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Heute: Erinnerungen und andere Lücken
Man muss die Tatsachen verdrehen, damit andere sie verstehen können. (Charles de Talleyrand)
Spätherbst in der Geschichtswerkstatt Marburg. Der Winter stand vor der Tür, Nahrungsmittelvorräte mussten angelegt werden und der Weg zum nächsten Supermarkt war weit. Ein Graupelschauer hatte eine weitläufige Seenlandschaft auf den Gehwegen hinterlassen. Etwas schadenfroh beobachtete Herr W., wie seine junge Begleiterin verzweifelt versuchte, mit ihren wassersaugenden Stoffschuhen die zahllosen Pfützen zu umschiffen. Es gelang ihr mal mehr, mal weniger. Nutzen tat es ihr hingegen fast nichts. Unaufhaltsam liefen die angesagten Treter voll. Aus dem Weiß des Stoffes wurde schnell ein unansehnliches Grau. Auch der Pegel an den bis zum Boden und darüber hinaus reichenden Bootcut-Jeans stieg unaufhaltsam an. Nach wenigen Minuten stand er wadenmittig. Herr W. hatte gewarnt, gebettelt, gefleht, zu überzeugen versucht. Und? – Hatte es irgendetwas gebracht? Seine Begleiterin zog weiter Wasser wie ein alter Kahn. Ein schwacher Trost blieb jedoch – spätestens in der Poebene würde es zum Stehen kommen, denn hier klaffte eine ansehnliche Lücke. Erst weit oberhalb des Bauchnabels begannen Pullöverchen und Jäckchen. Die Nierchen waren – ganz en vogue – fein säuberlich freigelegt. Immer wieder fegte der kalte Herbstwind Blätter von den Bäumen auf den Gehweg.
Aus der Seenlandschaft wurde langsam ein modriger Sumpf. Jeder Schritt
hinterließ nun ein watschelndes Platschen, wobei halbverweste wassertriefende
Blattreste in alle Richtungen spritzten. Herr W. lauschte dem rhythmischen
Klappern der Zähne seiner Begleiterin. Hin und wieder verirrte sich eine
einsame Schneeflocke in ihren Bauchnabel.
„Kalt?” fragte Herr W. spöttisch.
Ihre blauen Lippen versuchten zu lächeln, doch ihre Augen funkelten
kampfeslustig.
„Vergiss es einfach! Schau doch mal, wie du rumläufst! Diese
hässlichen Klamotten!” fauchte sie ihn an.
„Aber ich friere nicht!” entgegnete Herr W. gelassen.
„So was kann man aber doch nicht anziehen, ich habe Freunde – und die
will ich auch behalten! Ich kann nicht so rumlaufen wie du.”
Herr W. fand, dass sie etwas zur Übertreibung neigte. Seine Kleidung war
warm und bequem! Gut – mit einigen modischen Abstrichen.
Ihre Worte machten ihn ein wenig nachdenklich. Er konnte sich noch ganz gut
an jenen Tag erinnern, als er das Todesurteil über seinen eben noch so
geliebten Bundeswehrparka fällen musste. Ab sofort hatte er Jeansanzug,
Sweatshirt und Turnschuhe zu tragen,
wollte er weiterhin dazugehören.
Ihm wurde kalt, verdammt kalt! Und Gnade war von niemandem zu erwarten. Die
Lehrer trieben ihn und seine Kameraden in den Pausen wie Vieh auf den
Schulhof – zum Frische-Luft-Schnappen, selbst im tiefsten Winter – so gut
wie nackt. Herr W. entdeckte quasi über Nacht die Bedeutung des Wortes
„Cool-sein”. Er fror, aber er war mit sich im Reinen, denn er
gehörte weiterhin dazu.
