewesen, das sich steuern lässt, wenn man es richtig macht, ist eine intensive Erfahrung. Vielen bleiben aber auch die Eigenheiten der Mitschüler und die erste Nacht in der Unterkunft der Reitanlage, die heimlich zum Tage gemacht wurde, besonders in Erinnerung. Wer die Freizeiten im nordhessischen Dankerode mitgemacht hat, weiß, was gemeint ist, wenn vom „Mann ohne Hals”, vom „Papagei”, dem „Ahlheimer” oder den „Friesen” die Rede ist und er weiß auch, wo die „Handytelefonzelle” zu finden ist.

Eine Schülerin und ein Schüler reiten auf Schimmeln

Als Pferde noch wie Hunde waren

Reitunterricht mit blinden und sehbehinderten Jugendlichen durchführen zu können, setzt ein Konzept voraus, das zwei Elemente umfasst: es nutzt alle Möglichkeiten, die die Seheinschränkung und gegebenenfalls eine weitere Behinderung zulassen, um reiten zu lernen, und es nutzt die psychomotorischen Fördermöglichkeiten des Reitens für Sehbehinderte, Blinde und bei verschiedenen Formen der Körperbehinderung. Ein solches Konzept wurde in der blista am Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelt. Es gilt als Richtschnur für alle, die den Reitsport in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik integrieren wollen.
Damals, in den Gründerjahren, hatte, wie Fritz Wieser, der langjährige Leiter der Reitanlage berichtet, nur etwa jeder zehnte Schüler überhaupt eine Vorstellung davon, wie ein Pferd aussieht. Fritz Wieser „Manche Schüler”, so Wieser, „waren der Meinung, ein Pferd sei so etwas wie ein großer Hund mit vier Beinen, einer Schnauze und einem Schwanz.” Der Bau der Reitanlage erfolgte 1986, mit initiiert vom damaligen Vorsitzenden des Elternbeirats, der selber Reiter war. Heute haben die meisten Schüler bereits Kontakt mit Pferden gehabt, wenn in der zweiten Hälfte der Jahrgangsstufe 7 die Bewegungserziehung am Pferd als einstündige Veranstaltung zusätzlich zum zweistündigen Schulsport beginnt. Die Carl-Strehl-Schule ist aber weiterhin die einzige Sehbehinderten- oder Blindenschule in Deutschland, bei der Reitunterricht in den Schulsport automatisch integriert ist.
Die Schüler lernen zunächst, an der Longe zu dem im Schritt sich bewegenden, später auch trabenden Pferd zu laufen und den Rhythmus des Pferdes aufzunehmen. Es folgen Übungen, die auf dem Pferderücken auszuführen sind: sitzen, hocken – auch freihändig – sich drehen und vom gehenden oder trabenden Pferd wieder auf den Boden gleiten.
In der letzten Woche vor den Sommerferien werden die Schüler im Rahmen der Freizeit mit zwei weiteren Aufgaben konfrontiert. Sie lernen ihr Pferd zu putzen, zu satteln, legen die Trense an – und zum ersten Mal sitzen sie in einem richtigen Reitsattel, haben die Zügel in den Händen und die Füße in den Steigbügeln.
„Ihre Sicherheit wird durch einen Betreuer gewährleistet, der in ständiger Eingreifbereitschaft an der Innenseite des Pferdes mitläuft…” bis die Schüler sicher genug sind und alleine im Schritt reiten können. Dafür muss aber noch viel gelernt werden: aufrecht, unverkrampft aber mit Körperspannung sitzen, in der Bewegung des Pferdes mitschwingen, Zügel- und Schenkelhilfen geben. Es folgt die nächste Gangart, das Traben. Die Schüler traben zunächst im Schwebesitz und gehen dann ins leichte Traben über. Die reiterlichen Fähigkeiten, die sie erwerben, lassen sich jedoch nicht in wenigen Stunden vermitteln, weswegen der Reitunterricht in der ersten Hälfte der 8. Jahrgangsstufe fortgesetzt wird.

