„Gast im Haus – Gott im Haus”
20 Jahre Schüleraustausch mit Polen
Hans Junker *, Foto: Jochen Bechheim » Wenn man sich auf
das Abenteuer eines Schüleraustausches mit Polen einlässt, dann tut man
dies natürlich vor dem Hintergrund jahrhundertealter, meist sehr tragischer
und – was das 20. Jahrhundert anbetrifft – furchtbarer historischer
Beziehungen und Erfahrungen zwischen Deutschen und Polen. Das war uns auf
beiden Seiten bewusst, als wir das Austauschprogramm von Schülern aus Krakau
und Marburg 1990 auf den Weg brachten.
Heute wissen wir, dass dies der Start einer echten Erfolgsgeschichte war,
denn in diesem Jahr fand nun schon der 20. Schüleraustausch zwischen beiden
Einrichtungen statt.
Wie fing alles an?
1989 fuhren zwei Klassen der Jahrgangsstufe 11 nach Auschwitz und Krakau,
um ihre Kenntnisse, die sie sich im Geschichts- und
Gemeinschaftskundeunterricht über die Themen Nationalsozialismus und Krieg
erarbeitet hatten, vor Ort zu vertiefen.
Wir waren sehr daran interessiert, auch etwas über die soziale Lage der
Blinden und Sehbehinderten in Polen vor der Wende zu erfahren. Daher
besuchten wir den polnischen Blindenverband. Dessen Präsident
Sokolowski empfing uns sehr gastfreundlich und stellte im darauf folgenden
Jahr den Kontakt zur Blindenschule in Krakau her.
Ich vereinbarte mit Mieczyslaw Kozlowski, dem damaligen Direktor der
Krakauer Einrichtung, einen Schüleraustausch der elften Klassen
durchzuführen.
Das Austauschprogramm
Die erste polnische Austauschgruppe traf 1991 auf dem Marburger Hauptbahnhof
ein. Die übermüdeten und ernsten Gesichter unserer polnischen Kolleginnen am
Marburger Hauptbahnhof werde ich nie vergessen! Sie hatten, wie sie uns
später berichteten, auch Gefühle der Skepsis und Angst gegenüber
uns Westdeutschen.
Diese anfangs vorhandene Einstellung änderte sich jedoch bereits am ersten
Abend, als man erkannte, dass wir doch sehr lockere und wenig
„preußische” Deutsche waren.
Bei unserem Gegenbesuch lernten wir in Krakau die umwerfende
Gastfreundlichkeit der Polen kennen, deren Sprichwort „Gast im
Haus – Gott im Haus” uns Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue
demonstriert wird. Hier konnten wir viel von ihnen lernen.
Die Krakauer Partnereinrichtung
Das Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Krakau wurde 1948
gegründet und besteht aus einer 6-jährigen Grundschule, an der blinde
Schülerinnen und Schüler aus Südpolen beschult werden, einem
3-jährigen Gymnasium der Sekundarstufe I und einem Aufbaugymnasium mit den
Klassen 9 bis 12. In der Sekundarstufe 2 gibt es neben dem allgemeinen
Gymnasium Fachoberschulen für Tontechniker und Klavierstimmer, sowie eine
Fachschule für Gartenbau. In einem Berufsausbildungszweig werden
Bürotechniker ausgebildet.
Etwa 300 Schülerinnen und Schüler sind in einem zentralen Internat im
Schulkomplex am Weichselufer, direkt gegenüber der Altstadt, untergebracht.
Dort wohnen auch wir während unseres einwöchigen Krakau-Aufenthaltes.
Die Krakauer Schule betreut auch integrativ beschulte blinde und
sehbehinderte Schülerinnen und Schüler an Regelschulen. Sie beschult aber
auch einige nicht behinderte Schülerinnen und Schüler an der
Krakauer Einrichtung. Momentan besuchen insgesamt etwa 500 Schülerinnen
und Schüler unsere Partnereinrichtung.