Man hat eben nicht immer eine Wahl im Leben. Die Eiszeit sollte sich noch
einige Schulwinter und darüber hinaus hinziehen. Bis zu dem Tag, als
es Herrn W. zum Studium nach Marburg zog. Dort standen sie plötzlich vor
ihm: Müslis – junge Menschen seines Alters, die sich aus Protest gegen
patriarchalisches Schönheitsdiktat und Konsumterror einfach alles
überstülpten, was Löcher für Kopf und Arme frei ließ, in den Farben bunt
bis lila. Die Geschichte mit den Kartoffelsäcken ist allerdings nur ein
Gerücht. Herr W. freundete sich mit ihnen an und Omas Stricknadeln liefen
wieder heiß – und nun hieß es: pull him over, den Pullover, Norwegerstyle.
Die Eiszeit war vorbei. Cool-sein war out, und Herr W. war dennoch weiter
in – bei den Mädels, das allein zählte. Ja, Herr W. fand, dass er eine
anregende, wenn auch unterkühlte Jugend gehabt hatte.
Für pädagogische Interventionszwecke war sie allerdings in dieser Form
leider völlig wertlos.
Herr W. wandte sich wieder seiner Begleiterin zu. Sie war hüftabwärts nass
bis unter die Haut, aber es schien ihr wenig auszumachen. Er hingegen fand,
dass sie dringend eine Dosis Orientierung für ihren weiteren Lebensweg
brauchte. Seine Stimme nahm einen weihevollen Ton an, als er zu seiner
kleinen Geschichtsstunde: Die-Mode-und-die-fabulöse-Rolle-des-jungen-Herrn
W.-years-ago ansetzte. Zunächst stutzte Herr W. den Einfluss seiner
Altersgenossen auf ein sehr überschaubares Maß zurecht. Eine Gratwanderung,
denn Herr W. musste auf jede Nuance achten.
Dann hob er seine Einsichtsfähigkeit und Besonnenheit hervor. Hier durfte
er die Zügel allerdings nicht zu locker lassen, allzu leicht gingen einem
an dieser Stelle die Pferde durch. Er wollte Vorbild und nicht Seine
Heiligkeit sein. Herr W. war geübt. Jedes Wort bedeutungsschwanger, jeder
Satz ein pädagogischer Stachel im Hirn seiner Begleiterin. Ein Sklave der
Mode? Ein Büttel seiner
Peer Group?
Kindchen, doch nicht Herr W.! Zum Schluss würzte er das Ganze noch mit
einer scharfen Prise Vernunft. Schön vorsichtig, auch wenn ihn sein
missionarischer Eifer gehörig in der Nase juckte. Zuviel des Guten wirkte
meist pädagogisch kontraproduktiv. Herr W. musste für seine Begleiterin
noch erreichbar bleiben. Alles in allem ging es ihm aber leicht von der
Hand, schließlich war es sein tägliches Brot. Herr W. endete. Seine weit
ausgebreiteten Arme sanken wieder herab und er steckte die kalt gewordenen
Hände in die Jackentasche. Der Job war zu seiner Zufriedenheit erledigt.
Manchmal war Herr W. selbst erstaunt, was er doch in seiner Jugend für
ein Kerlchen gewesen war, umsichtig und vernünftig vom Scheitel bis zur
Sohle!
Er atmete tief durch. Kühle, klare Novemberluft füllte seine Lunge, die
Brust schwoll an. Herr W. fühlte sich einfach großartig. Er blickte nach
oben. Das Blaue vom Himmel verbarg sich hinter dichten Wolken. Beruhigt
stampfte er weiter. Es fing wieder an zu graupeln, aber er bemerkte es
gar nicht, denn sie waren im Supermarkt angekommen. Spätherbst in der
Geschichtswerkstatt für einzigartige Momente in der Pädagogik.
P.S.: Aus Platzmangel musste leider folgende Szene entfallen:
„www.winni@laber-net.de! Und jetzt gib mir den Einkaufszettel,
damit wir endlich fertig werden!”
* Pädagogischer Mitarbeiter im Internat
Foto: Daniela Junge
blista