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Heute: Clash of cultures

Eingeholt von den Schatten der Vergangenheit

In dunkelgrauer Vorzeit hatte sich durch exzessive Fremdeinwirkung bei Herrn W. * in punkto Abwasch ein sehr beständiges, ihn quälendes Über-Ich herausgebildet. „Spare-in-der-Zeit-dann-hast-du-in-der-Not!” (Elternhaus). „Du Wasserverschwender! Geht die Welt unter, dann säuft sie deinetwegen ab!” (Greenpeace). Derart vorbelastet begann Herr W. seine blista-Karriere, Herr W. steht rechts und links neben ihm steht der „Abwaschriese” sprich: er wurde in einen Erziehungsalltag katapultiert, in dem er sich urplötzlich mit abwaschtechnischen Greenhörnern und Freestylern konfrontiert sah. Diese junge Früchtchenmischung aus Ignoranz und völliger Inkompetenz hatte absolut Nullcheckung von – und noch weniger Interesse an – der wahren Kunst des Ressourcen schonenden Abwaschens. Als Kettensklaven ihres Es waren sie darauf programmiert, dieser doch so verantwortungsvollen Tätigkeit völlig gewissenlos nachzugehen.

Hohe Berge

Herr W. betritt die Küche. Dort schon anwesend: der Küchendienst der Gruppe. Heute: weiblich, ledig, jung. Das Spülbecken gleicht einer Disco-Schaumparty. Wasser bis zum Rand, darüber erhebt sich erhaben ein wattig weißes Schaumgebirge. Herr W. sagt nichts – noch nicht! Die Ablage neben dem Spülbecken ist übervoll mit dreckigen Gläsern, verkrusteten Töpfen und Pfannen mit zähflüssigen Ölresten. Nun, einmal darf geraten werden, was zuerst in das Spülwasser fliegt. Die Gläser sind es jedenfalls nicht! Kurz darauf ist die Pfanne geschrubbt und der Schaum verschwunden. Die Teenagerin grummelt leise etwas vor sich hin, das in den Ohren von Herrn W. in etwa so klingt wie: Oh, mmh ... Wasser schon dreckig?! Das Wasser wird rausgelassen, das Spülbecken erneut gefüllt, der nötige Schaum nachgereicht. Herr W. beobachtet – noch. Sein Puls fliegt, er hofft stark auf learning by doing! Der Teenager – ein lernfähiges Wesen? Doch, nein! ... seine Augen weiten sich vor Entsetzen. Er will aufspringen, zur erzieherischen Blutgrätsche ansetzen, doch er kommt zu spät. Der dreckverschmierte Topf verschwindet gluckernd in den Fluten. Ebenso verschwindet bald darauf auch der Schaum. Herr W. beschließt, zunächst eine etwas größere Runde um den Block zu machen, bevor er das Gespräch suchen wird.

Niagara und andere Fälle

Der „Spülzwerg” vor der Spüle, Herr W. steht daneben und kratzt sich am Kopf Herr W. betritt die Küche. Dort befindet sich bereits ein junger Mann. Vor ihm ein Topf, ein Spülbecken mit ... nein, nein, in diesem Spülbecken befindet sich kein Spülwasser. Stattdessen rauschen Wassermassen aus der Leitung, die die Niagarafälle als kleine Rinnsale erscheinen lassen würden. Sekunden später hat sich die von oben kommende Flut unten auch schon wieder durch den Abguss verabschiedet, während der junge Mann fleißig Spülmittel nachschenkt (mittlerweile ja zu 98 % biologisch abbaubar).
Auf die mit zittriger Stimme vorgebrachte Frage von Herrn W., was er denn da gerade tue, bekommt Herr W. nur ein trockenes: „Ich wasche den Topf ab. Bist du oder ich sehbehindert?” Herr W. atmet tief durch, zählt langsam bis zehn, versucht an etwas Schönes, den Puls Senkendes zu denken, dann erst sucht er das belehrende Gespräch.

