Mauerspaziergang, Reichstag, Jüdisches Museum…

Die PoWi-Fahrt der Jahrgangsstufe 12 nach Berlin

Britta Friedrich * » Jeder kann sich vorstellen, dass wir auf unserer Fahrt nach Berlin nicht nur Bildungshunger hatten. Dennoch will ich hier nicht von den unzähligen Besuchen an Döner-Buden, Imbissständen oder beim Lieblingsitaliener berichten. Hier geht es um Kultur, Geschichte und Politik.

Den Auftakt machte ein Mauerspaziergang inklusive Führung. Die Fremdenführerin gab uns spannende Informationen über den Mauerstreifen und die Geschichte der Bernauer Straße. Denn hier verlief die Grenze zwischen West- und Ostberlin direkt an den Häusern. Ab dem Mauerbau 1961 konnten die Menschen also ihre Häuser nur noch durch die Hintertür verlassen und in den Treppenhäusern wurden Grenzsoldaten positioniert. Einige Menschen flohen durch die Fenster ihrer Wohnungen in den Westen, manche sprangen sogar aus dem 3. oder 4. Stock. Dabei kam eine Frau ums Leben, die damit das erste Opfer der Mauer wurde. Wir staunten und schüttelten den Kopf über den Aufwand, den die DDR-Führung betrieb, um jede Art der Flucht unmöglich zu machen.

Am nächsten Tag stand ein Besuch des Jüdischen Museums auf dem Programm. Hier begann ein wahrer „Sicherheitscheck-Marathon”, den wir in den nächsten drei Tagen über uns ergehen lassen würden. Nachdem alle die Sicherheitsschranken passiert und Jacken und Rucksäcke abgelegt hatten, ging es auch schon los mit der Führung. „Juden im 19. Jahrhundert; zwischen Selbstdefinition und Anpassung” lautete ihr Titel. Neben den Informationen, die wir erhielten, faszinierte mich vor allem die Architektur des Museums, die wir ein Jahr zuvor bereits im Kunstunterricht behandelt hatten. Leider waren einige Attraktionen des Museums geschlossen, wie z. B. der Holocaust-Gedenkturm. Also verließen wir das Jüdische Museum nach ca. 2,5 Stunden wieder.
Danach ging es an Bord eines Schiffes und wir genossen eine einstündige Fahrt auf der Spree. Dort konnten wir verschiedenste Sehenswürdigkeiten Berlins mal aus einer etwas anderen Perspektive betrachten. Neben dem Dom, dem Regierungs- und Nikolaiviertel sowie dem Hauptbahnhof, wurde uns auch die Museumsinsel gezeigt.

Die PoWi-Fahrt-Mitglieder und Meinhard Gerdes stehen vor dem Brandenburger Tor

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der U-Bahn zunächst zum Potsdamer Platz und bestaunten das Sony Center und andere riesige Glasbauten, in denen sich Einkaufszentren und Büros befinden. Nach einem kurzen gemeinsamen Rundgang und einigen Informationen seitens Herrn Gerdes bekamen wir die Erlaubnis, uns einmal selbst umzuschauen. Während einige der Mädels fast jeden Klamottenladen stürmten, der auf ihrem Weg lag, setzte ich mich mit fünf meiner Mitschüler in ein Café und wir genossen die Sonne, die durch das Glasdach fiel.
Kaum hatten wir unsere Tassen ausgetrunken, ging es auch schon weiter.

Nun machten wir uns auf den Weg zum Holocaustmahnmal, offiziell heißt es „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”. Es erinnert an die Juden, die während der NS-Zeit von den Nazis ermordet wurden, und besteht aus 2711 Betonquadern. Diese sind außen komplett in den Gehweg eingelassen, während sie im Zentrum des Denkmals bis zu 4,7 Meter aufragen. Es war ein sehr beeindruckendes Gefühl, dort hineinzulaufen, da die Stehlen immer höher wurden. Nachdem wir fast eine Dreiviertelstunde zwischen den Betonquadern umhergestreift waren, trafen wir uns am anderen Ende des Stelenfeldes wieder in der Sonne.

Wir begaben uns nun zum Wahrzeichen Berlins, dem Brandenburger Tor und der Prachtstraße Unter den Linden. Dieses berühmte Tor wurde 1788/91 im Auftrag des preußischen Königs erbaut. Die Könige Preußens durchquerten dieses Tor oft bei prächtigen Paraden. Außerdem ist das Brandenburger Tor Symbol für viele geschichtliche Ereignisse, wie z. B. die Wiedervereinigung oder der Sieg Napoleons, der die Quadriga nach Frankreich bringen ließ.

