„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” oder „Wie sag ich‘s meinem Kinde”

Rudi Ullrich » Nein, liebe Leserin und Leser, keine Angst, wir wollen Ihnen keine neue Sprichwortsammlung vorstellen, sondern ein interessantes Projekt, das sich damit beschäftigt, wie visualisierte Informationen blinden und sehbehinderten Schülern zugänglich gemacht werden können. Dabei geht es darum, dass der Anteil und die Bedeutung von Bildern, grafischen Abbildungen bis hin zu Comics in modernen Schulbüchern und bei Prüfungsaufgaben enorm zugenommen haben. Wurden Bilder früher oft nur zur zusätzlichen Illustration eingesetzt oder sollten auflockern, und der dazugehörige Text war zum Verständnis oder der Lösung einer Aufgabe völlig ausreichend, hat sich das in modernen Schulbüchern völlig verändert. Heute sind Abbildungen oft nicht ergänzend, sondern der eigentliche Träger der Information oder der Aufgabenstellung.

Die Autoren von Schulbüchern beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie durch Visualisierung von Informationen den Schülern auch komplizierte Sachverhalte möglichst einfach und nachhaltig vermittelt werden können. Der große Vorteil von Bildern und Piktogrammen ist dabei auch, dass sie international verstanden werden und somit zum Beispiel beim Sprachen lernen hervorragend eingesetzt werden können. Dass diese Veränderung Produzenten von Lehrmaterialien für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Eltern vor immer größere Herausforderungen stellt, kann man sich leicht vorstellen.
Deshalb hat die blista, die ja sowohl als Medienproduzent als auch im täglichen Schulbetrieb eines Gymnasiums mit dieser Herausforderung umgehen muss, das Projekt „Visualisierte Informationen aus Schulbüchern zugänglich machen”, kurz VISCH, initiiert. Der Startschuss des in Zusammenarbeit mit dem Bundeskompetenzzentrum für Barrierefreiheit (BKB) und mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Deutsche Blindenstudienanstalt laufenden Projektes fiel mit einem eintägigen Expertentreffen im Juni in Marburg.

Logo BKB und blista

Lehrer, Medienproduzenten, Selbsthilfevertreter aus dem gesamten Bundesgebiet und der Schweiz waren der Einladung nach Marburg gefolgt und betonten unisono die Wichtigkeit, in diesem Bereich gemeinsame Standards zu entwickeln, damit blinde und sehbehinderte Schüler auch in Zukunft gleichberechtigte Bildungschancen haben. Dies unterstrich auch Marion Böttcher, Vorsitzende des Bundesverbands Eltern blinder und sehbehinderter Kinder (BEBSK) und schilderte eindrucksvoll die oft schwierige tägliche Praxis von Kindern an Regelschulen und die Nöte der Eltern, die als Co-Lehrer, Medienübertrager, Bildbeschreiber in einer Person gefordert sind. Deshalb hofft sie, dass im Rahmen dieses Projektes ganz praktische Hilfen und Leitlinien entwickelt werden, die Eltern bei dieser schwierigen Aufgabe ein Stück mehr Sicherheit geben können.

Dass dies natürlich das Ziel ist, hatten bereits zu Beginn der Leiter der Medienproduktion der blista, Manfred Fuchs, der auch Projektleiter von VISCH ist, und Dr. Roland Zimmer vom BKB herausgestellt.
„Wir müssen dafür sorgen, dass blinde und sehende Kinder auch weiterhin die gleichen Schulbücher verwenden können. Dies ist im Sinne der Entwicklung eines inklusiven Schulsystems wichtiger denn je.”
Die Bedeutung, aber auch wie schwierig es sein wird, dieses Ziel in den nächsten anderthalb Jahren zu erreichen, wurde bereits beim Eingangsreferat „Herausforderung Bildbeschreibung” von Klaus Wissmann, Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik (VBS) und Lehrer am Landesförderzentrum Sehen in Schleswig, überaus deutlich.

