Jenena Nass: „Musik war immer mein Anker”

Die Musikerin steht am Felsenstrand
© privat

Birte Klementowski*. Jelena Nass ist Schülerin der Carl-Strehl-Schule und bereitet sich derzeit auf die Abiturprüfungen vor. Seit ihrer Kindheit singt sie und spielt Gitarre. Vor ein paar Jahren unterschrieb sie bei einem Label einen Künstlervertrag und arbeitet seitdem an ihrem ersten Album. In diesem Interview erzählt sie mehr über ihre Leidenschaft zur Musik und über ihre Zukunftspläne.

Stelle dich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Jelena Nass, ich bin 19 Jahre alt, komme aus Wittmund in Ostfriesland und bin dort bis zur 11. Klasse auf eine Regelschule gegangen. An die blista bin ich gekommen, weil ich an meiner früheren Schule kein Musikabitur machen konnte und es dort sehr stressig für mich war: Große Klassen, die Lehrinhalte wurden für mich nie passend aufbereitet und es gab Mobbing. Es gab immer denselben Stress mit den Lehrern.

Die haben oft vergessen, mir Großkopien zu erstellen oder Dateien auf einem USB-Stick bereitzustellen. Also wurde der Druck auf mich immer größer, weil ich oft schwer hinterherkam.

Welche Einschränkungen hast du beim Sehen?

Ich habe Albinismus und damit einhergehend eine Sehschwäche. Bei mir liegt die Sehkraft bei ungefähr 10 Prozent. Bei Albinismus hat man außerdem kein dreidimensionales Sehen. Das heißt, ich kann nicht einschätzen, wie weit die Dinge von mir entfernt sind und verwechsle das öfter. Die Regelschule war schon immer sehr beschwerlich und ich habe mir gesagt: Ich will das eigentlich nicht und kann es auch nicht. Eine Freundin von mir ist dann an die blista gegangen und dadurch war für mich klar, dass ich auch hierher gehe.

Wie waren deine Erfahrungen an Regelschulen? Du hast Mobbing erwähnt und Leistungsdruck. Wurde es mit der Zeit schlimmer?

Ganz am Anfang in der Grundschule war es noch ok. Dann ab der 5. Klasse wurde es einfach nur noch stressig. Die Schule hatte etwa 800 Schülerinnen und Schüler. Das Erste, an das ich mich erinnere, war, als ich am ersten Schultag in den Klassenraum kam und die Blicke der anderen gespürt habe. Die wussten ja, dass eine Behinderte in die Schule kommt und eines der ersten Worte, das ich gehört habe, war tatsächlich „Missgeburt“. Das war schon ziemlich krass.

Wie hast du dein Interesse für Musik entdeckt? Kam das durch die Schule?

Musik gemacht habe ich schon als kleines Kind. Da habe ich Klavier gespielt. Gitarre habe ich mir ungefähr mit 12 Jahren selbst beigebracht. Musik war immer mein Anker. Ich konnte in mich zurückgehen und machen, wozu ich Lust hatte, ohne dass jemand etwas dagegen sagte. Ich hatte auch mal Gitarrenunterricht, aber den habe ich schnell wieder verworfen, weil er einfach auf Sehende ausgerichtet war. An der Regelschule hatte ich zuletzt einen Musiklehrer, der mich in dem bestätigt hat, was ich konnte und da gefördert hat, wo ich es brauchte.

Du hast dir Gitarre spielen selbst beigebracht. Wie kann man sich das vorstellen? Hast du nach Gehör gearbeitet?

Erst habe ich tatsächlich nach Gehör gelernt, bis ich im Internet gesehen habe, dass man dort viele Akkorde runterladen kann. Dadurch habe ich viele Lieder eingeübt. Heutzutage kann man eigentlich alle Lieder über vier Akkorde spielen.

Wie hat sich dieses Hobby für dich weiterentwickelt?

Ich hatte damals eine Band. Wir hießen „Pirates of Doom“ und machten eine Mischung aus Rock, Symphonic und atmosphärischen Elementen. Das war noch auf der Regelschule. Wir waren nicht sehr beliebt, vielleicht wegen der eigenartigen Musik, vielleicht auch, weil ich in der Band war. Wenn man ständig gesagt bekommt, man sei scheiße, dann glaubt man das irgendwann. Wir haben es trotzdem probiert, eigene Songs geschrieben und durch diverse Auftritte wurden wir lokal bekannter und bekamen immer mehr Zuspruch. Meine Bandkollegen wollten sich aber irgendwann zurückziehen, während ich weiter nach vorne kommen wollte und so habe ich begonnen, alleine Auftritte zu geben unter dem Namen „Yelena“.

