Das Internat
Das Jubiläum „25 Jahre dezentrales Wohnkonzept“ war das herausragende Ereignis, das mit verschiedenen Veranstaltungen am 28. November 2003 begangen wurde.
Den Auftakt bildete ein von über 200 Personen besuchter Festakt, darunter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Abteilungen, ehemalige Schülerinnen und Schüler, ehemalige Kolleginnen und Kollegen sowie geladene Gäste.
Nachdem Manfred Rauch als Zeitzeuge und Geschichtsexperte die Zuhörer in die historische und sozialpolitische Ausgangslage der 70er Jahre zurückgeführt hatte, beleuchteten verschiedene Redner aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln die 25-jährige Geschichte des dezentralen Internatskonzeptes der Blindenstudienanstalt.
Rudi Ullrich, der heute die Öffentlichkeitsarbeit der blista leitet und der in den richtungsweisenden Jahren 1975 bis 1979 blista-Schüler und zeitweise auch Schulsprecher war, skizzierte die Veränderungen des Internatslebens vom Heim für 30 Jungen bis 16 Jahren, die in Vierbettzimmern ohne jegliche Privatsphäre wohnten, bis hin zur vierköpfigen Wohngemeinschaft mit Einzelzimmern und großer Eigenverantwortung.
Thorsten Büchner, der im Jahr 2000 die blista mit erfolgreich bestandenem Abitur verließ und heute Politikwissenschaften studiert, schilderte auf sehr persönliche Art, welche Selbstständigkeitsentwicklung ihm in seiner siebenjährigen blista-Zeit möglich wurde und welche Lernprozesse gleichzeitig seine Eltern durchlaufen haben.
Reinhard Villmow, Gesamtinternatsleiter in der Zeit von 1978 bis 1988, setzte sich in seinem Festvortrag „Können Blinde Treppen steigen?“ mit den vielen Widerständen und Vorurteilen auseinander, die überwunden werden mussten, um die Idee eines dezentralen Internates realisieren zu können. Gleichzeitig würdigte er das große Engagement von Eltern, Schülern und pädagogischen Mitarbeitern, welches letztlich der Idee zum Durchbruch verhalf.
Andrea Sollwedel belegte als Mitarbeiterin der ersten Stunde die rasante Entwicklung der Abteilung nicht nur anhand interessanter Zahlen, sondern auch mit dem Verweis auf konzeptionelle Veränderungen und fortlaufende Anpassungen an gesellschaftliche Entwicklungen.
Willy Rommelspacher, Gesamtleiter des blista-Internates seit 1993, lenkte mit seinem Vortrag den Blick nach vorne und mahnte an, sich auch zukünftigen Herausforderungen zu stellen und im Bestreben der Weiterentwicklung der Konzeption nicht nachzulassen. Sein Beitrag mündete in der Aufforderung, Internatspädagogik nicht als ein mit der segregierten Beschulung verbundenes notwendiges Übel, sondern als Chance in der Persönlichkeitsentwicklung Blinder und Sehbehinderter zu betrachten und offensiv zu vertreten.
Umrahmt von diesen Redebeiträgen würdigte der ehemalige Schulsprecher Rainer Husel die Verdienste von Prof. Kurt Senne, der als Gesamtinternatsleiter von 1975 bis 1977 als „geistiger Vater“ des dezentralen Wohnkonzeptes einen wesentlichen Anteil an den Veränderungen der blista in den 70er Jahren hatte. Husel zeichnete das Bild eines Mannes mit „messerscharfem“ Verstand, einer Vielzahl von Talenten und Berufen, „der sein ganzes Gewicht, und das war nicht wenig“, so Husel, „für seine pädagogischen und gesellschaftlichen Überzeugungen einsetzte“. Kurt Senne verstarb im September 1998 im Alter von 59 Jahren.
Direktor Jürgen Hertlein begrüßte unter den 200 Gästen insbesondere den Vorstandsvorsitzenden, Herrn Paul Marx, die Vertreter des Landeswohlfahrtsverbandes, Bernd Torbohm und André Schmidt-Hosse, den Stadtrat Dr. Franz Kahle, den Stadtverordneten-Vorsteher Heinrich Löwer, den ehemaligen Schulleiter Reinhold Wolff, Frau Dorothea Senne, die Witwe von Prof. Kurt Senne, sowie zahlreiche ehemalige Schülerinnen und Schüler und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Barbara Nolte als Moderatorin, und Jens Flach, Mohamed Metwalli und Jan Eiler, die einen musikalischen Bogen von den 70ern bis in die Gegenwart spannten, sowie die „Prinzessinnen“ mit ihrer „Ode an die Anstalt“ trugen wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung bei.
Am Nachmittag beschäftigten sich alle pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Internates in verschiedenen Workshops mit Fragen der konzeptionellen Weiterentwicklung des Internates. Themen der Workshops waren u. a.:
- „Zum Wandel von Berufsbild, Selbstverständnis und pädagogischen Aufgaben“
- „Internatspädagogik als Chance im Erwerb persönlicher Kompetenzen“
- „Von der Wohngemeinschaft zur Ich-AG“
Den Abschluss des Tages bildete ein stimmungsvolles Fest am Abend in einer liebevoll dekorierten Sporthalle bei Tanzmusik der 70er Jahre und dem legendären „Marburger Hammerorchester“ in seiner Urbesetzung mit Uli Kalina, Karl Sommer, Rainer Husel und Michael Pauen.
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