Die vielseitige Nutzung der Reitanlage

Neben den Schülern der Jahrgangsstufe 7 und 8 nutzen viele andere Schüler die Reitanlage, denn reiten kann als Neigungsfach ab der Jahrgangsstufe 9 im Sportunterricht, oder im Freizeitbereich als Arbeitsgemeinschaft, gewählt werden.
In einer normalen Schulwoche nehmen inkl. der Jahrgangsstufen 7 und 8 bis zu 50 Schüler trotz des dicht gepackten Stundenplans den Weg nach Wehrda in Kauf und schwingen sich in den Sattel.
Eine besondere Form der Nutzung ergibt sich aus der psychomotorischen Förderung am Pferd, die von der RES angeboten wird. Für Menschen, die z. B. aufgrund eines Hirntumors oder als Folgen eines Unfalls erblindet sind und evtl. noch eine zusätzliche Körperbehinderung haben, ist dieses Angebot eine hervorragende Möglichkeit, den Körper mit seinen Einschränkungen neu zu erleben und besser kennen zu lernen. Ein Pferd ist auf besondere Weise geeignet, dem Menschen in seiner Bewegungsentwicklung Unterstützung zu bieten. Der Bewegungsablauf des Pferdes stimuliert fein koordinierte Bewegungsabläufe im menschlichen Körper. Stärkung von Rumpf und Oberkörper sorgen für Stabilität als unerlässliche Voraussetzung für den menschlichen Gang. Es ist sehr eindrucksvoll zu beobachten, welch große Fortschritte im Bewegungsverhalten dadurch innerhalb kurzer Zeit erarbeitet werden können.
Aber nicht nur die blista nutzt die Reitanlage, sondern auch die Interessengemeinschaft therapeutisches Reiten, die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Klinik Lahnhöhe sowie die Sozialtherapeutische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft des Hofguts Friedelhausen.
Derzeit gehören 8 Wallache, die sich als Schulpferde besonders eignen, zum Reitstall. Sie haben ein unterschiedliches Stockmaß, damit sie von kleinen wie großen Schülern geritten werden können. Außerdem stehen zur Zeit noch 3 Gastpferde in den Boxen. Schüler mit einem eigenen Pferd können ihr Pferd zwar in der Reitanlage unterstellen – aber ob die aufwendige Pflege neben der anspruchsvollen Schulausbildung und anderen Freizeitbeschäftigungen von den Schülern auch wirklich geleistet werden kann, ist vorher sorgfältig zu prüfen.

10 Wagen Heu, 20 Wagen Stroh

Die Tiere täglich zu versorgen ist eine anstrengende Aufgabe, deren Ausmaß etwas deutlicher wird, wenn man sich vergegenwärtigt, dass jährlich etwa 10 Wagenladungen Heu verfüttert, 20 Wagenladungen Stroh gestreut und ca. 10 Tonnen Ergänzungsfutter in die Boxen verfrachtet werden müssen – eine Materialmenge, die deutlich mehr Kubikmeter beansprucht als z. B. der Speisesaal bietet. Ganz zu schweigen davon, dass diese Mengen als ein Gemisch aus Pferdeäpfeln und Stroh Schubkarrenweise auf die Miste gefahren werden müssen. Nur die 40 l Wasser, die jedes Tier täglich trinkt, müssen nicht in die Boxen getragen werden, sie fließen durch Leitungen.

Das Team: Förderung im Blick, Integration im Sinn

Die Arbeit wurde jahrelang von Fritz Wieser, Arno Muth und Heinrich Bender durchgeführt. Nach dem Ausscheiden von Fritz Wieser am 30.10.09 stieß Dagmar Mengel, pädagogische Mitarbeiterin des Internats, zu dem Team der Reitanlage dazu.
Während in der Vergangenheit die Reiterfreizeit der Jahrgangsstufe 7 immer in auswärtigen Anlagen durchgeführt wurde, hat es im vergangenen Schuljahr eine Neuerung gegeben. Die Freizeit fand in Wehrda statt. An Kosten wurden gespart, an Reiterfahrung und Spaß aber nicht. Neben dem Reitunterricht gab es täglich ein Programm für alle – und eine Nacht schlief die Jahrgangsstufe auf Strohballen in der Reitgasse.

