„Bindeglied zwischen Arzt und Patient”
Interview mit Norbert Gorldt, Orthoptist und „Low Vision”-Berater an der blista
blista news: Herr Gorldt, was genau ist
Low Vision-Beratung?
Gorldt: Das Wort „Low Vision” kommt aus dem
Englischen und bedeutet lediglich „Schlechtes Sehen”. Unter
diesem Schlagwort ist alles zusammengefasst, was man unter Rehabilitation
bei herabgesetzten Sehschärfen verstehen kann. Vom Erkennen der
Sehbehinderung, von der Überprüfung des funktionalen Sehens bis hin zur
Versorgung und Anpassung von Hilfsmitteln reicht die Palette. Aber auch die
Frühförderung von Kleinkindern, die Unterstützung bei
Arbeitsplatzausstattungen oder die Beratung bei akuter Sehverschlechterung
gehören zum Aufgabengebiet der Low Vision-Beratung; also alles Dinge, die
im Idealfall dazu führen, dass der von Sehbehinderung betroffene Mensch
sein Leben selbstständig führen kann.
blista news:
Also ist Low Vision-Beratung mehr als die Versorgung mit vergrößernden
Sehhilfen und deren Anpassung?
Gorldt: Ja, unbedingt. Darüber hinaus ist es wichtig,
darauf hinzuweisen, welche Aspekte mit der Sehverschlechterung noch
einhergehen. Bevor ich an die blista kam, war ich Orthoptist an einer
Augenklinik. Dort war mir auch nicht bewusst, was man alles tun kann, um
die Situation der Betroffenen zu verbessern. Unabhängigkeit erlangt man
nicht dadurch, dass eine Lupe in der Schublade liegt. Der Anspruch von Low
Vision-Beratung ist es, die Menschen auf die unterschiedlichen
Förderangebote hinzuweisen, sei es Training in Orientierung und Mobilität,
Lebenspraktischen Fähigkeiten oder den Hinweis auf die Möglichkeit eines
Schwerbehindertenausweises sowie des Blindengelds. Aus diesem Grund führte
die Rehabilitationseinrichtung der blista (RES) im letzten Jahr zum ersten
Mal mit dem Berufsverband der Orthoptisten/innen (BOD) eine
Fortbildungsreihe durch, um Orthoptistinnen auf die rehabilitativen
Möglichkeiten aufmerksam zu machen und in die Lage zu versetzen, eine
„komplette” Low Vision-Beratung durchzuführen.
blista news:
Welche Rolle spielen Augenärzte und Optiker bei der Low Vision-Beratung?
Gorldt: In den Augenarztpraxen ist durchaus der Wille
vorhanden, die Patienten optimal zu beraten. Leider fehlt im Praxisalltag
oft die Zeit, die eine solche umfassende Beratung benötigt. Außerdem habe
ich in meiner Zeit an der Augenklinik auch festgestellt, dass eben gerade
in den Reha-Bereichen oft das Wissen fehlt, um gezielt zu beraten. Bei
Optikern ist es so eine Sache. Der Berufsverband der Augenoptiker bietet
eine Fortbildung zum Low Vision-Berater an. Allerdings darf man nicht
vergessen, dass Optiker die vergrößernden Sehhilfen auch verkaufen, was bei
einer objektiven Beratung zumindest problematisch ist.
In unserer Beratungsstelle haben wir den Luxus, viel Zeit für unsere
Patienten zu haben. Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung im
Beratungsbereich sind wir mit nahezu allen gängigen Sehhilfen, sei es im
optischen oder elektronischen Bereich, ausgestattet und können diese dann
ausgiebig mit den Patienten für ihre individuellen Bedürfnisse testen.
Und wir müssen nichts verkaufen.
blista news:
Wie kommen die Patienten zu Ihnen und wie läuft dann eine solche Beratung
ab?
Gorldt: Im letzten Jahr hatten wir 550 Beratungsgespräche,
wovon die Schülerinnen und Schüler der blista sowie Rehabilitandinnen und
Rehabilitanden der „Blindentechnischen Grundausbildung” circa
25-30 % unserer Patienten ausmachen. Für diesen Personenkreis ist eine
Beratung bei uns bereits im Leistungskatalog der blista inbegriffen. Um die
Schülerschaft der blista optimaler zu fördern, wurde unsere Abteilung auch
gegründet. Mittlerweile nehmen aber „externe” Patienten den
überwiegenden Teil unserer Beratungstätigkeit ein. Innerhalb dieser Gruppe
dominiert eindeutig der Personenkreis der Seniorinnen und Senioren. Im
Normalfall erhalten die Patienten eine Überweisung ihres Augenarztes und
kommen dann zum Beratungsgespräch. Ich erhalte mit der Überweisung außerdem
eine Diagnose des Augenarztes, überprüfe dann die Sehfähigkeit des
Patienten noch einmal, kontrolliere die bislang verwendeten Hilfsmittel,
wie Brillenstärke etc., und widme mich dann gemeinsam mit dem Patienten
den diversen Sehhilfen, die wir zur Verfügung haben, um dann diejenige
auszuwählen, die mit dem wenigsten Aufwand den größten Nutzen für den
Betroffenen hat. Aufgrund unseres großen Hilfsmittelpools kann ich dann
dem Augenarzt eine Empfehlung quasi „mundgerecht” mit
Firmenname, Bestellnummer liefern.
blista news: Wie sieht ihr durchschnittlicher Patient aus
und woran leidet er?