Die zeitlose Uhr

Herr W. betritt die Küche. Weit über das Spülbecken gebeugt, kauert dort einer seiner jüngsten Schützlinge in recht unbequemer Haltung, was ihm aber nichts auszumachen scheint. Wasser rauscht aus dem Hahn knapp an seinem linken Ohr vorbei. Der Kopf befindet sich nur wenige Zentimeter von der Wasseruhr an der Wand entfernt.

Der Schützling starrt mit minimalem Abstand auf die Wasseruhr

Dreckiges Geschirr? Weit und breit Fehlanzeige. Das Wasser läuft trotzdem – oben rein, unten raus. Sekunden vergehen, die Herrn W. wie eine Ewigkeit vorkommen. Er versucht zu verstehen. Als er schließlich den Wasserzufluss unterbricht, schnellt sofort eine kleine Hand zum Wasserhahn, will ihn wieder öffnen, wird aber von Herrn W. geschickt abgefangen. Was Herrn W. von dieser für ihn verwirrenden Situation noch lange in Erinnerung bleiben wird, ist dieser absolut unschuldige Ton in der Stimme des Jungen, als er ihn doch tatsächlich darum bittet, das Wasser noch so lange laufen lassen zu dürfen, bis die große, schwarze Zahl der Wasseruhr von zwei auf drei umgesprungen ist. Auf manche Fragen kann es nur eine (!) Antwort geben. Diesmal hatte er noch das Schlimmste verhindern können. Aber sein pädagogischer Instinkt sagt ihm, dass er es hier mit einem klassischen Wiederholungstäter zu tun haben könnte. Herr W. legt, so liebevoll wie es ihm möglich ist, seinen Arm auf die Schultern seines Zöglings und bespricht mit ihm sein Bauchgefühl.

Wie aus einem Maximum ein Minimum wird

Herr W. sitzt in der Küche. Ein hünenhafter Kerl betritt mit ausladenden Schritten den Raum. Herkules wird mit jedem Schritt Richtung Spüle langsamer, der Schwung verlässt seine Bewegung und je mehr er sich dem Becken nähert, umso kleiner scheint er zu werden. Seine Muskulatur verliert sichtlich an Spannung, bis sie ganz erschlafft. Herr W. ist jedes Mal von neuem fasziniert, obwohl er diesen Vorgang – als alter Hase – nur all zu gut kennt: Hier hat man es mit einem klassischen Spülzwerg zu tun. Als Spülzwerge entpuppen sich oft die kräftigsten und größten männlichen Teenager. Sobald sie auch nur in die Nähe eines Spülbeckens samt Abwasch geraten, verlieren sie – wie durch Zauberei – ihre ganze Kraft und Größe. Desorientiert und völlig unbeholfen wedeln sie mit dem Spültuch im Topf herum. Das Läppchen zärtlich zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, so als würden sie mit einem Taschentuch der in einem Zug davonfahrenden Freundin nachwinken. Abwaschtechnisch eine Katastrophe, aber putzig, diese Kerlchen. Herr W. mag sie gern, denn sie gehen nur verschwenderisch mit seiner Zeit um.

Hier soll diese Geschichte enden, doch zu Ende erzählen lässt sie sich nicht, denn sie setzt sich fort: Tag für Tag für Tag ... Und wenn Herr W. nicht gestorben ist, dann quält ihn sein Über-Ich … Halt, halt! Noch nie etwas von Habituation gehört? Na dann, hier der fabelhafte Erklärungsversuch:
„Ein Fuchs, der noch nie eine Schildkröte gesehen hatte, war, als er zum ersten Mal einem solchen Tier im Wald begegnete, so erschreckt, dass ihn fast der Schlag getroffen hätte. Als er der Schildkröte ein zweites Mal begegnete, war er noch immer höchst beunruhigt, aber nicht mehr ganz so wie beim ersten Male. Bei der dritten Begegnung war er so kühn, dass er zu ihr trat und ein unbefangenes Gespräch mit ihr begann.” **

* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
** Aus: Eric Kandel (Auf der Suche nach dem Gedächtnis)
Fotos: Daniela Jungee

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