Strasdwudje St. Petersburg
Lydia Hänsel, Fotos: Hans Junker » Die Abschlussfahrt des Powi-LK, an welcher David, Richard, Christian, Oliver, Dzeneta, Leonie, Gesa und Lydia teilnahmen, sollte uns in ein Land führen, das nicht unbedingt das meist gewählte Reiseziel von Schulklassen ist. Deshalb, so entschieden wir einstimmig, wäre doch die bekannte russische Metropole St. Petersburg, das „Tor zum Westen”, genau das Richtige für uns.
Also flogen wir am Samstag, den 3. Oktober, von Düsseldorf aus gen Nordosten. Als wir auf dem Petersburger Flughafen landeten, ging fast schon die Sonne unter und unsere Zehen froren uns buchstäblich ab. Ich glaube, mit dieser Kälte hatte wohl trotz der Warnungen niemand gerechnet. Hinzu kam, dass Richards Koffer nicht mit uns in Petersburg ankam. Das war vielleicht eine Aufregung!
Neben unserem Powi-Lehrer Hans Junker war auch Olga Frederix mit von
der Partie, die während unserer Fahrt liebevoll um unser Wohl besorgt
war. Mit einem Bus wurden wir zum Hotel gefahren. Es war eine gute
Unterkunft mit kleinen sauberen Zimmern, in der wir auch jeden Morgen
ein reichhaltiges Frühstücksbuffet genießen konnten.
Am nächsten Tag besuchten wir zuerst die Eremitage, das drittgrößte
Museum der Welt. Einen ganzen Vormittag benötigten wir, um uns
wenigstens einen groben Überblick darüber zu verschaffen, was die
russischen Zaren seit Katharina der Großen an Kunstschätzen
zusammengetragen haben.
Von allen Kunstepochen war etwas zu sehen. Und auch an Berühmtheiten
unter den Künstlern hat es nicht gefehlt: über Leonardo
da Vinci,
Rubens, Rembrandt, Picasso, Van Goch und
Monet war alles vertreten.
Selbstverständlich war Peter der Große, der Begründer und Förderer der
Stadt, immer wieder und wieder porträtiert worden und teilweise
überdimensional abgebildet.
Nach dem Kunstgenuss verlangten unsere Mägen ihr Recht, denn wir waren ganz begierig darauf, die russische Küche kennen zu lernen. Also dirigierte uns Olga in ein Restaurant, in dem wir sehr leckere Pirogen, Teigtaschen mit unterschiedlichsten Füllungen, zu uns nahmen. Da war für jeden Geschmack etwas dabei. Allerdings hatten wir beim Bestellen immer ein paar kleine Verständnisprobleme, da weder wir des Russischen noch die Russen des Englischen mächtig waren. Doch Olga, die aus Petersburg stammt, unterstützte uns mit viel Geduld.
Nach einer kleinen Ruhepause im Hotel wollten wir Schüler am Abend auf eigene Faust die Stadt erkunden. Also fuhren wir mit der U-Bahn, der Metro, zum Newski-Prospekt, einer großen Haupt- und Einkaufsstraße. Die Metro fährt in Petersburg ca. 100 bis 120 m unter der Erde, so dass man erst einige Minuten mit der Rolltreppe in die Tiefe fahren muss, ehe man die Bahn erreicht. Da geschieht es oft, dass die Russen, um keine Zeit zu verschwenden, auf der Treppe ihre Zeitung oder ein Buch hervorholen, um in der Zwischenzeit darin zu lesen.
Im Zentrum angekommen, spazierten wir durch die Stadt und hielten schließlich auch nach einer Essgelegenheit Ausschau. Und tatsächlich schafften es einige von uns, sich erfolgreich vom allgegenwärtigen McDonalds fernzuhalten und stattdessen die russische Küche auszuprobieren. An diesem Abend versuchten wir Plinis, einen Crêpe-ähnlichen Teig, den man mit Süßem oder Herzhaftem füllen kann. Außerdem entdeckten wir auf unserer Erkundung, dass die Petersburger viele Läden und Geschäfte in der Stadt haben, wie sie auch in unseren Städten vorhanden sind, auch mit lateinischer Schrift gekennzeichnet, nicht mit kyrillischer, wie es in Russland üblich ist. Außerdem stellten wir mit Erstaunen fest, dass wir noch nie so viele Luxus-Limousinen auf einmal gesehen haben wie in Petersburg.