Anschließend schlenderten wir zum Denkmal Friedrichs II., das am anderen Ende der Straße Unter den Linden liegt. Ich war fasziniert von der übermannshohen Bronzestatue mit dem mächtigen Steinsockel. Auch der Detailreichtum, soweit ich ihn erkennen konnte, beeindruckte mich.
Wir brachen nun auf zum Reichstag. Auf den Besuch dort hatte ich mich am meisten gefreut und so ließ ich die Sicherheitskontrolle über mich ergehen. Kaum hatte uns eine Dame zur Führung abgeholt, da schloss sich auch schon Sören Bartol (SPD), Bundestagsabgeordneter des Landkreises Marburg-Biedenkopf, unserer Gruppe an. Wir machten uns auf den Weg zum Plenarsaal im Herzen des Reichstagsgebäudes. Ein Polizist schloss uns die Tür auf und wir betraten den großen, halbrunden Raum. Herr Bartol führte uns gleich zu den Stühlen der SPD-Fraktion und wir ließen uns auf 19 der insgesamt 622 Stühle nieder.
Zunächst beteuerte uns die Dame, die die Führung leitete, dass wir nun auf Stühlen säßen, auf denen sie persönlich noch nie gesessen hatte, und dass es auch ihres Wissens bisher noch nie vorgekommen war, dass eine Besuchergruppe den Plenarsaal selbst betreten durfte.

Nun erläuterte sie uns den Aufbau und die Sitzverteilung des Bundestages. Auch Abstimmungsverfahren und Arbeitsabläufe wurden erklärt, z. B. dass sich am Montag meist die Ausschüsse treffen, am Dienstag dann Fraktionssitzungen in den Türmen des Reichstagsgebäudes stattfinden. Dabei müssen sich Grüne und Linke, die beiden Parteien mit den wenigsten Sitzen, einen Turm teilen, da es nur vier Türme, aber inzwischen fünf Parteien gibt.
Zum Abschluss durften wir leise nach vorne zum Rednerpult gehen. Ich fand es sehr faszinierend, an diesem Ort zu stehen, den man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. In diesem Raum werden wichtige Entscheidungen getroffen und an dieses Pult treten regelmäßig die bekannten Größen der deutschen Politik.

Als nächstes wurden uns Modelle vom Reichstagsgebäude und von der Berliner Innenstadt gezeigt. Dann gingen wir weiter zu einer Stelle, an der die Wände nicht verputzt waren. Dort waren Zeichen und Buchstaben in die Wand eingeritzt.
Es handelte sich um die Kritzeleien russischer Soldaten, die Ende des Zweiten Weltkrieges, als Berlin besetzt wurde, hier z. B. ihre Namen hinterlassen hatten. Zum Abschluss der Führung zeigte man uns das Werk eines französischen Künstlers im Untergeschoss. Hier war etwas aufgebaut, das den Charakter eines alten Archivs besaß. Man ging durch einen etwas spärlich beleuchteten Gang. Zu beiden Seiten ragten Regale voller Blechkisten auf. An jeder dieser ca. 10 cm hohen und 15 cm breiten Kisten hängt ein Schild mit dem Namen, der Partei und der Amtszeit eines Abgeordneten. Von der Weimarer Republik bis heute finden wir dort alle Abgeordneten, die demokratisch gewählt wurden. Für die Zeit des Nationalsozialismus gibt es hier nur eine schwarze Kiste ohne Schild. Jetzt ging es mit Sören Bartol zum Fraktionssaal der SPD in einem der Türme. Dort führten wir ein ca. eineinhalbstündiges Gespräch mit Herrn Bartol und löcherten ihn mit Fragen. Von der aktuellen Politik über persönliche Einstellungen bis hin zu Herrn Bartols Entscheidung, in die SPD einzutreten, war hier nahezu kein Thema tabu. Ich war sehr positiv überrascht, wie offen unser Abgeordneter die Fragen beantwortete. Er gab auch mal zu, dass er zu einem Thema im Moment nicht viel sagen könne, da es für ihn wichtigere Dinge gegeben hätte, mit denen er sich beschäftigen musste. Er beantwortete die Fragen nicht nur offen, sondern für uns verständlich.
Danach stand natürlich noch ein Aufstieg in die Kuppel an und wir genossen den schönen Ausblick.

An unserem letzten Tag in Berlin hatten wir noch einiges vor. Zunächst steuerten wir die Heckmannschen Höfe an, wo wir eigentlich eine Bonbonmacherei besuchen wollten, doch leider hatte diese geschlossen. Also ging es nun weiter zur Neuen Synagoge, deren goldene Kuppel wir gestern schon vom Dach des Reichstagsgebäudes aus gesehen hatten. Wir informierten uns über die Geschichte der Synagoge, die im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört worden war. Danach war lediglich das vordere Drittel wieder aufgebaut worden. Der größere Teil lässt sich nur noch erahnen. Im Boden sind Steine eingelassen, die die Lage der alten Fundamente markieren.

Nach diesem Museumsbesuch begaben wir uns zu den Hackeschen Höfen. Dort erwarben wir einige Souvenirs und dann ging’s weiter zu den Werkstätten von Otto Weidt, der hier während des Nationalsozialismus Blinde und Sehbehinderte als Bürstenmacher und Besenbinder beschäftigte. Er versteckte auch Juden und bewahrte damit zumindest einige vor der Deportation und dem Tod.

Den Abschluss der Fahrt zum bekanntesten und teuersten „Konsumtempel” Berlins, dem KaDeWe. Dort staunten wir über die hohen Preise und die große Auswahl.

Fazit: Vier interessante Tage mit vielen Eindrücken, die Spaß machten.

* Schülerin der Jgst. 12
Foto: Meinhard Gerdes

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