Buchtipp

Biografien

Winfried Thiessen * » Mein Ziel vor Augen ist eine Mischung aus Biografie und Abenteuerroman. Rachael Scdoris, ein hochgradig sehbehindertes Mädchen, entdeckt schon recht früh ihre Liebe zum Hundeschlittensport. Dies hört sich weniger exotisch an, wenn man weiß, dass auch ihr Vater Hundeschlittenrennen fährt und organisiert.
„Wir leben in der Hochwüste Zentral-Oregons. (…) Wir leben dort ziemlich abgelegen mit 100 Hunden, ohne Anschluss an das öffentliche Stromnetz; die nächsten Nachbarn sind meilenweit entfernt. Das Wasser kommt aus dem Tank, wir nutzen Solarenergie, betreiben Generatoren und halten Kontakt zur Außenwelt mit Handys, die nicht immer funktionieren. Durch eine gehörige Portion Einsamkeit bekommt man einen engen Draht zur Natur und weiß den kleinen Luxus des Alltags sehr zu schätzen.”

Rachael Scdoris hat einen Traum: sie will am Iditarod-Rennen in Alaska, dem härtesten Hundeschlittenrennen der Welt, teilnehmen. Doch bis sie an den Start gehen kann, heißt es für Rachael, diszipliniert zu trainieren und sich für das Rennen zu qualifizieren. Schließlich muss sie auch noch die Bedenken der Organisatoren des Iditarod-Rennens aus dem Weg räumen, die sich um den guten Ruf dieses Hundeschlittenrennens sorgen, da Rachael aufgrund ihrer Sehbehinderung einige Sonderkonditionen benötigt. Ihre Bemühungen sind letztlich vom Erfolg gekrönt und sie bekommt grünes Licht für die Teilnahme. Mit gerade einmal 20 Jahren geht sie 2005 das erste Mal als Gespannführerin an den Start.

Mein Ziel vor Augen ist eine durch und durch amerikanische Geschichte. Das Erreichen eines selbst gesetzten Ziels durch harte Arbeit, Unternehmungsgeist, den Glauben an sich und Gott. Und selbstredend ist diese abenteuerliche Geschichte flott und unterhaltsam geschrieben. Der Leser bangt, hofft und leidet mit Rachael, die am Ende ihr Ziel erreicht, zum Medienstar wird und der Öffentlichkeit zeigen kann, zu was ein Mensch trotz Behinderung fähig ist. Rachael wächst an ihren Aufgaben, überschreitet Grenzen und riskiert dafür schon einmal die eine oder andere Erfrierung - alles von ihrem Biografen Rick Streber professionell in Szene gesetzt und in feinster amerikanischer Feelgood-Manier geschrieben. Der Kampf Mann – hier junge Frau – gegen Naturgewalten und Bürokratie, ein klassisches amerikanisches Thema eben. Da darf natürlich auch gegen Ende des Buches ein wenig Pathos nicht fehlen:
„Das Ausscheiden beim Iditarod war ein herber Rückschlag, aber ich musste mein ganzes Leben mit Widrigkeiten zurechtkommen. Ich werde wiederkommen. So habe ich es immer gehalten. Ich werde das Iditarod zu Ende bringen. Nächstes Jahr, übernächstes oder später. Mir geht es dabei vor allem um eines: das zu Ende zu bringen, was ich begonnen habe. Ich werde dies selbst gesetzte Ziel eines Tages erreichen.”
Alles in allem wird hier eine spannende und interessante Geschichte erzählt, die auch jüngere Leser fesseln könnte, sofern es unter ihnen noch „Ganzebücherleser” gibt. Aber Vorsicht! Nicht zu nahe mit der Nase ans Buch kommen. Sie könnte festfrieren!

