Der pädagogische Tag 2010 oder Quo Vadis blista

Gedanken über Integration und Förderschulen

Der Traum von einer „Schule für alle”

Winfried Thiessen*, Fotos: C.Peil, R. Wohlfahrt » Folgendes ging mir am pädagogischen Tag der blista im Januar 2010 durch den Kopf: Guter Wurf, aber die UN-Behindertenrechtskonvention schrammt mit ihrer Forderung nach inklusiver Beschulung aller Kinder – bei gleichzeitiger Abschaffung aller Sonderschulen – haarscharf an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Eine gute Idee ist es ja, alle behinderten Kinder fortan gemeinsam mit nicht behinderten Kindern wohnortnah zu unterrichten. Und so in etwa soll sie aussehen, die „Schule für alle”: Gemeinsames Leben und Lernen aller Kinder, kindgerechte Ausstattung und individuelle Förderung eines jeden Kindes, ganzheitliche Entwicklung durch das Anstoßen sozialer, emotionaler und solidarischer Lernprozesse. Werte wie Konkurrenz, Leistung und Wettbewerb würden fast gänzlich in den Hintergrund treten. Die räumliche, materielle und personelle Ausstattung dieses Ortes wäre selbstredend mit der heutigen Regelschule nicht mehr zu vergleichen und das gemeinsame Leben und Lernen würde selbstverständlich über die kurze Grundschulzeit hinausgehen.
Mit der Umsetzung dieser Konvention würden die Behinderten zu Trägern und zur Speerspitze schulischer Veränderungen werden. Veränderungen, die die Werte und Ziele unserer Gesellschaft von unten nach oben kehren würden.

Nur gut, dass ich nicht selbst behindert bin, dachte ich, die Spitze eines Wurfgeschosses würde ich ungern bilden. Vor allem dann, wenn der Speer sein Ziel verfehlt. Wir befinden uns im Augenblick in einer tief greifenden Finanz- und Wirtschaftskrise, die staatlichen Einnahmen brechen weg, Schuldenberge häufen sich an und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Aus welchem Quell speist sich also der Glaube, dass für die räumliche, materielle und personelle Umrüstung und vor allem für die langfristige Ausstattung ausreichend Mittel bereitgestellt werden? Die derzeitige desolate finanzielle Lage von Bund, Ländern und Kommunen birgt meiner Meinung nach das Risiko, dass die Politik versucht sein könnte, einen Teil der teuren Sonderschulen – unter dem Deckmäntelchen der Inklusion – zu schließen, ohne die Regelschulen dementsprechend inhaltlich und personell umzurüsten und auszustatten. Warum so pessimistisch?