Am nächsten Tag ging es auf eine Sightseeingtour durch Petersburg. Wir stoppten zuerst vor der Auferstehungskirche, später vor der Isaaks-Kathedrale und sahen uns schließlich die Peter-und-Pauls-Festung an, das Herzstück der Stadt. Natürlich besichtigten wir auf dem Weg auch den ehernen Reiter, ein Standbild Peters des Großen zu Pferde, wie er majestätisch auf seine Untertanen herabschaut. Außerdem kamen wir an sämtlichen prachtvollen Palästen vorbei, die vom russischen Adel gebaut wurden. Diese Fürstenpaläste, die Festung und die vielen Kirchen waren in einem Maße mit Gold und Silber überschüttet und ausgestaltet, wie man es sich in unserer Heimat nicht vorstellen kann. Doch so ist es üblich in der russischen Orthodoxie, ebenso wie die charakteristischen Zwiebeltürme. Dies alles war so prunkvoll und großartig, dass Herr Junker nicht umhin konnte, ständig unseren Bus zu stoppen, um alles, was ihm vor die Kamera kam, für die Nachwelt festzuhalten. „Hans im Glück!” sagten wir bald, wenn wir wieder einmal auf unseren „Fotografen” warten mussten.
Nach der Stadtrundfahrt besichtigten wir Petersburg vom Wasser aus.
Auf einem kleinen Schiff durchquerten wir die unzähligen Kanäle und
Flüsse, die die Stadt durchziehen. Da hieß es Kopf einziehen, da wir mit
unserem Schiffchen nur mit Haaresbreite unter einigen dieser Brücken
hindurch fahren konnten.
Vervollständigt wurde diese Fahrt durch die Erläuterungen von Lena, die
uns auch schon durch die Eremitage und am Vormittag durch die Stadt
begleitete.
Am Dienstag besichtigten wir Peterhof, das russische Versailles. Dieses Schloss ist mit seinem riesigen Parkgelände eine architektonische Meisterleistung des Barock. Hier residierte die Zarenfamilie vorwiegend in der Sommerzeit.
Durch den Park konnten wir hinunter bis an die Ufer der Ostsee flanieren
und dort für einen Augenblick deren raue Schönheit genießen.
Natürlich mussten wir während unseres Aufenthalts in einem riesigen
Supermarkt noch den obligatorischen Wodka einkaufen. Auch wurde bei
unseren Besichtigungen an Souvenirläden Halt gemacht, in denen wir
beispielsweise die landestypische Matroschka erstehen konnten.
Am Abend dieses Tages unternahmen wir noch einen Spaziergang durch
Petersburg, und dies, man höre und staune, bei strahlendem Sonnenschein,
der die Stadt wie verwandelt aussehen ließ.
Der letzte Tag stand uns zur freien Verfügung. Wir kauften ein, was uns
noch fehlte, und besichtigten die riesigen Atlanten, die das Portal
eines Nebeneinganges der Eremitage tragen.
Am Abend trafen wir uns alle noch zu einem Bier und um Fazit zu ziehen
über die erlebte Woche.
„Ich hatte mir die Russen irgendwie anders vorgestellt, nicht so
westlich” meinte Richard. „Ich habe mir Russland viel ärmer
vorgestellt” überlegte Christian.
Am Ende kamen wir zu dem Schluss, dass jeder von uns mit einem anderen
Eindruck von Petersburg Abschied nehmen würde, im Vergleich dazu, was
wir vorher dachten und zu wissen glaubten.
Unsere Unwissenheit über das größte Land der Welt hält viele Klischees
aufrecht und die Medien tun ein Übriges dazu. Aber ich denke, dass wir
alle aus dieser Fahrt gelernt haben, dass es für jeden von uns etwas
Besonderes und Neues gab. Besonders beeindruckt zeigten sich die meisten
von den klar ersichtlichen Unterschieden zwischen dem Prunk der Reichen
und der Einfachheit und Mittellosigkeit der Armen.
„Die Pracht und der Aufwand der alten Bauten ist wirklich
beeindruckend und man weiß nicht, wie viele Leibeigene und
Zwangsarbeiter daran mitarbeiten mussten und dabei starben”,
sinnierte Dzeneta.
Ich denke, dass sich am nächsten Tag, an dem die Rückreise anstand, jeder nicht nur Wodka und Zigaretten aus Russland mitgenommen hat, sondern auch eine Ahnung des Traumes, den Peter der Große träumte, als er diese Stadt erbauen ließ: einen Traum von Vollkommenheit, Schönheit aber auch von einem Symbol der absoluten Macht.
P.S. Richards Koffer wurde drei Wochen später am Düsseldorfer Flughafen entdeckt.
* Schülerin der Jgst. 13
blista