Zu Hause ist es doch am schönsten…
Ein Gesprächskreis zum Thema Heimweh und Ablösung
Sabine Groth und Klaus Röder » Ein guter Schulabschluss, die bestmögliche soziale und rehabilitative Förderung – es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass ein sehbehindertes oder blindes Kind die Carl-Strehl-Schule besucht und im Internat der blista wohnt. Dann ist es jedoch nur noch an einigen Wochenenden und in den Ferien zu Hause. Nicht selten macht diese Veränderung auch den Eltern Probleme. Besonders dann, wenn ihr Kind noch jung und diese Situation neu für sie ist. Sie wollen weiter eine gute Mutter und ein guter Vater sein. Aber wie ist das möglich, wenn das Kind nur am Telefon zu hören ist, wenn es ihm vielleicht nicht gut geht, wenn es Heimweh hat und die Eltern sich Sorgen um ihr Kind machen? Wenn sie die Bezugspersonen im Internat noch nicht gut kennen und befürchten, dass ihr Kind den neuen Herausforderungen nicht gewachsen ist – wenn sie nicht loslassen können?
„Loslassen können” setzt Vertrauen voraus: in die neuen
Bezugspersonen, in die Stärke und Selbstständigkeit des Kindes, in
seine Fähigkeit zur Problemlösung unabhängig von der Unterstützung
durch die Eltern.
Mit diesen Themen setzt sich ein Gesprächskreis auseinander, der in
diesem Schuljahr schon zum dritten Mal von Sabine Groth aus der
Internatsleitung und Klaus Röder vom Psychologischen Dienst angeboten
wird. Er wendet sich speziell an Eltern, deren Kind erstmals die
Klassen 5, 6 oder 7 der Carl-Strehl-Schule besucht und im Internat
wohnt.
Es werden ganz konkrete Fragen besprochen:
- Wie geht es den Eltern damit, dass ihr Kind seit Schuljahrsbeginn in Marburg lebt?
- Wie stellt sich die Trennungssituation für die Eltern zu Hause und für das Kind in der Wohngruppe dar?
- Wie verlaufen die Kontakte mit dem Kind in der Woche?
- Wie gestalten die Familien die Wochenenden zu Hause?
Oft bedarf es im Gesprächskreis, den viele Eltern als bereichernd und
hilfreich empfinden, nur eines kleinen Anstoßes und schon sprudelt es
los: Eltern sprechen von ihrem Trennungsschmerz, der Leere zu Hause,
den Telefonaten, die am Anfang meist täglich stattfinden. Viele Eltern
befürchten, dass die Kontakte des Kindes im häuslichen Umfeld abnehmen,
dass sich ihr Kind entfremden könnte – auch von ihnen selber. Das Leben
des Kindes in Marburg, die neuen Freunde, die alltäglichen Nöte aber
auch Freuden, die neuen Bezugspersonen – vieles ist den Eltern unbekannt.
Sie haben das Gefühl, nicht mehr ständig für ihr Kind da sein, es nicht
mehr unterstützen zu können, wenn es Trost braucht oder Hilfe in der
Schule, bei Gesprächen mit Lehrern. Jetzt drängt sich alles am
Wochenende zusammen, die Stunden sollen möglichst schön und harmonisch
verlaufen. Manchmal sind Eltern der Meinung, dem Kind am Wochenende
etwas Besonderes bieten zu müssen, damit es sich wohl fühlt und spürt,
dass es den Eltern wichtig ist.
Besonders belastend sind Telefonate, in denen das Kind weint, weil es
gerne zu Hause wäre, wo es ja am Schönsten ist, oder weil es noch
keinen Kontakt gefunden hat und sich einsam fühlt, oder weil es eine
schlechte Arbeit geschrieben hat…
Das erste Elterntreffen des Gesprächskreises findet immer kurz vor den
Herbstferien statt, wenn die Trennungssituation noch ganz frisch ist.
Ein zweites und letztes Treffen folgt bei Bedarf nach den
Halbjahrszeugnissen, also nach der Probezeitentscheidung. Dann sind
schon sechs Monate dieses neuen Lebensabschnittes verstrichen und
nicht erst etwa 6 Wochen, wie beim ersten Treffen. Befürchtungen haben
Erfahrungen Platz gemacht, Eltern und Kind wissen besser Bescheid. Die
Eltern kennen inzwischen die pädagogischen Mitarbeiter im Internat,
haben einen großen Teil der Lehrer kennen gelernt. Aber die wichtigste
Erfahrung ist, dass ihr Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Kindes
gewachsen ist, Dinge selbst regeln, und in die der blista-Mitarbeiter,
bei Problemlösungen mitzuhelfen.
Es zeigen sich aber auch Unterschiede. Manchen Eltern fällt die
Trennung noch immer sehr schwer. Bei einigen rührt es daher, dass sie
in den Jahren vor der Aufnahme des Kindes in die blista sich in
besonderem Maße um ihr Kind kümmern mussten. Zum Beispiel, weil in der
Regelschule immer wieder etwas schief ging, weil es Anfeindungen
unter den Gleichaltrigen gab oder weil sich gesundheitliche Probleme
zeigten.
Andere Eltern beginnen, die neue Situation für sich selber zu nutzen
und das, was anfangs als Leere empfunden wurde, mit eigenen Interessen
zu füllen, die lange zurückgestellt worden waren. Leichte Schuldgefühle
inklusive, denn sie erlauben sich nun etwas Angenehmes, während
ihr Kind in der Fremde „schuften”
muss. Es kann sein, dass sich nach einem halben Jahr auch das
tägliche, unumgängliche Telefonat aus der Anfangszeit nicht mehr als
notwendig erweist und einer anderen Absprache gewichen ist.
Solche Fortschritte gelingen besser, wenn die Eltern bereit sind, ihre Verantwortung für ihr Kind mit den pädagogischen Mitarbeitern des Internats zu teilen. Wenn sie Kontakte pflegen, Rücksprache halten, sich einbringen und auch auf diese Weise an der neuen Lebenssituation ihres Kindes teilnehmen. Sie erleben, wie ihr Kind mit den neuen Herausforderungen wächst, wie es in Marburg, unterstützt durch die Rehabilitationsabteilung, neue Kompetenzen im Haushalt erwirbt und durch den Unterricht in Mobilität immer freier und selbstständiger wird.
Der nächste Gesprächskreis findet am 12.02.2010 von 11.00 – 13.00 statt. Der Ort wird noch bekannt gegeben.
blista