Nehmen wir zum Beispiel die Hartz IV-Sätze für Kinder, hier wird um jeden Cent gefeilscht. Das Wohl des Kindes ist für die gesellschaftlichen Funktionsträger meist nur ein Lippenbekenntnis. (Behinderte) Kinder sind Kostenfaktoren mit großem Einsparungspotential.
Die Schule hat den Auftrag, durch einen geeigneten Qualifikationsprozess dem Individuum die Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft zu ermöglichen. Gleichzeitig muss sie dafür Sorge tragen, dass sie ihm die Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt, die für den Bestand, die Weiterentwicklung und die Wettbewerbsfähigkeit einer Gesellschaft notwendig sind. Immer öfter kommen sich dabei die Bedürfnisse des Individuums und das gesellschaftliche Reproduktionsbedürfnis im Schulalltag ins Gehege. Letzteres bestimmt in immer stärker werdendem Maße die Organisation des Unterrichts, die Lehrinhalte und das Lerntempo. Schule produziert Gewinner und Verlierer, da die in der Schule erzielten Leistungen dem Individuum die Berechtigung geben, bestimmte Positionen in der Berufs- bzw. Gesellschaftshierarchie zu besetzen. Schule regelt die Auswahl der „geeigneten” Personen aus der Menge der konkurrierenden Bewerber mittels Zensuren, Prüfungen und mit Hilfe von hierarchisch gestuften Bildungsgängen. Schule ist eine Verteilungsinstanz von Lebenschancen durch individuelle Leistungen, diese sind in einer Konkurrenz- und Wettbewerbssituation zu erbringen. Der Schulerfolg entscheidet über den späteren sozialen Status eines Kindes. Das wissen auch die meisten Eltern, deshalb ist Schule auch ein so umkämpftes Terrain. In den letzten Jahren haben sich Tempo und Selektion weiter verschärft (Pisa-Leistungsstandvergleiche, Verkürzung der Schulzeit G8 und Einführung des Zentralabiturs). Dies ist kein Zufall, sondern gewollt. Damit stehen meiner Meinung nach einige zentrale Funktionen von Schule den Intentionen einer inklusiven Schule, einer „Schule für alle”, unvereinbar gegenüber.
In diesem Zusammenhang möchte ich an den gesellschaftlichen Widerstand gegen eine gemeinsame Beschulung (Zusammenlegung von Haupt-, Realschulen und Gymnasien) aller nicht behinderten Kinder erinnern. Träger dieses Widerstandes sind, neben den Funktionseliten, große Teile der Eltern aus der Mittelschicht, die Angst vor Absenkung von Leistungsstandards und Lerntempoverschleppung haben und deshalb um die Zukunft ihres Kindes fürchten.

Drei Mädels und ein Junge gehen auf dem Mittelweg des blista-Geländes

Schule und ihre zentrale Bedeutung für sehbehinderte Kinder

Schulerfolg ist eine Grundvoraussetzung für die Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft. Integration setzt deshalb das Erreichen eines qualifizierten Schulabschlusses als Schlüssel für den Zugang zum Arbeitsmarkt voraus. Ansonsten drohen Arbeitslosigkeit und die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen (Hartz IV etc.) mit allen dadurch bedingten psychosozialen Belastungen für das Individuum.
Um ihr intellektuelles Potential ausschöpfen zu können, brauchen sehbehinderte Kinder besondere Rahmenbedingungen, abhängig vom Grad der Sehschädigung. Andernfalls ist das sehbehinderte Kind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, schulisch zu versagen oder nur Teile seines intellektuellen Potentials ausschöpfen zu können. Oder es sieht sich dazu gezwungen, durch Mehrarbeit, auf Kosten anderer Interessen und Pflichten, den durch schlechte Unterrichtsbedingungen entstandenen Nachteil zu kompensieren.
Schule muss die allgemeine kindliche Entwicklung fördern. Dazu darf ein sehbehindertes Kind weder überbehütet, noch „fehlbehütet” oder gar wegen seiner Sehbehinderung ausgegrenzt werden. Dazu ist u. a. ein achtsames Klassen- und Schulklima erforderlich. Allerdings sollte das sehbehinderte Kind nicht die Funktion eines sozialen Lehrmittels einnehmen. Es muss sich hart aber fair an seinen Mitschülern abarbeiten können und darf sich nicht aufgrund der Sehbehinderung als minderwertig erleben. Keinesfalls darf es aus Überforderung oder gar Mitleid einfach mit durchgezogen werden, Gefälligkeitsbenotung inklusive. Seine (Seh)behinderung muss im Schulalltag stets eine untergeordnete Rolle spielen.
Eine gelungene Schullaufbahn darf also kein Produkt von Zufällen und glücklichen Umständen bei erhöhtem Einsatz aller daran Beteiligten sein. Denn letztlich würde als Ursache für den mangelnden Schulerfolg nicht die fehlende professionelle Unterstützung ausgemacht, sondern dem sehbehinderten Schüler mangelnde Intelligenz unterstellt. Sieht sich die Regelschule nicht in der Lage, für Chancengleichheit durch geeignete Rahmenbedingungen zu sorgen oder fehlt ein förderliches Schulklima, das dem sehbehinderten Kind eine optimale Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht, dann hat es heutzutage noch die Wahl, auf eine Sonderschule auszuweichen.

