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Fachschule REHA

Struktur der Ausbildung

In einem Ausbildungskurs arbeiten in der Regel 8-10 Studierende, 4-5 Ausbilder und ein Ausbildungsleiter zusammen. Die Ausbilder und die Ausbildungsleitung sind selbst Rehabilitationslehrer und verfügen über mehrjährige praktische Erfahrungen im Rehabilitationsunterricht mit blinden und sehbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie sind in der Rehabilitationsabteilung der blista angestellt.

Zwei, oftmals auch drei Kurse hintereinander sind sie fast ausschließlich mit der Weiterbildung beschäftigt, bevor sie wieder in den Rehabilitationsunterricht zurückkehren und andere Kollegen des Hauses die Aufgabe übernehmen.

Die Kursteilnehmer durchlaufen eine Vollzeitausbildung mit durchschnittlich 37 Unterrichtsstunden à 45 Minuten pro Woche. Hinzu kommen eigenständige Aktivitäten, die vor allem der Vor- und Nachbereitung aktueller Ausbildungsinhalte dienen, so dass sich erfahrungsgemäß eine Gesamtbelastung von mehr als 40 Zeitstunden pro Woche ergibt. Die gesamte Weiterbildung dauert 1½ Jahre.

Die Ausbildung: eine gelungene Verbindung von Theorie…

Der theoretische Teil der Ausbildung beginnt mit der Vermittlung medizinischer Grundlagen wie der Augen- und Ohrenheilkunde und den physiologischen und psychologischen Grundlagen der Wahrnehmung. Es folgt die Auseinandersetzung mit psychologischen und sonderpädagogischen Inhalten aus der Entwicklungs-, Wahrnehmungs- und Sozialpsychologie, der Behindertenpädagogik, der Motorik und der Begriffsbildung. Diese Fächer werden entweder von hauseigenen Experten oder externen Referenten unterrichtet, haben je nach Disziplin einen Umfang von 25 bis 60 Unterrichtsstunden.

Neben weiteren berufsrelevanten Inhalten hat der Punktschriftunterricht schon allein vom zeitlichen Umfang her eine besondere Bedeutung. Hier lernen die Studierenden, die Blindenkurzschrift zu schreiben und mit den Augen zu lesen.

…und Praxis: Simulationsphase und…

Ein wesentliches Element der Ausbildung ist die Selbsterfahrung unter der Augen-binde oder mit Simulationsbrillen, die verschiedene Einschränkungen des Sehvermögens verdeutlichen sollen. Die Studierenden durchlaufen in der Simulationsphase in gewisser Weise selbst eine exemplarische O&M- bzw. LPF-Schulung, die die Ausbilder mit ihnen als "blinden" oder "sehbehinderten" Klienten durchführen. Sie sammeln dadurch Eigenerfahrungen, die für den Unterricht mit blinden und sehbehinderten Menschen unverzichtbar sind.

In LPF lernen die "blinden" oder "sehbehinderten" Kursteilnehmer klassische Inhalte wie Kochen, Wäschepflege, Nähen, Essensfertigkeiten, Erstellen der eigenen Unterschrift. Auch nicht alltägliche Themen wie Reparaturen, Wartungs- und Pflegearbeiten im Haushalt werden behandelt. Nicht selten finden dabei spezielle Hilfsmittel Verwendung.

Kursteilnehmer und Ausbilder analysieren gemeinsam alltägliche Handlungsabläufe und Einzelfertigkeiten, um sich die motorische Komplexität der vielen ineinander verzahnten Einzelschritte einer Bewegungshandlung und ihre Bedeutung für die Planung eines Unterrichts mit blinden oder sehbehinderten Menschen bewusst zu machen.

Die wichtigsten O&M-Inhalte wie z.B. die Techniken der sehenden Begleitung, Orientierungsprinzipien, die Schulung des Gehörs, Raumerkundungsstrategien, Stocktechniken, sichere Straßenüberquerungen, Erkundung von Wohnblöcken und Straßenkreuzungen, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel u.a. werden zunächst in Marburg vermittelt, um danach durch ein einwöchiges sogenanntes „Erlebnis in der Großstadt”, meist in Frankfurt komplettiert zu werden. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit typischen Großstadtbegebenheiten wie die Benutzung von U-, S- und Straßenbahnen, die Orientierung auf einem Großstadtbahnhof und die Erarbeitung scheinbar unüberwindbarer, weitläufiger Straßenkreuzungen.

Auch diese Aufgaben müssen die Kursteilnehmer "blind" oder "sehbehindert" bewältigen, sorgfältig angeleitet von ihren Ausbildern, die sie dabei auf Schritt und Tritt begleiten.

…Unterrichtspraxis

Schon kurz nach Beginn der Simulationseinheiten schlüpfen die Studierenden durch gegenseitiges Unterrichten zunehmend in die Rolle des Lehrers. Im Rahmen eines einwöchigen Praktikums an einer anderen Einrichtung des Blinden- und Sehbehindertenwesens und bei Unterrichtshospitationen im eigenen Haus gewinnen die Studierenden einen Einblick in unterschiedliche Unterrichtsstile und -methoden.

So sind alle Teilnehmer gut vorbereitet, wenn nach circa einem ¾ Jahr der Übergang zur eigenständigen Unterrichtspraxis stattfindet. Unterrichtet werden vor allem blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche, die das Gymnasium der Deutschen Blindenstudienanstalt besuchen. Jeder Kursteilnehmer unterrichtet zunächst lediglich einen Schüler mit circa 4 Unterrichtsstunden pro Woche. Im weiteren Verlauf erhöht sich die Anzahl der Schüler auf 3 und dementsprechend die wöchentlichen Unterrichtsstunden auf 12.