Martina Wiemers (Deutsche Hörfilm gGmbH) stellte zu diesem Themenkomplex die Umsetzung der Visualisierung im Hörfilm vor. Hier muss mit knapper, präziser Sprache gearbeitet werden, da die Texte in das vom Filmablauf vorgegebene akustische Gerüst eingebettet werden müssen. Ulrich Kalina (CSS) ging im Anschluss anschaulich auf die Grundproblematik aus der bisherigen Unterrichtspraxis mit Lösungsansätzen ein. Neben einer Gegenüberstellung von Mathematikbüchern früher und heute, ging er auf die Bedeutung des E-Buch-Standards ein. Im Laufe der Präsentation erhielten auch Nichtmathematiker Einblicke in Möglichkeiten einer Umsetzung mathematischer Sachverhalte in verbaler, taktiler oder kombinierter Form sowie deren Vor- und Nachteile.

Andrea Katemann aus der Brailledruckerei der blista berichtete über ihre Kontaktaufnahme mit einer Projektgruppe in den USA, die an einer ähnlichen Aufgabenstellung arbeitet und zu der man den engen Erfahrungsaustausch sucht.

Als Fazit der Präsentationen waren sich alle Teilnehmer darüber im Klaren, dass es verschiedene Typen von Abbildungen gibt. Sie können der Motivation, der Illustration oder als Aufgabenstellung dienen. Jeder Abbildungstyp bedingt eine unterschiedliche Herangehensweise und Umsetzung. Das oberste Kriterium ist dabei immer, dass die Schülerin, der Schüler im Mittelpunkt stehen. Dazu muss zu allererst der Zweck und die Funktion der Abbildung geklärt werden. Wo Bildbeschreibungen eingesetzt werden, müssen sie verständlich, klar, präzise, eindeutig, effektiv, ökonomisch, wesentlich und vorstellungsträchtig sein und dabei die wichtigen Inhalte erfassen und transportieren. Bilder tatsächlich ersetzen, oder gar weitergehende didaktische Zugänge eröffnen, können Bildbeschreibungen alleine allerdings nicht.

Außerdem ist zu bedenken:
Die Verbalisierung dient primär nicht als Ersatz, sondern als zusätzliche Ergänzung taktiler Abbildungen, und der Tastsinn erfasst Grafik nicht „auf einen Blick”, sondern sequentiell, deshalb braucht der Schüler die Unterstützung beim Erfassen von komplexen Strukturen. Die taktile Abbildung plus die verbale Beschreibung ergeben ein »Inneres Bild« beim Schüler. Aber erst nachdem ein klares inneres Bild geschaffen wurde, kann eine verbale Kurzbeschreibung später bereits ausreichen, um dieses „innere Bild” erneut zu aktivieren. Ausgehend von diesen Überlegungen, wird die weitere Arbeit und der intensive Gedankenaustausch der Expertengruppe über ein Forum im Internet organisiert, das von der blista aufgebaut wurde. Hier werden beispielhaft Bilder, Grafiken, Abbildungen etc. aus unterschiedlichen Unterrichtsfächern eingestellt und Vorschläge zur textlichen Beschreibung gemacht.

Begonnen wird an den beiden Büchern „À Plus 1!, Französisch für Gymnasien, Lehrbuch inkl. Grammatik, Berlin: Cornelsen” (insgesamt ca. 170 Bilder) und „Bigalke/Köhler: Mathematik 2.1, Gymnasiale Oberstufe Leistungskurs, Berlin: Cornelsen” (insgesamt ca. 450 Abbildungen). In einer zweiten Tagung im Dezember dieses Jahres sollen dann die gewonnenen Erfahrungen ausgewertet und Forderungen an den zu entwickelnden Leitfaden formuliert werden.

In einem Anschlussprojekt 2012 soll auf Basis der erarbeiteten Grundlagen dann der Leitfaden entstehen. Er wird nach heutigen Erkenntnissen aus einem allgemeinen Teil bestehen, der Grundprinzipien der Bildbeschreibung darstellt. Zusätzlich werden fächerspezifische Leitlinien zusammengestellt. Es sollen Schwierigkeiten der Zugänglichmachung von visuellen Inhalten dokumentiert und die verschiedenen Möglichkeiten dargestellt werden. Aber über eins waren sich die Experten auch einig. Nicht immer wird die verbale Darstellung die richtige Wahl sein. Taktile Abbildungen bleiben auch weiterhin unverzichtbar.

Weitere Infos zum Projekt finden sie auf
www.bildbeschreibungen.de.

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