Mein zweiwöchiges BOSS-Praktikum bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt
Steffen Lind *, Fotos: Winfried Thiessen » BOSS steht für: Berufsorientierung für sehgeschädigte Schüler. Im ersten Halbjahr der Jahrgangsstufe 12 werden im Rahmen des Politik- und Wirtschaftsunterrichts diverse Veranstaltungen zur Berufsfindung bzw. Berufsorientierung durchgeführt. Am Ende des Halbjahres steht eine zweiwöchige Hochschulerkundungsphase oder ein ebenso langes Betriebspraktikum.
Auf der Suche
Da ich in der 11. Klasse bereits eine Betriebswirtschaftsvorlesung an
der Uni Marburg besucht hatte, stand für mich bereits fest, dass ich ein
Betriebspraktikum machen werde. Also begab ich mich auf die Suche.
Hilfreich waren dabei die von der Schule veranstalteten Projekttage zur
Berufsorientierung, die mir die Gelegenheit gaben, mich im Internet und
bei den eingeladenen Personen über Berufe und Studiengänge zu
informieren.
Aufmerksam auf die Beamtenlaufbahn bei der Deutschen Bundesbank wurde
ich durch die Homepage der Bundesagentur für Arbeit
(www.berufenet.arbeitsagentur.de).
Die Deutsche Bundesbank ist die Zentralbank der Bundesrepublik. Unter
anderem wirkt sie bei der Preisstabilität im Euroraum mit und sorgt für
eine reibungslose Abwicklung des unbaren Zahlungsverkehrs im Inland und
mit dem Ausland. Dieses Aufgabenfeld weckte bei mir großes Interesse und
ist auch Bestandteil des Wirtschaftslehreunterrichts am Beruflichen
Gymnasium der Carl-Strehl-Schule. Sehr gut gefiel mir die Homepage der
Bundesbank. Auf ihr gab es speziell für Schülerpraktika Informationen
zur Bewerbung, auch waren auf ihr Informationen zu den einzelnen
Geschäftsfeldern zu finden.
Ich nutzte die Zeit in den Herbstferien 2009 zur Formulierung verschiedener Bewerbungen. Höchste Priorität hatte für mich dabei die Bewerbung an die Bundesbank. Als ich mich dort telefonisch über freie Praktikumsplätze informierte, wurde mir gesagt, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Praktikanten gibt. Meine Enttäuschung war zunächst groß. Jedoch wollte ich trotzdem mein Glück versuchen und schickte meine Bewerbung los. Um im Falle einer Absage einen Plan B in der Tasche zu haben, bewarb ich mich außerdem in Marburg bei verschiedenen Privatbanken und einem Unternehmen. Schon bald kamen die ersten Absagen. Unter den Absagen war jedoch keine der Bundesbank, was mich weiter hoffen ließ. Nach zwei Wochen riefen mich meine Eltern an und teilten mir mit, dass bei ihnen ein Brief der Deutschen Bundesbank eingetroffen war. Es war die Zusage für ein Schülerpraktikum im Zentralbereich Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme der Deutschen Bundesbank!!!
Nachdem der erste Jubel vorbei war, schossen mir viele Fragen durch
den Kopf. Übernachte ich in Frankfurt oder versuche ich es mit täglichem
Pendeln? Über diese Fragen dachte ich nun das erste Mal konkret nach.
Die Zugfahrt nach Frankfurt beträgt zwar lediglich eine Stunde, aber man
muss den Weg zum Bahnhof und in Frankfurt zur Bundesbank mit
einrechnen. Eine Übernachtung in Frankfurt kam aus Kostengründen nicht
in Frage, also gab es im Grunde nur die Alternative Zug.
Je näher das Praktikum rückte, desto unruhiger wurde ich. Ich war erst
einige Male in der Großstadt Frankfurt und dann immer nur mit anderen
zusammen. Ich hatte ehrlich gesagt etwas Bedenken, mich in dem
U-Bahn-Gewirr zu verfahren.
An einem Sonntag im November fuhr ich deshalb zusammen mit meinem
Betreuer nach Frankfurt, um mir den Weg im Vorfeld zu erarbeiten. Wir
hatten sogar das Glück, dass an diesem Tag - für November eher
untypisch - die Sonne schien. Ein gutes Omen? Vom Frankfurter
Hauptbahnhof ging es zunächst acht Stationen mit der U-Bahnlinie 5
Richtung Preungesheim, anschließend musste ich in die Buslinie 34
umsteigen. Es dauerte ungefähr 30 Minuten, dann stand ich vor der
Hauptpforte der Bundesbank-Zentrale. Das über 200 Meter breite und
13 Stockwerke hohe Hauptgebäude war großzügig von Zäunen abgesperrt
und die Eingänge wurden von Sicherheitspersonal bewacht. Also blieb
uns für den Moment nur das Bestaunen von außen. Nach dieser
„Übungsfahrt” fühlte ich mich schon sehr viel entspannter,
da die Erreichbarkeit der Deutschen Bundesbank mit öffentlichen
Verkehrsmitteln wirklich sehr gut ist. Falls ich einmal eine U-Bahn
bzw. einen Bus verpassen sollte, beträgt die Wartezeit auf die nächste
selten mehr als 5 bis 8 Minuten.
