Nach zehn Jahren sieht man sich wieder
Isabella Brawata * » Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt. In der Erinnerung ist es doch noch gar nicht so lange her, dass ich mit meinen Mitschülern gefeiert und „Abi 2000!” gerufen habe. Abitur an der Jahrtausendwende ist schon etwas Besonderes, dachten wir damals. Und dann war die Schulzeit plötzlich zu Ende. Jeder ging seiner Wege. Zu einigen Ex-Schulkameraden hielt ich noch mehr oder weniger Kontakt, aber die meisten hatte ich aus den Augen verloren. Bei manchen bedauerte ich das, bei anderen war ich darüber gar nicht so unglücklich und bei vielen war es mir schlicht egal.
Doch Ende Mai kam der große Tag! Wir hatten unser
„Zehnjähriges”.
Ich war sehr gespannt, was aus meinen Mitschülern geworden war und freute
mich darauf, sie alle wiederzutreffen. Unter die Vorfreude mischte sich auch
ein etwas beklemmendes Gefühl. Wird man sich nach all den Jahren noch was
zu sagen haben? Und so ein Jubiläum ist ja auch immer ein Anlass, „in
den Spiegel zu blicken”. Was hatten wir uns damals vorgenommen und was
haben wir beruflich und privat erreicht.
Und dann war es soweit. Treffen im Konferenzraum der blista zum Kaffeetrinken. Erfreulicherweise waren ungefähr zwei Drittel unseres Jahrganges erschienen. Schulleiter Jochen Lembke und blista-Direktor Claus Duncker bereiteten uns einen sehr warmen und herzlichen Empfang. Wir wurden über das Schulgelände geführt und erfuhren von all den Veränderungen, die sich seit unserem Abgang an der blista ereignet hatten. Anschließend wurde fröhlich geplaudert. Meine Bedenken waren völlig unbegründet. Wir hatten uns eine Menge zu erzählen und die Stimmung war heiter und ausgelassen. Ich lernte sogar Mitschüler neu kennen, mit denen ich während meiner Schulzeit kaum ein Wort gewechselt hatte. Ich lauschte mit großem Interesse ihren vielfältigen Lebensgeschichten. Da ich mich nicht mit allen unterhalten konnte, sind meine Eindrücke natürlich völlig subjektiv, aber vielleicht dennoch von Interesse.
Bis auf einige sehr wenige Dauerstudenten, mich eingeschlossen, gehen
die meisten inzwischen einer regelmäßigen Arbeit nach. Bei Sonja verlief
die Jobsuche besonders ungewöhnlich. Sie hatte einen Termin bei ihrer
Arbeitsagentur, um sich nach freien Stellen zu erkundigen. Dort hat sie den
Mitarbeitern so gut gefallen, dass sie nun selbst Arbeitssuchende berät.
Aufgefallen ist mir auch, dass die Lage für diejenigen, die einem sozialen
Beruf nachgehen, oft nicht rosig ist. Sie finden zwar größtenteils eine
Arbeit, aber die ist stets befristet und oft nicht gut bezahlt. Und so
ziehen viele „Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter” von Ort
zu Ort, von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle.
Es ist wohl eine Binsenweisheit, aber sie trifft für blista-Abgänger ebenso
zu wie in unserer Gesellschaft allgemein. Männern gelingt es viel öfter,
Kind und Beruf zu vereinen, als Frauen. Während die Väter beides
gleichzeitig sein können, also Vater und berufstätig, entscheiden sich
die Frauen oft für eine der beiden Möglichkeiten; entweder für den Beruf
oder für das Kind. Olga hat es geschafft, beides „unter einen
Hut” zu kriegen. Sie macht trotz Kind ihre Ausbildung zur
Psychotherapeutin und hat ihren Jungen in einer KiTa untergebracht.
Vielen hat es bei der Jobsuche übrigens geholfen, dass sie sich ehrenamtlich irgendwo engagiert haben. Jörg war lange in der „Interessengemeinschaft behinderter Studierender” und im Studentenparlament aktiv. Nach dem Studium zog er von Marburg nach Berlin, weil er die Stadt mag und seine Freundin dort lebt. Der Start war aber alles andere als einfach. Erst nach langwieriger und mühevoller Suche fand er eine Arbeit. Sein früheres Engagement war ihm dabei behilflich, denn er arbeitet heute als Behindertenreferent einer Partei im Bundestag und kann sich über sein Gehalt nicht beklagen. Christiane war lange ehrenamtlich für den „Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf” (DVBS) aktiv und hat nun als Juristin eine Stelle bei der Rechtsberatungsgesellschaft rbm (Rechte behinderter Menschen) in Marburg. Besonders auffallend finde ich auch, dass alle, die irgendwas im IT-Bereich machen, scheinbar sehr gute Berufsaussichten haben.
Was mich aber am meisten gefreut und auch erstaunt hat, ist, dass Menschen, die es aus welchen Gründen auch immer in der Schule schwer hatten, nicht zum Scheitern verurteilt sind. Im Gegenteil. Es gelingt ihnen oft, eine Ausbildung zu machen und sie finden nicht selten eine Arbeit. Das macht doch Mut!
Den Abend ließen wir übrigens mit gutem Wein und gutem Essen bei einem Italienern ausklingen. Viele ehemalige Lehrer waren gekommen, um ihre Neugierde über unseren Werdegang zu befriedigen und mit uns einen schönen Abend zu verbringen. Am meisten freute mich jedoch, dass auch meine ehemalige Betreuerin, als einzige Vertreterin des Internats, gekommen war.
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Duncker und Herrn Lembke für ihre Gastfreundlichkeit und an Mary Schürkman, die es, „Wer-kennt-wen” und „studi-VZ” sei Dank, geschafft hatte, die E-Mail-Adressen unseres gesamten Jahrgangs herauszufinden und gemeinsam mit Thorsten Büchner die Organisation des Treffens übernommen hatte.
* Abi-Jahrgang 2000
blista