Der Ablauf der Austauschprogramme
Das Austauschprojekt wird in den Fächern Geschichte sowie Politik
und Wirtschaft vorbereitet. Bei dem Aufenthalt in Polen besuchen die
deutschen Gruppen auch für zwei Tage die Konzentrationslager Auschwitz und
Birkenau, um Einblicke in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu
bekommen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Begegnung mit den gleichaltrigen
Jugendlichen beider Nationen, das gemeinsame Gespräch, gemeinsame
Ausflüge, Singen und Tanzen. Man lernt die Kultur des Nachbarlandes kennen
und die spezifischen Probleme Blinder und Sehbehinderter in Polen.
Beim Gegenbesuch in Marburg versuchen wir, die überwältigende
Gastfreundschaft unserer polnischen Freunde zu erwidern. Neben den
obligatorischen Programmpunkten wie Schul- und Stadtbesichtigung stehen
auch immer zwei Tagesausflüge auf dem Programm, an denen alle Schüler
teilnehmen. In diesem Jahr führten sie uns zur Marksburg an den Rhein
sowie zum Point Alpha, dem Grenzmuseum an der ehemaligen Grenze zur
DDR.
Großer Zuspruch für den Austausch
Es stimmt uns froh, dass wir jedes Jahr keine Probleme haben,
Austauschgruppen für den Schüleraustausch mit Polen zusammenzustellen. Ganz
offensichtlich trägt dazu auch die gute Mund-zu-Mund-Propaganda der
Schülerinnen und Schüler bei. Sicherlich spielt dabei eine Rolle, dass wir
mit Krakau auch die schönste Stadt Polens besuchen und unsere polnischen
Freunde keine Kosten oder Mühen scheuen, uns ein ansprechendes kulturelles,
aber auch touristisches Programm – mit Ausflügen in die Tatra
oder in das Salzbergwerk von Wielicka – zu bieten.
Das Austauschprojekt ist ein fester Bestandteil des Schulprogramms beider
Schulen. Beide Institutionen lernen voneinander und helfen sich gegenseitig,
ihren Bildungsauftrag zu erfüllen.
Für die Schülerinnen und Schüler beider Länder stellt der gegenseitige
Austausch eine wichtige und tiefgreifende Erfahrung dar und zwischen den
Lehrern und Betreuern beiderseits der Grenze sind während dieser
20 Jahre dauerhafte und herzliche Freundschaften gewachsen.
Solidarität und Freundschaft
Die Ausstattung unserer Partnereinrichtung in Krakau mit Lehr- und Lernmitteln war zu Beginn unseres Austauschprogramms, gemessen an dem unserer Einrichtung, sehr bescheiden. Deshalb brachten wir unseren Freunden in Krakau ab dem Jahre 1990 als Gastgeschenke Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte mit. Mittlerweile hat sich der Ausstattungsgrad der Krakauer Schule dank des besonderen Geschicks von Mieczyslaw Kozlowski qualitativ sehr verbessert und innerhalb von 10 Jahren hatte man auch im Bereich der Computertechnologie europäisches Spitzenniveau erreicht.
Doch das Weichsel-Hochwasser im Mai dieses Jahres traf die Blinden- und
Sehbehindertenschule in Krakau mit voller Wucht. Es entstand ein Schaden
von einer halben Million Euro. Als wir von den immensen Schäden hörten,
war es für uns eine Selbstverständlichkeit, unserer Partnereinrichtung in
Krakau zu helfen.
Beim diesjährigen Sommerfest der blista fand eine Festveranstaltung zum 20.
Jahrestag des Schüleraustausches statt, bei der neben Barbara Planta,
der Direktorin der Krakauer Einrichtung, auch der Oberbürgermeister der
Stadt Marburg anwesend war. Oberbürgermeister Vaupel, der – neben dem
Landrat des Landkreises Marburg-Biedenkopf – das Austauschprojekt seit
Jahren finanziell unterstützt, sagte der Krakauer Schule eine Soforthilfe
in Höhe von 5000 Euro zu.
Darüber hinaus erbrachte die Spendenaktion der blista für Krakau
einschließlich des Sommerfest-Erlöses mehr als 6.000 Euro. Die
Gelder sollen neben Sachspenden, die parallel gesammelt werden, unseren
Freunden in Krakau helfen, den Neustart für die von der überschwemmung
betroffenen Abteilungen zu erleichtern.
* verantwortlicher Lehrer für das Austauschprogramm
blista