Und dann kamst du an die blista. Wie hast du neue Kontakte an der blista knüpfen können?

Das war für mich nie ein Problem. Ich habe schnell neue Freunde gefunden und habe auch außerhalb der blista durchs Musikmachen neue Leute kennengelernt, mit denen ich mich gut verstehe. Ich bin zum Beispiel auch in der Abi-Band. Hier an der blista haben wir thematisch verlagerten Musikunterricht. Wir machen Gehörbildung und spielen viel auf Instrumenten. Das ist schon was anderes als auf der Regelschule.

Du trittst im Rahmen von blista-Veranstaltungen öfter mal auf. Neulich hast du erwähnt, dass du bald ein eigenes Album rausbringst.

Ja, ich mache zwar derzeit noch mein Abi und habe deswegen momentan wenig Zeit dafür. Aber ich habe ein Label gefunden, was mich fördert und wir arbeiten seit zwei Jahren an dem Album. Das Label sitzt in Berlin und heißt „4audience“. Ich nehme etwas auf und schicke das meinem Produzenten. Er macht aus meinen Fragmenten einen Song und schickt ihn mir zurück, damit ich dazu singen kann. Es ist recht kompliziert.

Wie bist du zu deinem Label gekommen?

Ich hatte mit „Pirates of Doom“ einen Auftritt bei einem Band Contest. Da waren auch zwei Rapper, die uns gut fanden und was mit uns zusammen machen wollten. Mit der Band kam es dazu nicht mehr. Irgendwann dann, als ich alleine aufgetreten bin, habe ich einen der Rapper angeschrieben und gefragt, was er gerade musikalisch macht. Er erzählte mir, dass er bei „4audience“ unter Vertrag genommen worden sei. Da war ich schon hier an der blista in der 11. Klasse. Eine Nacht, bevor wir unsere Klassenfahrt nach Berlin machten, rief er mich an und erzählte, er habe seinem Produzenten etwas von mir vorgespielt. Der war begeistert und dann in Berlin spielte ich ihm etwas vor. Er machte mit mir einen Vertrag für eine Single. Die Single heißt „Alive“ und wurde professionell mit Videodreh produziert. Auf YouTube kann das Video unter „Yelena – Alive“ abgerufen werden. Das Ganze bekam so viel Zuspruch, dass für mich ein Künstlervertrag folgte.

Wie hast du dich mit diesem Erfolg gefühlt?

Einfach großartig! Es kam alles so schnell und es war genau das, was ich immer wollte: Durch meine Musik etwas mitzuteilen und zeigen, was ich kann – gerade, weil ich immer so viel niedergemacht wurde. Ich möchte einfach auch zeigen: Hey Leute! Darauf habt ihr nicht geachtet. Ich bin jemand und kann was werden.

Was ist Inspiration für Deine Texte?

Inspiration bekomme ich durch meine eigenen Erfahrungen. Am besten kann ich tatsächlich schreiben, wenn es mir schlecht geht. Da fließt die Kreativität einfach mehr und ich versuche, mich gedanklich wieder aufzubauen. Dann entstehen meist positive Songs. Inspiration bekomme ich auch von unabhängigen kleinen Künstlern. Ich weiß, wie schwer sie es haben und dadurch, dass sie trotzdem weitermachen mit ihrer Musik, gibt mir das Mut. Zum Beispiel Johannes Oerding, der hat auch klein angefangen und ist nun ein bekannter Künstler. Er inspiriert mich auch mit seiner Musik.

Portraitfoto von Yelena
© privat

Inwiefern findest du, trifft „Hörbar lebendig“ auf dich zu und wie findest du diese Wortkombination?

Sie gefällt mir total gut. Man kann nicht nur etwas lebendig machen durch Bilder. Die Stimme alleine kann sehr viel Emotionen ausdrücken, ohne Worte. Man muss es auch nicht sehen. In einem dunklen Raum Musik hören und sie projiziert eine bestimmte Stimmung auf einen. Hörbar lebendig ist für mich: Ich fühle mich durch Musik lebendig! Musik ist Leben.

Meine letzte Frage: Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Menschen offener werden, mehr Miteinander und weniger Vorurteile. Ich hoffe, dass ich nach meinem Abi eine Ausbildung als Veranstaltungskauffrau beginnen kann und dass ich mit meiner Musik noch weiterkomme und damit vielen Menschen etwas Schönes geben, vielleicht auch etwas bewegen kann.

* Mitarbeiterin Öffentlichkeitsarbeit