Die Herausforderung beginnt
Schon Tage vor Beginn des Praktikums lag ich abends länger wach im Bett
und dachte über das Bevorstehende nach. Ich fragte mich, wie wohl die
Mitarbeiter bei der Bundesbank auf mich reagieren, welche Erwartungen
sie an mich haben und wie sie mit meiner Sehbehinderung umgehen werden?
Doch diese Fragen mussten zunächst unbeantwortet bleiben.
Am Montagmorgen, den 18. Januar, ging es mit dem Zug um 6:23 Uhr nach
Frankfurt. Mit jedem Kilometer, den ich mich der Bundesbank näherte,
wuchs die Anspannung, doch als ich bei meiner Ankunft außer mir noch
eine weitere Praktikantin an der Pforte sah, legte sich die Aufregung
gleich etwas. Zu zweit ist es nun mal doch besser als allein. Insgesamt
fingen an diesem Tag mit uns vier weitere Praktikanten in verschiedenen
Abteilungen an. Zu Beginn mussten wir einige Formalitäten klären und uns
einen befristeten Ausweis für die beiden Wochen abholen. Dann wurden
wir in die Unterabteilung des Zentralbereichs Z (Zahlungsverkehr)
gebracht, in der es unter anderem um die Weiterleitung von
elektronischen Nachrichten, so genannte SWIFT-Nachrichten, ging. In
den nachfolgenden neun Tagen lernte ich den Zentralbereich im
Schnelldurchlauf näher kennen. Die weiteren Abteilungen beschäftigten
sich u.a. mit elektronischen Zahlungsverkehrssystemen, Geldwäsche,
Kontoführung, Wertpapierabwicklung etc. Die zwei bis drei Tage in
den einzelnen Unterabteilungen waren sehr informativ, aber trotz
einiger wirtschaftlicher Vorkenntnisse aus dem Unterricht eher
Neuland für mich. Doch durch gute Anleitung durch die Mitarbeiter
der Bundesbank wurden mir die Zusammenhänge schon nach kurzer Zeit
immer klarer. Die Mitarbeiter standen meiner Sehbehinderung offen
gegenüber, informierten sich über meinen Sehrest und unterstützten
mich bei den zu bewältigenden Aufgaben. Meine anfänglichen Bedenken
in Bezug auf meine Sehbehinderung waren also völlig unbegründet.
So konnte ich mir beispielsweise die für mich zu weit weg stehenden Computerbildschirme näher heranziehen. Es wurde sich sehr viel Zeit genommen, um mir die einzelnen Tätigkeiten eingehend zu erläutern. Da die Einarbeitung in einige der Systeme und Anwendungen eine längere Anlaufzeit benötigt hätte, konnte ich in den zwei Wochen natürlich nicht überall tätig sein. Es gab aber genügend Gelegenheiten, praktische Arbeiten am Computer auszuführen.
Am Ende der ersten Woche besuchte ich die Schwerbehindertenbeauftragte der Bundesbank. Mir war ja bereits aufgefallen, dass die normalsichtigen Mitarbeiter besser mit der Schriftgröße auf ihren PCs zurechtkamen als ich und dadurch wesentlich schneller arbeiten konnten. Gerade beim Abgleich von Bankleitzahlen oder BIC-Codes muss ein sicheres und schnelles Arbeiten gewährleistet sein. Im Gespräch mit der Schwerbehindertenbeauftragten stellte sich heraus, dass die Bundesbank einige Mitarbeiter mit einer Sehbehinderung beschäftigt. Sie gab mir auch die Möglichkeit, mit einer sehbehinderten Mitarbeiterin zu sprechen und mir ihren Arbeitsplatz und die benötigten Hilfsmittel einmal genauer anzuschauen. Die ausgebildete Bürokauffrau arbeitete mit einer Vergrößerungssoftware am PC und einem Lesegerät für nichtelektronische Tätigkeiten. Zudem besaß sie im Gegensatz zu den anderen Kollegen größere Monitore, damit trotz Vergrößerung noch möglichst viele Informationen auf den Bildschirmen angezeigt werden können. Ich war begeistert. Eine berufliche Perspektive hatte sich damit für mich aufgetan. Mit diesen Hilfsmitteln könnte ich ohne Probleme selbstständig arbeiten.
Die Bundesbank als mein zukünftiger Arbeitgeber?
Nach dem zweiwöchigen Praktikum hatte ich mich in der Bundesbank so gut eingelebt, dass ich gerne noch eine weitere Woche drangehängt hätte. Jetzt heißt es aber erst einmal, das Abitur abzulegen. Besonders stark in Erinnerung geblieben sind mir die geduldigen Kollegen und der Besuch in der Frankfurter Börse, bei dem wir sogar das bekannte Parkett betreten durften. Mit dem Praktikum bei der Deutschen Bundesbank haben sich auch meine persönlichen Zukunftsvorstellungen konkretisiert. Als Ziel peile ich jetzt den dualen Studiengang an der Fachhochschule der Deutschen Bundesbank in Hachenburg an. Das Auswahlverfahren für einen der begehrten Studienplätze ist zwar sehr anspruchsvoll, müsste aber zu bewältigen sein. Ich bin dankbar, dass mir die Bundesbank die Möglichkeit gab, diese großartige Erfahrung machen zu dürfen, und mir damit einen zusätzlichen Ansporn für die schulische Zielgerade verschaffte. Insofern war BOSS ein voller Erfolg und meine Entscheidung, ein Praktikum zu absolvieren, musste ich keine Sekunde bereuen.
* Schüler Jgst. 12
blista