Interview mit dem Vorsitzenden des blista-Verwaltungsrats Bernd Höhmann

"Mehr als hundert Jahre Pacemaker“

Bernd Höhmann steht seit 2012 an der Spitze des siebenköpfigen Verwaltungsrats der blista. Im Interview erzählt er über die Beweggründe seines Engagements, die Auf­gaben des Gremiums und über die Zukunftsperspektiven der blista.

blista-news: Wie kam es zu ihrem ehrenamtlichen Engagement für die blista?

Bernd Höhmann: Als zu Beginn der 1990er Jahre für die blista eine schwierige Entwicklungsphase erfolgreich gemeistert war, suchte der damalige Direktor Jürgen Hertlein nach Persönlichkeiten aus der Marburger Stadtgesellschaft, die bereit waren, sich als Mitglieder im Trägerverein zu engagieren. Da es bereits seit langem gute Kontakte zwischen der Philipps-Universität Marburg und der blista gab, habe ich als damaliger Kanzler der Universität die angetragene Mitgliedschaft sehr gerne angenommen.

blista-news: Hatten Sie vorher schon Kontakt zu Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung?

Höhmann: Als Kanzler der Uni Marburg waren mir sehbehinderte oder blinde Studierende schon vertraut. Schließlich galt die Marburger Universität längst als eine von blinden und sehbehinderten Studierenden bevorzugte Einrichtung. Außerdem hatte ich während meines Studiums der Rechtswissenschaft in Marburg Ende der 60er Jahre bereits Kontakt zu blinden Kommilitonen. Als ich 2012 zu meiner ersten Sitzung des Verwaltungsrats in den Bielschowsky-Raum kam, begrüßte mich der ehemalige Schüler der Carl-Strehl-Schule Uwe Boysen: „Hallo Herr Höhmann! Wir kennen uns doch aus dem Völkerrechtsseminar bei Prof. Hoffmann!“

blista-news: Welche Aufgaben hat der Verwaltungsrat der blista?

Höhmann: Der Verwaltungsrat ist laut Satzung für die fachlichen und organisatorischen Grundsatzangelegenheiten der gesamten Einrichtung zuständig. Er wählt die beiden hauptamtlichen Vorstandsmitglieder und schließt mit ihnen die Arbeitsverträge. Zur engen Zusammenarbeit mit dem Vorstand gehört die regelmäßige Beratung der wichtigen Angelegenheiten der Einrichtung ebenso wie deren Kontrolle, insbesondere der Finanzen. Von den sieben Verwaltungsratsmitgliedern werden fünf von der Mitgliederversammlung gewählt und zwei als Repräsentanten der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe vom DBSV und DVBS benannt. Wir treffen uns in der Regel viermal im Jahr zu Sitzungen.

Der Verwaltungsrat: von links Andreas Bethke, Ursula Weber, Hans­Werner Lange. Bernd Höhmann, Manfred Scharbach, Christiane Möller, Dr. Michael Richter
Der Verwaltungsrat: von links Andreas Bethke, Ursula Weber, Hans­Werner Lange. Bernd Höhmann, Manfred Scharbach, Christiane Möller, Dr. Michael Richter

blista-news: Was waren ihre wichtigsten ­Themen in den letzten Jahren?

Höhmann: Durch die UN-Behindertenrechtskonvention bekam das Thema Inklusion neuen Schwung, den die blista dazu genutzt hat, sich intensiv damit zu beschäftigen. Arbeitsgruppen wurden initiiert, die ressortübergreifend zusammengearbeitet haben und viele neue Angebote entwickeln konnten. Mit der Übernahme der Trägerschaft der Montessorischule und deren Ausbau zur ­Sekundarschule hat sich die blista zukunftsorientiert weiterentwickelt. Traditionell über 100 Jahre ein Gymnasium für junge Leute mit Blindheit oder Sehbehinderung, laden wir jetzt auch in der Carl-Strehl-Schule Schülerinnen und Schüler ohne Seheinschränkung ein, Teil unserer schulischen Gemeinschaft zu werden.
Unser Konzept zielt darauf hin, schulische Inklusion über die Öffnung der Förderschule voranzubringen. Es unterscheidet sich damit deutlich von den inklusionsorientierten Bemühungen in vielen Regelschulen. Denn aus langjähriger Erfahrung weiß man hier sehr genau, dass hochqualifizierte und ganzheitliche Förderung von Menschen mit Behinderungen für ein Miteinander auf Augenhöhe unverzichtbar sind. „Inklusion braucht Qua­lität“, war das Motto unserer großen Fach­tagung im Jahr 2015.

blista-news: Sie sind beinamputiert. Welche Rolle spielt ihre eigene Behinderung bei ihrem Engagement für die Belange von Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung?

Höhmann: Ich habe als Jugendlicher ein Bein verloren und kenne daher Anforde­rungen in Situationen, die Nichtbehinderte nicht vermuten oder so nicht kennen. Ich weiß, dass oft viel mehr geht, als es von außen den Anschein hat. Daher kann ich der Philosophie der blista zustimmen, dass die Betroffenen selbst am besten herausfinden, was sie leisten können oder konkret benö­tigen, um am gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben zufriedenstellend teilhaben zu können Darauf wollen wir sie aber gezielt vorbereiten, fördern durch umfassende und erprobte Rahmenbedingungen.

blista-news: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der blista? Wo sehen Sie die blista in zehn Jahren?

Höhmann: Die blista war in ihrer über hundertjährigen Geschichte immer „Pacemaker“. Sie war Motor und Vorreiter für neue Entwicklungen, neue Konzepte, technische ­Hilfen. Um dieses Potential, neue Wege zu gehen, mitunter auch gegen Widerstände, zu erhalten, müssen wir stets für Erneuerung offen sein. Dies gilt im Interesse der blinden und sehbehinderten Menschen, für unser breit gefächertes Ausbildungsangebot, die vielfältigen Dienstleistungen, aber auch für die organisatorische Struktur der blista. Und daran arbeiten wir im Verwaltungsrat, gemeinsam mit dem blista-Vorstand und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

blista-news: Herzlichen Dank, Herr Höhmann, für das Gespräch!
Das Interview führte Thorsten Büchner, Foto: Dr. Imke Troltenier