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Heute: Herr W. von und zu Gulliver im Lande Liliput
Eine Entdeckungsreise ins Land der Unter-15-Jährigen/Tagesbericht
Morning has broken
Herr W. schaut noch leicht verschlafen aus dem Küchenfenster. Über dem
Marburger Schloss hängen regenschwangere Wolken. Unten im Garten macht
der Hund des Nachbarn gerade sein Häufchen. Herr W. nippt an seinem
heißen Kaffee, während auf der anderen Seite des Frühstücktisches gerade
eine Brötchenhälfte hast-du-nicht-gesehen in einem Mund verschwindet.
Nur noch ein dicker, brauner Rand aus Schokocreme zeugt noch vom
fast food. Viel
Nutella hatte auf wenig Fläche Platz finden müssen. Herr. W. predigt
kurz und leidenschaftslos über Kalorien und schlechte
Ernährungsgewohnheiten; dass manchmal weniger auch mehr sein könne; dass
die Produktion von Nutella in nächster Zeit bestimmt nicht eingestellt
werde, also sobald keine Knappheit an Schokocreme herrschen würde und
und und…
Dinge, von denen sein junges Gegenüber gar nichts wissen will und die
ihm völlig egal sind, jetzt, da der Verdauungsprozess bereits einsetzt.
Allein, es ist nicht nur der Mund, der von der Mahlzeit in
Mitleidenschaft gezogen worden ist. Zu seinem Entsetzen beobachtet
Herr W., wie sich zwei schmierige Hände ganz langsam Richtung Hose
bewegen.
„Wag es nur nicht!”
hört sich Herr W. empört schimpfen.
„Geh-dir-die-Hände-waschen!” Die Worte kommen mit
Nachdruck aus seinem Mund. Der junge Bursche schaut ihn arglos, ohne
Schuldbewusstsein an. „Los, Hände hoch und zum Waschbecken!”
legt Herr W. nach. Er ist jetzt hellwach. Etwas widerwillig schlurft
der Knabe schließlich Richtung Spüle. Das Donnerwetter hat also Wirkung
gezeigt. Doch das Kerlchen marschiert, wie ein ferngesteuerter Roboter,
am Waschbecken vorbei. Bei Herrn W. schrillen die Alarmglocken. Gerade
will Junior nach dem Küchenhandtuch greifen, als ein schockgefrostetes,
markerschütterndes: „Nein, tu es bloß nicht!” die Gläser in
den Hängeschränken zum Klirren bringt. Das Kerlchen dreht sich zu Herrn
W. um, grinst und sagt trocken: „Wollte doch nur testen, ob du es
merkst!”, macht kehrt, geht zur Spüle, lässt etwas kaltes Wasser
über seine Hände laufen, benetzt seine Lippen kurz mit Wasser und
schmiert den klebrigbraunen Brei in das Küchenhandtuch. Dann schlurft
er zurück zu Herrn W. und streckt ihm mit einem erwartungsfrohen
Gesichtsausdruck die sauberen Hände entgegen und flötet: „Und,
biste jetzt zufrieden?!” Herr W. nippt an seinem Kaffee, holt
lange und tief Luft und atmet aus und holt tief Luft und atmet wieder
aus
…„Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt der Welt. Gott
muss viel verzweifelter sein.” (Paul Verlaine) Sonntag 11.30 Uhr
Lazy Sunday afternoon – Die Erschöpfungsgeschichte
„…und ruhte am siebenten Tage – vor dem Fernseher – von
allen seinen Werken, die er gemacht hatte.” Erstes Buch Moses
( Einschiebung von Herrn W.) „Gott schuf zwar die Zeit. Aber von
Eile hat er nichts gesagt.” (Finnisches Sprichwort).
12.14 – A und B wandeln durch den langgezogenen Flur Richtung
Fernsehgerät. Beide sind noch im festen Glauben, die letzten Schritte
des siebenten Tages vor sich zu haben.
12.15 – Leidenschaftlos reagieren sie auf den Vorschlag von Herrn W.,
einen Spaziergang zum Schloss zu machen.
12.15 und dreißig Sekunden – Schüler B fragt Herrn W., ob er und A, bis
es soweit ist, noch eine TV-Serie auf
DVD anschauen
können.
12.16 – Herr W. erwähnt kurz, dass es aber so gegen 13 Uhr losgehen
soll und erkundigt sich bei B, wie lange eine Folge der TV-Serie geht.
Mit der Antwort „Eine halbe Stunde” gibt er sich zufrieden
und willigt ein. Sofort verschwinden A und B im Wohnzimmer.
12.30 – Herr W. kann noch C für den Spaziergang gewinnen. Herr W. sagt
ihr, dass 13.10 wohl realistisch sei.
