Können Blinde Erste Hilfe leisten?

Text/Foto Sabrina Klein * » Ja, können sie, um die Frage gleich vorab zu beantworten! Und das mit großer Begeisterung und viel Engagement – dies bewiesen rund 20 Abgänger des Abi-Jahrgangs 2010.

Ich selbst bin sehbehindert und Lehrerin an der Carl-Strehl-Schule. In meiner Freizeit bin ich als Sanitätshelferin aktiv. Das hat sich an der Schule schnell herumgesprochen, und so hatten bereits die Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 2009 um einen Erste-Hilfe-Kurs gebeten.
Die Begründung dafür lag auf der Hand: Sie waren sich nicht sicher, ob sie eine solche Gelegenheit wieder bekommen würden, oder ob sie sich trauen würden, in einen regulären Erste-Hilfe-Kurs einzusteigen. Schon im letzten Schuljahr haben deshalb 16 Schülerinnen und Schüler mit viel Begeisterung zum Beispiel die Herz-Lungen-Wiederbelebung oder die fachgerechte Abnahme eines Motorradhelms nach einem Unfall geübt. Es sprach sich schnell herum, wie viel Spaß diese Ausbildung macht, und so waren auch die diesjährigen Abgänger sehr an einem Erste-Hilfe-Kurs interessiert.

Um dem Andrang gerecht zu werden, führten wir zwei Kurse durch. Da ich selber keine Ausbilderqualifikation für Erste Hilfe habe, bat ich Jens Dörr als Lehrrettungsassistent der Johanniter-Unfall-Hilfe Marburg, die Ausbildung zusammen mit mir anzuleiten. Unser wichtigstes Ziel war es, die regulären Inhalte ohne Abstriche zu vermitteln – im Gegenteil: Die Inhalte sollten nicht nur kurz und verbal abgehandelt werden, sondern die Schüler sollten sie „begreifen”!
Also viel selbst ausprobieren.

Schüler legen einer am Boden liegenden Teilnehmerin einen Handverband an

So kontrollierten alle Teilnehmer in Partnerarbeit ihren Atem, drehten sich gegenseitig in die Stabile Seitenlage, nahmen sich nach Vorschrift Motorradhelme ab oder verpackten sich in Rettungsdecken, ohne mögliche Schäden der Wirbelsäule zu verursachen.

In einer weiteren praktischen Einheit wurden verschiedene Verbandstechniken ausprobiert. So bildeten die Schüler wieder Teams und fertigten u. a. Verbände am Kopf, der Hand, dem Knie oder dem Fuß an. Diese Aufgabe war instinktiv zu lösen, ohne große Erläuterungen vorab. Das Motto lautete: Einfach mal ausprobieren! Man konnte feststellen, dass allein der gesunde Menschenverstand ausreicht, um eine Kopfplatzwunde an der Stirn richtig zu verbinden. Jens Dörr und ich konnten mit großem Respekt vor jeder/jedem Einzelnen beobachten, wie alle völlig unabhängig von Vorkenntnissen und trotz ihrer Sehbehinderung oder Blindheit fast perfekte Verbände kreierten.

Danach lernten unsere Ersthelfer, Druckverbände anzulegen. Zunächst wurde genau erklärt, was zu beachten ist, und währenddessen wurde der Verband langsam und nachvollziehbar angelegt. Alle Teilnehmer erhielten die Möglichkeit, näher heranzukommen, genau zu gucken oder zu tasten, bevor sie sich wieder in Teamarbeit an „die Arbeit” machten.

Nicht alles lässt sich aber am eigenen Körper erproben. Bei manchen Themen leisteten die Modelle aus der Biosammlung wertvolle Dienste. Daneben gab es aber auch immer wieder Phasen der Theorie, die es zu überstehen galt. Zuletzt sei noch angemerkt, dass wir nun auch über eine Erste-Hilfe-Fibel im Daisy-Format verfügen. Somit haben auch die vollblinden Teilnehmer die Möglichkeit, die vielen unterschiedlichen Inhalte, die innerhalb von nur 16 Stunden vermittelt wurden, bei Bedarf noch einmal nachzuarbeiten.

* Lehrerin an der Carl-Strehl-Schule

[intern]Zurück[intern]Inhalt[intern]Weiter

Zurück an den Anfang der Seite