Wie auch immer sich die Reitanlage in Zukunft präsentieren wird, eines wird Bestand haben: Wer in der blista reiten gelernt hat, kann diese Freizeitbeschäftigung in allen Reithallen ausüben. Da Reithallen in immer gleichen Abmessungen errichtet werden, Reitkommandos überall gleich sind und in der blista konsequent auf blindenspezifische Sonderausstattungen wie akustische Ecksignale verzichtet wird, ist die Ausbildung eine gute Voraussetzung zur Integration in den Reitsport. Ohne eine reiterliche Ausbildung zu haben, dürfte die Integration in eine Reitanlage ohne Erfahrung im Umgang mit Blinden und sehbehinderten äußerst schwierig bis unmöglich sein.

Vorankündigung

Das blista Reit-Camp 2010:
Die blista bietet interessierten sehbehinderten und blinden Jugendlichen vom 09. – 14.10.2010 ein Reit-Camp an. Das Angebot richtet sich in erster Linie an Jugendliche, die nicht die blista besuchen. Sollten sich nicht genügend Externe anmelden, haben auch blista-Jugendliche die Möglichkeit, am Reit-Camp teilzunehmen.
Mehr Infos gibt es in der nächsten blista-news.

* Mitarbeiter der RES
Fotos: Annett Körber
Literaturhinweis: Herget, M und Herwig, H: „Bewegungserziehung am Pferd und Reiten für Sehgeschädigte” aus der Zeitschrift „Therapeutisches Reiten”, 2/98, 3 - 9 und 3/98, 4 - 9

Reiten *

Am frühen Morgen um viertel nach Acht,
hat man die Stallpforten aufgemacht.

Wir wollten natürlich aufs Pferd gleich rauf,
doch putzen und misten nahmen wir erst in Kauf.

Mit der Schubkarre fahr’n, das war ein Gesause,
zum Glück gab”s danach ne Frühstückspause.

Danach waren Reiten und Theorie da,
sowas macht mehr Spaß als Schule,
das ist doch klar!

Am Dienstag war’n wir bei der IGTR,
haben Esel gestreichelt,
der Abschied war schwer.

Und jeden Morgen die Putzerei,
ich war und das muss ich ehrlich sagen,
manchmal mit wenig Geduld dabei.

Eins muss ich noch zum Reiten sagen,
das brennt mir auf der Seele,
seit genau drei Tagen,
Sunny klaut immer Zügel weg,
und ich bekomm nen Riesenschreck!

Einmal ist er auch gestolpert,
das hat dann echt ziemlich geholpert,
aber dann war alles wieder gut,
ich erholte mich von meinem Schreck,
und hatte wieder neuen Mut.

Auch am Nachmittag war noch ein bisschen Programm,
das mir nach dem Stress sehr gut bekam.

Am Montag war’n wir Tretbootfahr’n,
die Klamotten wurden nass,
manche sprangen noch in die Lahn,
Leute, war das nicht ein bisschen krass?!

Am Dienstag waren wir,
im Kino,
in Ice Age 3,
nur leider war der lustige Film,
viel zu schnell vorbei.

Am Mittwoch war’n die and’ren schwimmen,
doch ich blieb daheim,
frisch geduscht, warm angezogen schrieb ich diesen Reim.

Von Donnerstag auf Freitag,
da schlafen wir im Stroh,
der Muskelkater ist bis dahin weg, oder?
Ich wär darüber echt froh.

So jetzt hör ich auf,
hier weiterzuschreiben,
ich glaube, diese Tage werd’n uns im Gedächtnis bleiben!

* von Lisa Schmidt, Schülerin ehemals Jgst. 7

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