Die blista – Eine Besondereschule

Die blista ist ein Kompetenzzentrum. Sämtliche relevanten Informationen und Erkenntnisse im Zusammenhang mit Sehbehinderung laufen hier zusammen, werden gesammelt, ausgewertet und weiterentwickelt. Die blista ist wie ein Gewebe und ihre Summe ist mehr als ihre Einzelteile. Das Ineinandergreifen von Strukturen und Personen sichert Qualität und Wissen auf Dauer und auf gleichbleibend hohem Niveau. Was in der Regelschule von vielen Zufällen abhängt, hat hier System. Wird so ein Zentrum zerstört, gehen Know-how, Einfluss und Ausstrahlung auf und in die Gesellschaft unwiederbringlich verloren.
An der blista sind die geeigneten Rahmenbedingungen vom ersten Schultag an vorhanden und müssen nicht immer neu eingefordert, geschaffen und erkämpft werden. Alles ist auf die besonderen individuellen Lernbedürfnisse des sehbehinderten Kindes abgestimmt.

Ganzheitliche Entwicklung

Der Umgang mit der eigenen Sehbehinderung ist für junge Menschen manchmal äußerst problematisch. Die Sehbehinderung ist ihnen oft so peinlich wie ein Pickel auf der Nase. Die Schulzeit fällt in eine hochsensible Phase der Identitätsentwicklung, deshalb ist eine Förderschule für viele Schüler der Schonraum, den sie für ihre Entwicklung brauchen. Hier hat das sehbehinderte Kind keine (be)Sonder(e)rolle, wie es in einem Klassenverband einer Regelschule der Fall ist. Die blista als (Be)Sonder(e)schule bietet Normalität. In einer Sonderschule tritt die Sehbehinderung im alltäglichen Umgang miteinander in den Hintergrund und der Schüler kann sich in seiner ganzen Vielfalt erleben. Er muss sich nicht aufgrund seines Handicaps als dümmer, langsamer, hilfsloser oder schwächer als seine Mitschüler erleben. Auch erschöpft sich sein Daseinszweck in der Sonderschule nicht darin, als Übungsobjekt für die zu erlernende Solidarität und Mitmenschlichkeit der anderen Kinder zu dienen.

Fingerspitzen lesen Punktschrift

Sonderschulen wie die blista sind große soziale Lebens- und Lernräume, die sich auch viele Eltern nicht behinderter Kinder wünschen würden. Kinder und Jugendliche haben hier die Zeit und Möglichkeit, sich auszuprobieren, ihre Schwächen kennen zu lernen, abzubauen oder zu akzeptieren und an ihren Stärken zu feilen. Genauso wie an Regelschulen herrschen hier Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und Wettbewerb, allerdings unter gleichen Bedingungen für alle und mit viel individueller Förderung. Dazu gibt es für die Schüler noch viele Extras auf hohem Niveau: Mobilitätstraining, Angebote in lebenspraktischen Fähigkeiten, Sehrestberatung und und und… ein ganzes Paket von Maßnahmen und Beratung, die notwendig sind, um ein hohes Maß an Selbstständigkeit zu erlangen.

Die blista – Willkommen im Ghetto?

Sonderschulen werden häufig mit dem Vorwurf der Ghettoisierung ihrer Bewohner konfrontiert. Werfen wir einmal einen Blick auf die Lebensrealität an der blista. Hier gibt es zahllose Klassenfahrten, Betriebsbesichtigungen und Schulpraktika etc. Die Schüler gehen ins Theater, ins Kino, in Kneipen, in Fitnessclubs. Sie gehen zum Arzt, müssen zu Behörden und Banken, zum Einkaufen in die Supermärkte.