Die Studierenden werden intensiv beim Schülerunterricht angeleitet, d.h. jede zweite Unterrichtseinheit wird von einem Ausbilder begleitet. Die Unterrichtsplanung und der tatsächliche Verlauf werden gemeinsam mit dem Ausbilder analysiert und mögliche Konsequenzen für den weiteren Unterricht diskutiert. Mit der Zeit nimmt die Intensität der Anleitung ab und mündet gegen Ende der Ausbildung in eine Reihe von benoteten Unterrichtsbesuchen.

In der Phase der eigenen Unterrichtspraxis findet eine psychologische Supervision statt, in der die Kursteilnehmer ihre emotionale Betroffenheit reflektieren können, die die Arbeit mit den sehbehinderten oder blinden Klienten auslösen kann.

Weitere Praxisinhalte

Daneben finden weiterhin Theorieveranstaltungen statt. Behandelt werden Themen wie beispielsweise Rechts- und Institutionskunde, Hilfsmittel und Informationstechnologie, Blindheit und Sehbehinderung in Verbindung mit Zusatzbehinderungen. Ein O&M - Unterricht mit sehbehinderten Personen, die besondere Schwierigkeiten bei Dämmerung und Dunkelheit haben (Nachtunterricht) und die Durchführung einer umfassenden O&M-Schulung mit externen Klienten gehören als Standard ebenso in die Unterrichtspraxis, wie die eigenständige Planung und Durchführung von Fortbildungen für unterschiedliche Zielgruppen, z.B. Erzieher oder Lehrer.

Eine Veranstaltung zur Gesprächsführung trägt dazu bei, Kompetenzen für Gespräche mit den Klienten und ihren Angehörigen zu vermitteln.

Schließlich müssen neben der eigenen Unterrichtspraxis zwei Projektarbeiten und eine schriftliche Hausarbeit erstellt werden. Ziel einer Projektarbeit kann z.B. sein, mit möglichst einfachen Mitteln Unterrichtsmaterialien wie einen taktilen Plan oder ein spezifisches Hilfsmittel herzustellen.

Low Vision oder besondere Reha-Maßnahmen für sehbehinderte Personen

Die Weiterbildung trägt der Tatsache Rechnung, dass es weitaus mehr Sehbehinderte als Blinde gibt. Die oben beschriebene Eigenerfahrung unter Simulationsbrillen nimmt einen breiten Raum ein. Zusätzlich werden die Studierenden darüber hinaus von einem erfahrenen Orthoptisten und einem Augenoptiker im Rahmen eines 80-stündigen Low-Vision-Unterrichts (Untersuchung des funktionalen Sehvermögens, Sehresttraining, Anpassung optischer Hilfsmittel) an das Problemfeld herangeführt und auf die spätere Praxis vorbereitet.

Die Studierenden profitieren dabei von der engen Verzahnung der Ausbildungsinhalte der Augenheilkunde, orthoptischer Kenntnisse, wahrnehmungspsychologischer Aspekte, Aspekte der Begriffsbildung sowie der in den Simulationen gewonnenen Eigenerfahrungen. Dies alles bildet ein solides Fundament für eine klientenorientierte Unterrichtspraxis.

Der Bereich der Rehabilitation

Die Rehabilitation sehbehinderter oder blinder Menschen ist ein sehr differenziertes Arbeitsfeld. Kinder und Jugendliche, die von Geburt an behindert sind, gehören ebenso zum Klientel wie späterblindete Erwachsene, die sich mit Hilfe der Rehabilita-tion auf einen neuen Berufsstart vorbereiten und altersblinde Menschen ungeachtet der verschiedenartigsten Erblindungsursachen. Die während der Ausbildung erworbenen Kompetenzen befähigen den künftigen Rehalehrer, diese später beratend in den Rehabilitationsunterricht einzubringen. Auch die psychische Belastung, die eine Behinderung mit sich bringt, und die Aufgabe, diese Belastung zu bewältigen, sind Fragestellungen, mit denen sie sich auseinanderzusetzen haben.

Die Vielschichtigkeit der Rehabilitation macht eine gute Kooperation mit anderen Berufsgruppen nötig. Deswegen arbeiten Rehabilitationslehrer häufig mit Augenärzten bzw. Orthoptisten, mit Lehrern von Blindenschulen, mit Erziehern, mit Psychologen und natürlich mit den Eltern bzw. Angehörigen der Betroffenen interdisziplinär zusammen.

Abschlussprüfung

Zum Ende der Weiterbildung finden schriftliche und mündliche Prüfungen statt, die sich auf Theoriefächer und den praktischen Unterricht in O&M und LPF beziehen.

Der Arbeitsmarkt

Grundsätzlich eröffnen sich nach dem erfolgreichen Abschluss vor allem zwei berufliche Perspektiven:

  1. die Arbeit an einer Institution des Blinden- und Sehbehindertenwesens oder
  2. die freiberufliche Tätigkeit im Rahmen ambulanter Schulungen in LPF und O&M.

In Marburg sind bisher mehr als 100 RehaLehrer ausgebildet worden, die alle einen Arbeitsplatz in ihrem neuen Beruf gefunden haben. Eine Bilanz also, die sich sehen lassen kann und Ansporn für die RES ist, weitere Kurse stattfinden zu lassen.

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