Mein Praktikum am Bosporus

Ali Savas steht in einem Büro vor dem Plakat der Firma „Braille teknik”

Ali Savas *, Fotos: Rainer Datzer » Ich absolviere zurzeit eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung in der IT-Ausbildung der blista. Am Anfang des dritten Ausbildungsjahres steht ein 16-wöchiges Praktikum auf dem Ausbildungsrahmenplan.
Weil ich mich stark für den Bereich Blindenhilfsmittel, Beratung, Verkauf, Anpassung etc. interessiere und hierin meine berufliche Zukunft sehe, wollte ich unbedingt ein Praktikum in diesem Bereich durchführen.
Aufgrund meiner Herkunft spreche ich fließend Türkisch und fand darum die Idee, mir einen Praktikumsplatz in der Türkei zu suchen, sehr reizvoll.
So nahm ich Kontakt mit der Firma „Braille Teknik” in Istanbul auf und erhielt nach kurzer Zeit eine Zusage. Nachdem ich die Ausbildungsleitung und den Kostenträger für mein Vorhaben gewinnen konnte, wurde ein Praktikumsvertrag vereinbart.

Bevor es in der Türkei eine Blindenhilfsmittelfirma gab, kannte kaum ein blinder oder sehbehinderter Mensch einen Computer. Dies lag unter anderem daran, dass die Software oder auch Hardware gar nicht in der türkischen Sprache zur Verfügung stand. Blinde Menschen, die sich das Computerwissen selbst angeeignet hatten und auch gute Englischkenntnisse besaßen, hatten sich die Hilfsmittel mit Mühe aus dem Ausland beschafft. Es bildeten sich kleine Gemeinschaften, die Hilfsmittel für die blinden und sehbehinderten Menschen beschafften und eine Art Support für die Anwender anboten.
Dies führte vermehrt dazu, dass auch für einfache Anwenderfragen Geld verlangt wurde. Um diese Entwicklung zu stoppen, hat der Verein „Alti nokta” sich Gedanken darüber gemacht, wie man die Situation auf dem Markt neu ordnen könnte. Schließlich wurde ein kleiner Verein namens „Braille Teknik” gegründet, welcher ein Unterverein von „Alti Nokta” war.
Da jedoch die Nachfrage nach Hilfsmitteln wuchs und es immer mehr Probleme bei der Einfuhr der Geräte gab, musste aus dem Verein eine Firma gegründet werden. Hinzu kam, dass die Räumlichkeiten den Anforderungen nicht mehr gewachsen waren.
So entstand 1996 die Firma „Braille Teknik”. Sie war damit die erste Hilfsmittelfirma der Türkei. Inhaber sind die zwei Brüder Mustafa und Ugur Demirci. Das Unternehmen importiert verschiedene Hilfsmittel und passt diese für die türkischen Anwender an.
„Braille Teknik” arbeitet mit namhaften internationalen Herstellern wie z. B. Freedom Scientific, Index Braille, Bones, Care Tec, RNIB, Maxi Aids, Parrot und Nuance zusammen und ist auch Master Distributor der Türkei für die o. g. Firmen.
Außerdem bietet „Braille Teknik” umfangreiche Dienstleistungen wie Beratungen, Fort- und Weiterbildungen, Punktschriftdruck, Einrichten von Arbeitsplätzen und technischen Support an. Auch in schulischen Einrichtungen, Rehabilitationseinrichtungen, Bibliotheken oder in einigen Internetcafes sind die Produkte von „Braille Teknik” anzutreffen.
Die Firma hat es sich zur Aufgabe gemacht, blinde und sehbehinderte Menschen in der Türkei so in das soziale Leben zu integrieren, dass sie mit den Sehenden gleichgestellt sind.
„Braille Teknik” ist von der Rechtsform her eine Ltd., somit eine Firma mit beschränkter Haftung.
Aktuell sind 15 Mitarbeiter im Innen- und Außendienst beschäftigt. Man kann die Firma grob in zwei Abteilungen unterteilen. Den Verkauf und den technischen Support.

Ali Savas sitzt mit Kopfhörern vor dem Computer

Als ich im Sommer 2009 in Istanbul ankam, empfing mich herrlicher Sonnenschein. Um eine Unterkunft brauchte ich mich nicht zu kümmern, da ich bei meinem Onkel wohnen konnte. Bevor es mit dem Praktikum losging, genoss ich erst mal drei Wochen Urlaub. Ich hatte also viel Zeit, über das Praktikum nachzudenken. Dabei kamen mir auch ein paar Bedenken. Ich war zwar in meiner Heimat, jedoch war ich nie länger als 6 Wochen hier gewesen. Würde ich mich zurechtfinden? Würde ich mich mit den Kolleginnen und Kollegen gut verstehen? Könnte ich mich gut integrieren? Vor allem, wie komme ich mit der fremden Umgebung und vor allem dem Verkehr in Istanbul klar? Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, vieles war für mich fremd. Ich dachte mir „Du bist in deiner Heimat, aber doch im Ausland.” Dies alles beschäftigte mich sehr, bevor es endlich losging.

Während des Urlaubs nutzte ich daher schon mal die Gelegenheit, mir die Firma anzuschauen und die Mitarbeiter kennen zu lernen. Dabei fand ein ausführliches Gespräch mit der Geschäftsleitung statt. Mein erster Eindruck war sehr positiv. Meine Bedenken vor der neuen Herauforderung wurden etwas weniger und ich war froh, als es endlich losging.
Während des Praktikums gehörten unter anderem der Telefonsupport und die Übersetzung von verschiedener Software zu meinen Tätigkeiten. So habe ich zum Beispiel „TALKS”, den bekannten Screenreader für Mobiltelefone, übersetzt.

Durch meine intensiven Kontakte zu blinden Menschen konnte ich miterleben, wie schwer es in der Türkei ist, an Hilfsmittel zu gelangen. Besonders die Anschaffung von Braillezeilen oder Screen-Readern ist schwierig, da die blinden und sehbehinderten Menschen ihre Hilfsmittel selbst finanzieren müssen. Um die Anschaffung legaler Software zu erleichtern, bietet die Firma „Braille Teknik” die dafür ansonsten unübliche Ratenzahlung an.
Unterrichtseinheiten wie „Orientierung und Mobilität” gibt es zwar, jedoch nicht so ausführlich wie in Deutschland. Die meisten blinden Menschen müssen sich vieles selbst beibringen.

Die Haghia Sophia in Istanbul

Ich persönlich konnte feststellen, dass Istanbul ziemlich unübersichtlich für einen Blinden ist, da die Stadt sehr groß ist und vor allem viel Verkehr herrscht. Aufgefallen ist mir auch, dass in Bussen die Haltestellen nicht angesagt werden.

Zusammenfassend kann ich sagen, es war ein gelungenes Praktikum. Die Mitarbeiter dort haben mich nicht wie einen Praktikanten, sondern eher wie einen Mitarbeiter gesehen. Ich wurde sogar in Betriebsbesprechungen einbezogen und nach meiner Meinung gefragt, wie bestimmte Dinge geplant werden könnten.
„Braille Teknik” hat mir nahe gelegt, mich nach meiner Ausbildung bei ihnen zu bewerben. Ich bin einfach mal gespannt, was die Zukunft so bringt.

* Auszubildender zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung

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