Gorldt: Der typische Patient ist eine Patientin, ist
Anfang 80, lebt alleine und leidet an Diabetes und altersbedingter
Makuladegeneration (AMD). Das Leben ist ohnehin schon beschwerlich und
dann kommt auch noch die Sehbehinderung hinzu, so dass die Dame fast den
Boden unter den Füßen verliert. Im Beratungsgespräch vermittelt mir die
Dame dann, dass sie gerne wieder selbstständig die Post lesen,
Medikamentenpackungen lesen, Fernsehen und sich alleine die Insulinspritze
setzen können würde. Oft sind wir für solche Personen die erste Anlaufstelle,
um sich über ihre neue Lebenssituation zu informieren. Ich versuche auch
schon, Tipps zu geben, wie sie ihr häusliches Umfeld so gestalten kann,
dass sie sich darin besser zurechtfindet, etwa mit besserer Beleuchtung.
So ein Gespräch ist oft der Anfang einer langen Beratungskette.
blista news: Wie sieht es mit der flächendeckenden
Versorgung in Deutschland mit solchen Low Vision-Zentren wie an der blista
aus, die auch rehabilitative Aspekte einschließt, und wie finde ich
überhaupt eine Low Vision-Beratungsstelle?
Gorldt: In dieser Konstellation, also verbunden mit den
ganzen Ressourcen der blista, sind wir bundesweit einzigartig. Natürlich
gibt es in einigen Städten an Augenkliniken spezielle
„Low Vision”-Angebote, aber eben nicht in dieser Verbindung wie
bei uns. Grundsätzlich sollte man sich zunächst immer erst an die
nächstliegende Uni-Augenklinik wenden. Dort gibt es eigentlich immer eine
Sehschule mit Orthoptisten/innen, die man dann nach entsprechenden
Beratungsstellen fragen kann.
Eine andere Möglichkeit ist, sich an die ortsansässigen Selbsthilfeverbände
zu wenden.
blista news: Werden Sie in Ihrer alltäglichen Arbeit oft
mit der Erwartung konfrontiert, dass die vergrößernde Sehhilfe mit einem
Schlag alle Sorgen beseitigt?
Gorldt: Viele Patienten denken: Der gibt mir jetzt eine
Brille und das war’s dann. Aber wir sind auch leider an die Gesetze
der Physik gebunden, und nur mit einer Brille lässt sich in der Regel keine
Verbesserung erzielen. Ich vergleiche das Auge immer mit einem Fotoapparat.
Wenn Sie ein gutes Foto machen wollen, dann müssen Sie zunächst das Objektiv
scharf stellen, wenn jedoch der Film kaputt ist, nützt auch das schärfste
Objektiv nichts. Es geht darum, Brillenwerte zu finden, die zum Auge passen,
aber auch darum, was die Netzhaut noch auflösen kann. Wenn das
Auflösungsvermögen der Netzhaut nicht mehr zum Lesen reicht, dann müssen
es anstatt der Brille eben Lupengläser sein, mit denen man aber leider
kein räumliches Sehen mehr durchführen kann, weil man Entfernungen nicht
mehr einschätzen kann. Ich hatte mal einen 92-jährigen Patienten, der
unbedingt in seine Brille ein Fernrohr integriert haben wollte, weil
er so gerne wieder Autofahren würde. Leider klappt es nicht, weil man damit
zwar die entgegenkommenden Autos schon sehr weit erkennen könnte, aber das
Kind, das unmittelbar vor dem Wagen auftaucht, nicht wahrnehmen kann.
blista news: Wie oft erleben Sie die falsche Handhabung
von Hilfsmitteln?
Gorldt: Leider sehr oft. Viele Menschen wissen nicht, wie
sie ihre Brille oder Lupengläser ausrichten müssen, um richtig damit lesen
zu können. Das erhöht den Frust der Patienten und viele glauben dann, dass
ihnen kein Hilfsmittel mehr helfen kann. Wir haben zwar viel Zeit für
unsere Beratung, aber in einer Stunde können wir nicht alles unterbringen.
Deswegen wäre es so wichtig, dass die Krankenkassen ein Einsehen hätten und
ein „Nachsorge-Programm”, mit Einweisungen in den Gebrauch der
Hilfsmittel und Kurzschulungen gerade für Senioren, in ihren
Leistungskatalog aufnehmen würden. Damit wäre den Patienten sehr geholfen.
blista-news: Was würden Sie sich für die Zukunft der
Low Vision-Beratung allgemein wünschen?
Gorldt: Zu allererst wäre es wünschenswert, das Angebot
an solchen Beratungsstellen annähernd bundesweit flächendeckend zu
gewährleisten. Davon sind wir leider noch ein gutes Stück entfernt.
Besonders wichtig scheint mir allerdings die Verzahnung von mehreren
Berufsgruppen innerhalb der eigentlichen Beratungsarbeit zu sein. Wie
anfangs erwähnt, gehören neben medizinischen und technischen Aspekten
auch unbedingt rehabilitative Aspekte in ein Beratungsgespräch. Mit der
Weiterbildungsmöglichkeit für die Orthoptisten/innen tun wir schon mal
den ersten Schritt in die richtige Richtung.
blista news: Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Gorldt: Ich sehe mich als Bindeglied zwischen dem Arzt
und den Patienten. Ich versuche, die oft schwer verständlichen
Diagnosen zu erläutern, zu erklären, was das für den Einzelnen
bedeuten kann. Gleichzeitig möchte ich aber auch Wege aufzeigen, die
neue, erstmal befremdliche Situation zu meistern und praktische
Hilfestellung leisten. Wenn das dann gelingt, wenn beispielsweise jemand
mit einem Strahlen im Gesicht nach Jahren wieder selbstständig Zeitung
lesen kann, dann zeigt mir das, wie sinnvoll meine Arbeit jeden Tag aufs
Neue ist.
Das Gespräch führte Thorsten Büchner.
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