13.05 – A und B sitzen immer noch vor dem Fernseher. Fragend wendet
Herr W. sich an die beiden. „Du hast nicht gesagt, dass wir nur
eine Folge sehen dürfen”, empört sich B. Herrn Ws. Argumentation,
dass seine Frage nach der Laufzeit einer Folge auch nur sein
Einverständnis für eine Folge beinhaltet hat, stößt bei seinen
Disputpartnern auf völliges Unverständnis. Den Vorwurf von B, dass er
auch 13 Uhr als Startzeit nicht erwähnt hätte, kontert Herr W. mit der
Bemerkung, dass B doch bitte die Festplatte zwischen seinen Ohren einmal
formatieren solle, so dass er die eingehenden Daten auch wieder abrufen
könne. A und B bestehen darauf, die angefangene Folge fertig zu sehen.
Herr W. gibt klein bei. Danach würde es aber sofort losgehen. Herr W.
vertröstet C um einige Minuten.
13.22 – A und B kommen sichtlich gelöst aus dem Wohnzimmer.
13.24 – C erscheint wetterfest eingepackt und ist fertig zum Abmarsch.
Herr W. treibt A und B an. A und B verschwinden in ihren Zimmern. C
wartet. Herr W. wartet. Unter den Jacken wird es warm.
13.29 – B kann seine Mütze nicht finden und muss noch mal aufs Töpfchen.
13.33 – C steht stoisch an die Wand gelehnt und wartet.
13.34 - B ist fertig, na endlich! Aber wo ist nun A? Herr W. klopft
ungeduldig an dessen Zimmertür. Sie öffnet sich. A marschiert mit
freiem Oberkörper an den Wartenden vorbei. „Will mir nur kurz
noch die Haare waschen. Geht ganz schnell, wir haben ja einen
Fön.” Und verschwindet, trotz lautstark einsetzender Proteste, im
Bad. Herr W. ist mittlerweile ziemlich angefressen. Aber A ist von
seinem Plan nicht abzubringen, schon gar nicht durch die verschlossene
Badezimmertür. Herr W. wartet. C wartet. B wartet.
13.50 – Ein Wunder ist geschehen!
14.10 – In der Oberstadt kommen Herrn W. Bekannte entgegen und
frotzeln: „So einen Job hätten wir auch gerne! Fürs Spazieren
gehen bezahlt werden!”
14.10 und dreißig Sekunden – Herr W. fühlt sich allein und von der Welt
irgendwie unverstanden.
Thank the Lord for the nighttime – Zewa, mit einem Wisch ist alles Weg!
Zum Abendessen gibt es Pizza, Gelächter und Faxen. Im Nachhinein meinte
Herr W., er habe es kommen sehen – eine nicht eben seltene Gabe bei
Erziehern. Ein bis oben mit Saft gefülltes Halbliterglas verlässt seine
vertikale Position und begibt sich auf den Weg in die Horizontale.
Die gelborange Flüssigkeit schwappt aus dem Glas und schießt in einem
Schwall direkt auf Herrn W. und die neben ihm sitzende Schülerin zu.
Herr W. springt reaktionsschnell auf (fast filmreif, Reflexe wie in
jungen Jahren) und rettet sie vor den herannahenden Fluten.
Auf der anderen Seite des Tisches beobachtet der Verursacher des
Malheurs, völlig in sich gekehrt, wie ein kleines Rinnsal aus Saft
sich einen Weg über sein Hosenbein hinunter zum Teppich bahnt.
Bruchteile von Sekunden vergehen. Dann wird die eingetretene
Friedhofsstille durch den Schrei von Herrn W.: „Los, schnell,
hol ein Tuch!” zerrissen.
Auch der junge Bursche erwacht aus seinem Trancezustand und stürzt
hektisch los. Eine kleine Ewigkeit vergeht. Immer weiträumiger
verteilt sich der Saft, nähert sich gefährlich diversen Tischkanten,
während zahllose Hände verzweifelt versuchen, ihn aufzuhalten. Endlich
naht die Rettung! Da kommt das Knäblein auch schon angesprungen. Völlig
außer Atem, aber mit Stolz geschwellter Brust, hält es Herrn W. ein
Blatt – hier nochmal die exakte Anzahl in Ziffern: 1 Blatt Küchenrolle
entgegen, ja eins von diesen Dingern mit der enooormen Saugkraft.
Lachtränen fluten die Augen von Herrn W. Für Sekunden vergisst er die
Welt um sich herum, dankt still der Werbeindustrie für diesen
Augenblick, will auch keine Begründung hören, nicht in diesem Moment
jedenfalls, denn Worte würden diesen Augenblick nur unwiderruflich
zerstören, ihn entkleiden und damit der Trivialität preisgeben.
Auch dieser Tag neigt sich nun langsam dem Ende zu. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter - verdeckt durch dichte Wolken. Das ist er also gewesen, der siebente Tag im Lande Liliput. Herr W. wünscht allen eine Gute Nacht!
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
Fotos: Daniela Junge
blista