„Wie, blinde Schüler machen Chemie?”
Jordanische Studenten zur Fortbildung in Marburg
Heidi Theiß-Klee* » Wer ist denn das? Was sind das für Leute? Sind das Eltern zukünftiger Schüler? Kaufen die Araber jetzt die blista auf, wie 1860 München? Das fragte sich so mancher Schüler oder blista-Mitarbeiter Mitte Mai beim Gang übers Gelände Am Schlag. Drei arabisch gekleidete Frauen und zwei eindeutig nicht mitteleuropäisch aussehende Männer, denen man zehn Tage lang immer wieder begegnete, waren der Auslöser für diese Fragen. Die Antwort war dann erst mal eher unspektakulär.
Vom 11. bis 18. Mai waren sechs Besucher aus Amman in Jordanien zu Gast. Fünf von ihnen sind Studenten des Masterprogramms für Vision Rehabilitation an der German-Jordanian University (GJU) in Amman. Sie wurden begleitet von ihrer Dozentin und Leiterin des Studiengangs, Nathalie Bussieres, die aus Kanada stammt aber seit vielen Jahren in Amman lebt.
Die Deutsch-Jordanische Universität ist eine staatliche jordanische Hochschule, die sich in ihrer
Lehre an dem Modell deutscher Fachhochschulen orientiert.
Die GJU hat eine internationale Ausrichtung, was in der Zusammensetzung ihres
Lehrpersonals sichtbar wird. So unterrichten im Studiengang Vision Rehabilitation Lehrende aus
Kanada, Deutschland, Jordanien, den Niederlanden, Finnland, Ungarn und Indien. Der Studienplan sieht
auch den Besuch nationaler und ausländischer Einrichtungen vor. Im Vorfeld war in
verschiedenen Uniseminaren oft der Name blista gefallen. Das hatte die Neugierde der fünf Studenten
geweckt und alle waren äußerst gespannt auf den Besuch in Marburg, der durch die
„Paul und Charlotte Kniese-Stiftung” und die „Herbert-Funke-Stiftung” unterstützt
wurde. Die blista hatte ein umfangreiches Hospitationsprogramm zusammengestellt.
Dazu gehörte der Unterrichtsbesuch in Mathematik, Naturwissenschaften, Musik, Sport und Englisch. Aber
auch die Bereiche außerhalb der Schule boten interessante Einblicke. Die Erstellung von taktilen
Medien, die Produktion und Ausleihe von Punktschrift- und Hörbüchern sowie
mehrere Besuche in Wohngruppen gehörten ebenso zum Programm.
In der Reha-Abteilung standen zwei Tage lang Informationen zur Frühförderung, Rehabilitation und
Hilfsmittelberatung im Vordergrund.
Den jordanischen Gästen wurde außerdem schnell deutlich, welche Bedeutung die blista und ihre Schüler in Marburg haben, wo blinde Menschen aus dem Erscheinungsbild der Stadt nicht mehr wegzudenken sind.
Und was bleibt in Erinnerung?
„Das hat sich wirklich gelohnt”, war das einhellige Resümee vor Antritt der
Rückreise. Besonders hervorgehoben wurden von den Gästen der freundliche Umgang
zwischen Mitarbeitern und Schülern und die gute Zusammenarbeit der verschiedenen
Bereiche. Beeindruckt waren sie aber vor allem von den Teilhabemöglichkeiten der
Schüler am sozialen Leben in der Schule und der Stadt. Und regelrecht fasziniert waren
sie vom Unterricht in Kunst und den Naturwissenschaften, da die jordanischen Schüler
davon grundsätzlich befreit sind. Einer sagte über die Chemiestunde: „Ich hätte
nie geglaubt, dass blinde Schüler wirklich Chemie machen können, wenn er es nicht mit
eigenen Augen gesehen hätte”.
Insgesamt waren alle der Überzeugung, dass der Besuch einen großen Einfluss auf ihre zukünftige
Arbeit in Jordanien haben wird.
Folgendes Zitat drückt dies gut aus:
„I would consider the blista as a
source of information, knowledge and experiences that the whole world could
benefit from.” (Ich würde sagen, dass die blista eine Quelle der Information, des
Wissens und der Erfahrung ist, von der die ganze Welt profitieren kann.) Aber auch wir haben von
diesem Besuch profitiert. Die Schüler hatten die Möglichkeiten, sich über
eine andere Kultur aus erster Hand zu informieren und die Gebräuche und Sitten im
persönlichen Kontakt kennen zu lernen.
* Lehrerin an der Carl-Strehl-Schule
Foto: Dr. Imke Troltenier
blista