Unglaublich bulgarisch
Demet Seven * » „Dobr den!” (guten Tag), „da” (ja) und „ne rasbiram” (ich verstehe nicht). Dies waren die einzigen Satzteile, die ich mir am Abend vor unserer Theaterfahrt nach Bulgarien noch reingepaukt habe (Randnotiz: letzteres wurde auch am meisten verwendet).
Das neue Projekt mit der bulgarischen Theatergruppe in Sofia brachte viel Organisation und Vorbereitung mit. Lange bevor der Schwerpunkt des Projektes feststand, liefen die Planungen über eine anstehende Reise, die dann Mitte der Herbstferien Wirklichkeit wurde!
Gemeinsam mit der Blindenschule in Sofia erarbeiteten wir in einer
Woche eine Performance,
die dann im dortigen Goethe-Institut präsentiert wurde. Klingt
eigentlich ganz professionell und engagiert, oder?
Die Proben fanden in der Schule selbst statt und dauerten ca. 2 bis 3
Stunden täglich, die Generalprobe natürlich länger. Die anfängliche
Sprachbarriere löste sich immer mehr und mehr in Luft auf. Dies lag
weniger an der Dolmetscherin als an der Tatsache, dass es unter den
bulgarischen Kids auch Leute mit Englischkenntnissen gab und daran,
dass viele Übungen nicht stundenlang erklärt, sondern einfach
praktiziert wurden.
Nach einigen Tagen der Gewöhnung kehrten die Selbstverständlichkeit
und der Alltag ein und es entstanden so etwas wie deutsch-bulgarische
Freundschaften. Leider blieb bei den ganzen offiziellen Proben und
Terminen wenig Zeit für weitere gemeinsame Aktivitäten. Aber die
Performance
stand auf jeden Fall. Diese kann man sich wie eine Art Stationslauf
vorstellen. Das Publikum wurde von einem melancholischen Chor im
Treppenhaus begrüßt und in einen dunklen Raum geleitet. Dort wurde es
nach einem Spiel von Licht und Schatten mit Tanz- und Gesangselementen
zur Tanz- und Rhythmusgruppe geführt. Schließlich fand ein Statuenspiel
auf der Bühne statt und die Akteure verließen in einer Kette den Raum.
Zwar bekamen wir nicht die gewünschte Anzahl an Publikum wie erwartet, dennoch
waren wir mit unserer Performance und Choreographie zufrieden.
Theater war jedoch nur eines der vielen Kapitel unserer Bulgarienreise.
Ich konnte mir zwar vorstellen, was mich dort für eine Schule erwartete,
insbesondere was den Lebensstandard betrifft, doch war die Wirklichkeit
noch viel schlimmer. Es stellte sich schnell ein Gefühl des Mitleids und
der Scham bei mir ein, als ich die Gitter vor den Fenstern, die Löcher
im Holzfußboden, den Schimmel an den Wänden, die heraushängenden
Stromkabel und den Zustand der Toiletten sah. Ja, sie taten mir dort
alle leid. Dieser Gedanke ist mir im Nachhinein peinlich, da es
unübersehbar ist, wie glücklich die Kinder dort mit ihrem Leben sind,
da sie es nicht anders kennen.
Trotzdem. Die Tatsache, dass es jeden von uns Sehbehinderten in
diesem industriellen Staat hätte treffen können, dass jeder von uns
hätte dort landen können, dass wir es allein dem Glück zu verdanken
haben, dass unsere Chancen auf eine zukünftige Berufslaufbahn genauso,
vielleicht sogar noch höher ist als bei Sehenden ... Ja, alles das
löste große Emotionen in uns allen aus und prägte uns und wird uns
sicher, ohne Übertreibung, ein Leben lang begleiten.
Und zum Schluss noch einige Worte zur Gruppe selbst: die
Gruppenatmosphäre war unglaublich. Als unsere Unterkunft galt
ein kleines so genanntes „Internet Hostel”, wobei das
„Internet” für einen alten Computer neben dem
Frühstückstischchen steht. Wir hatten eine Etage für uns alleine.
Durch das Leben auf engem Raum ergaben sich viele spontane Aktionen und
Freizeitaktivitäten. Dazu gehörten mehrere Besuche bei
McDonalds,
Shopping-Touren, Musikrunden oder Gammel-Phasen. Es war unglaublich,
wie sehr sich jeder auf den anderen einließ, wie schnell Betreuer zu
Freunden wurden und wie einfach es war, das zu sagen, was einem auf
dem Herzen lag.
Und ich muss sagen, dass diese gesamten Erfahrungen, die ich dort
gemacht habe, diese Fahrt mit Abstand zu der besten Theaterfahrt
überhaupt für mich gemacht hat. Vielen Dank, Karin!
* Schülerin Jgst. 13
blista