Sie leben in Wohngruppen mitten in der Stadt und nerven mit ihrer Musik oft andere Mieter. Viele von ihnen fahren schon mit 12 oder 13 allein mit dem Zug nach Hause, und damit ist nicht ein Nachbarort von Marburg gemeint. Gut, blistaner gehen mit anderen blistanern ins Theater oder ins Kino, mit ihren Klassenkameraden eben, wie es alle anderen Schüler auch machen. Und wie steht es um die so oft besungene Integration in die örtlichen Vereinsstrukturen?
So etwas gibt es zwar, bleibt aber meist die Ausnahme. Dafür gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe. Nur wenige Sehbehinderte taugen im örtlichen Fußballverein als Flankengott und werden deshalb einfach nicht nachgefragt. Oft sprechen auch gesundheitliche Gründe gegen viele Sportarten (Netzhautablösungsrisiko). Eine Sehbehinderung zeigt eben auch Grenzen auf, man kann mit ihr eben nicht alles (mit)machen.

Gerade deshalb gibt es den Sehbehindertensport. Hier können die Kids nach Bedarf so richtig loslegen, verlieren und gewinnen oder auch „nur” ein Körpergefühl entwickeln. Für letzteres braucht es manchmal einen Ort, an dem man sich trauen darf, aus sich herauszugehen, ohne dem Risiko verletzender Kommentare sehender Gleichaltriger ausgesetzt zu sein. Es gibt sicher wenige Blinde, die den Mut haben, ihre ersten Tanzschritte in einer öffentlichen Tanzschule zu machen. Die Alternative wäre, mit dem Tanzen erst gar nicht anzufangen.

Netzwerke

In einer Sonderschule lernen und leben sehbehinderte Schüler gemeinsam über einen längeren Zeitraum. Sie verfolgen gemeinsame Ziele und haben oft ähnliche Probleme. Hier findet sich der Nährboden für tragfähige und langjährige Freundschaften und Beziehungen. Über die gemeinsamen Erfahrungen wachsen formelle und informelle Netzwerke, die nicht selten von Dauer sind.

Integratives Wirken

Von der blista profitieren im hohen Maße Schüler mit Migrationshintergrund. Der Mittelschichtskulturraum blista fördert bei ihnen die Sprachentwicklung ganz besonders. Gleichzeitig eignen sie sich en passant den für ihr weiteres Fortkommen so wichtigen Mittelschichtshabitus an.

Vom hohen Ross

Das ist also das hohe Ross, von dem die blista – meiner Meinung nach – auf die Schullandschaft hinabschauen kann. Mit ihrem dezentralen Konzept gehört sie zum Fortschrittlichsten was Behindertenpädagogik und Pädagogik überhaupt zu bieten haben. Und solange sich an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen nichts Grundlegendes ändert, muss der Ausbau und die Weiterentwicklung von Einrichtungen wie die blista auf der Tagesordnung stehen und keinesfalls deren Abschaffung.

Schlusswort

Ich bin der Meinung, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir bei der Inklusionsdiskussion alle Behinderungsarten in einen Topf werfen, wenn unsere Inklusionsphantasien nur bis zum Ende der Schulzeit reichen oder wenn wir Inklusion losgelöst von den gesellschaftlichen (Rahmen)Bedingungen diskutieren. Die positive Besetzung des Inklusionsbegriffes macht ihn anfällig für Missbrauch und Instrumentalisierung. Die Verfechter der inklusiven Schulidee sollten genau beobachten, mit wem sie Allianzen eingehen.
Wie auch immer sie dieses Ziel erreichen wollen, erst muss sich erweisen, dass sich eine flächendeckende, hochwertige inklusive Beschulung durchsetzen lässt. Erst dann gehören die Sonderschulen auf die Tagesordnung. Es wäre mehr als grob fahrlässig, etwas Gutes aufzugeben, bevor man etwas Besseres durchgesetzt hat.

* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat

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