Weniger abenteuerlich, aber nicht minder aufregend, verläuft das Leben von Helen Satorius (Pseudonym). In ihrer Autobiografie Auch wenn ich die Sonne nur noch spüre beschreibt sie die Auswirkungen einer langsamen Sehrestverschlechterung auf ihre Persönlichkeit und Lebensplanung. Helen Satorius hat ein Glaukom, auch Grüner Star genannt, der unbehandelt schnell zur völligen Erblindung führt. Durch zahllose operative Eingriffe versuchen die Ärzte, diesen Prozess zu verlangsamen und sie vor dem totalen Verlust ihrer Sehfähigkeit zu bewahren. Mit 42 Jahren verliert sie den fast 20 Jahre währenden Kampf. Eindringlich erzählt sie, wie das Nachlassen ihrer Sehkraft ihr Leben durcheinander wirbelt, wie aus einer dynamischen jungen Frau ein Nervenbündel mit Panikattacken wird, wie sie bis zum Zusammenbruch um ihre bedrohte Identität und um „Normalität” kämpft. Ihre vollständige Erblindung wird zum ersehnten Wendepunkt in ihrem Leben.
„Lieber Gott, wenn es dich gibt, bitte lass mich erblinden, damit ich wieder leben kann. Ohne Medikamente und deren Nebenwirkungen, ohne ständige Arztbesuche, ohne die Angst vor den nächsten Sehstörungen und Schmerzen. Ich möchte mich wieder mit Freunden treffen, langfristig planen können, ohne das Risiko, kurzfristig absagen zu müssen. Geburtstage mitfeiern, statt nur telefonisch aus der Klinik zu gratulieren. Die Tage wieder sinnvoll gestalten und nachts sorgenfrei schlafen. Ein kindlicher Wunsch in einer schwachen Stunde.”

Durch intensives Lauftraining, die Konzentration auf ein erreichbares Ziel, versucht sie, psychisch wieder auf die Beine zu kommen. Und nicht nur Helen muss lernen, mit ihrer Blindheit umzugehen, auch für ihre Bekannten und Freunde ist der neue Zustand erst einmal gewöhnungsbedürftig.
„So will mich eine gute Bekannte zu ihrer heutigen Geburtstagsfeier nicht einladen, weil in ihrer Wohnung auf drei Ebenen gefeiert werde und die Treppen und zusätzlich aufgestellten Tische und Stühle gefährliche Hindernisse seien. ›Lass uns lieber meinen Geburtstag zu zweit nachfeiern‹, schlägt sie vor. Ein anderes Mal, während eines abendlichen Frauentreffens, kontrolliert die Gastgeberin nach mir die Toilette, bevor sie mich wieder an den Tisch zurückbringt. Langsam verstehe ich, warum viele Blinde auf ihre Umwelt manchmal biestig reagieren.”

Helen Satorius schreibt sehr emotional. Der Leser ist nah an der Person, leidet mit, nimmt Teil an der Zerstörung einer Sehendenidentität und erlebt die ersten Schritte der Identitätsneuausrichtung. Das Buch hat starke Momente, ist flott zu lesen, konzentriert sich auf das Wesentliche. 150 Seiten lassen wenig Platz für Schnörkel.

Buchnotiz am Rande

Die Welt in meinen Händen von Peter Hepp

Eine Autobiografie eines Gehörlosen mit Usher 3-Syndrom, das heißt, der Betroffene wird im Erwachsenenalter langsam erblinden, doch davon ahnt Peter Hepp anfangs noch nichts. Peter Hepp beschreibt seinen Kampf um Anerkennung und Bildung, seine Suche nach Orientierung und Trost. Beides wird er schließlich im Glauben finden. Durch seine Erblindung gerät er in eine schwere Lebens- und Glaubenskrise, aus der er gestärkt hervorgehen soll. Peter Hepp wird schließlich der erste taubblinde Diakon. In Die Welt in meinen Händen beschreibt er seinen Weg dorthin. Für gläubige Leser ein sehr zu empfehlendes, erbauliches Buch.

„Auch wenn ich die Sonne nur noch spüre” und „Die Welt in meinen Händen” erhalten Sie im DAISY-Format in unserer Hörbücherei.
Interessenten wenden sich bitte an info@blista.de oder telefonisch unter 06421-6060.

* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat

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