Unsere Ziele

Die blista steht für eine vielfältige und hochqualifizierte Förderung, die sorgfältig auf die individuellen Potenziale und Interessen der Einzelnen abgestimmt ist. Unser Ziel ist es, Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung die bestmöglichen Chancen zu eröffnen, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken, Erfolge zu erleben, soziale Ein­bindung zu erfahren und sich lebenslang weiterzuentwickeln. Unser Leitspruch lautet: „Lass Dich nicht behindern!“.

Gemäß unserem Leitbild ist die blista eine offene und lebendige Bildungs- und Begegnungsstätte. Wir stehen in einem lebendigen Austausch mit unserem Umfeld, den Akteuren in der Universitätsstadt, der Wissenschaft, der Politik, der Bildung und der Wirtschaft. So feilen wir gemeinsam mit den Partnerschulen in der Region seit über 20 Jahren am Know-how für unsere gemeinsamen Oberstufenkurse, damit sonderpädagogische Förderung und soziale Einbindung als Grundlage fairer Bildung besser gelingen. Gemeinsam mit der Universität eröffnen wir neue Möglichkeiten der Lehrerbildung und mit dem Land Hessen vorbildliche Modelle der Arbeitsmarktintegration.

In der Universitätsstadt Marburg mit ihren 70.000 Einwohnern gehören die Schülerinnen und Schüler der blista einfach dazu. Hier kooperieren wir in guter Tradition und wurden 2016 zum zweiten Mal mit dem Jürgen Markus-Preis "Marburg barrierefrei" ausgezeichnet. Mit großer Offenheit nimmt sich die Stadt des Themas Barrierefreiheit für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung an. Und die blista unterstützt weit über die Stadtgrenzen hinaus mit taktilen Plänen für Städte, Museen oder Lehrpfade.

Meilensteine

Seit den ersten Abiturvorbereitungskursen für kriegserblindete Soldaten ist dem gemeinschaftlichen Engagement vieles zu verdanken: 1954 wurde hier die erste deutsche Hörbücherei gegründet. In den 1960ern trat die erste akustische Ampel von Marburg aus ihren Siegeszug in die Städte und Gemeinden Deutschlands an, in den 1970ern wurde der weiße Langstock zum primären Hilfsmittel selbstbestimmter Mobilität. An der blista entwickelte man die Mathematikschrift sowie die erste Betriebsvereinbarung, die den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes für die Umsetzung der BRK zu nutzen versteht, und erzielte viele weitere große und kleine Meilensteine für die Verbesserung der Teilhabechancen.

Carl-Strehl-Plakette zeigt das Profil Carl Strehls und ist mit Geburts- und Sterbetag versehen. Sie zeigt zudem die Abkürzungen beider Einrichtungen, des VBGD (heute DVBS) und der Deutschen Blindenstudienanstalt.

Carl-Strehl-Plakette

Ehrung für Persönlichkeiten, die ganz besondere Verdienste um die Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung erworben haben

Vor rund 50 Jahren haben die blista und der DVBS gemeinsam die Carl-Strehl-Plakette gestiftet. Sie soll an den Mitbegründer beider Institutionen erinnern, der diese ein  halbes Jahrhundert lang geleitet und mitgeprägt hat. Dessen Lebenswerk nach wie vor von größter Bedeutung für die Bildung und berufliche Teilhabe von Menschen mit Sehbeeinträchtigung in Deutschland ist.

Mit der Carl-Strehl-Plakette werden Persönlichkeiten geehrt, die sich gleichfalls ganz besondere Verdienste um die Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung erworben haben. Die Auszeichnung ist mit keiner materiellen Zuwendung verbunden. "Sie soll ihren Wert vielmehr durch die sorgfältige Auswahl der zu Ehrenden erhalten ...“ (Zitat aus der  Vergabeordnung).

Ausgezeichnete Persönlichkeiten und Laudationes

  1. Prof. Dr. Bruno Schultz, Berlin, 1974, "Im Rahmen des Weltkongresses der Internationalen Föderation der Blinden wurde am 26. Juli 1974 an Herrn Prof. Bruno Schultz, Berlin, erstmals die Carl-Strehl-Plakette verliehen ..." Prof. Heinrich Scholler würdigte das Lebenswerk von Prof. Bruno Schultz, einem lebenslangen Freund Carl Strehls (s. horus 1/1975, S. 30).
  2. Dr. phil. Friedrich Mittelsten Scheid, Marburg, 1975, im Rahmen der Mitgliederversammlung der blista, Laudatio
  3. Dr. phil. Emil Freund, Marburg und
  4. Dr. jur. Gerd Bucerius, Hamburg, beide 1976 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Jubiläum von blista und DVBS), Laudationes
  5. Hans Mohl, Mainz, 1979
  6. Prof. Dr. Helmut Werner, Bonn, 1985
  7. Dr. Felix Brandt, Neuöttingen, 1990
  8. Dr. med. Fritz Georg, Bad Rothenfelde, 1991
  9. Dr. Annelise Liebe, Berlin, 1994
  10. Dr. Hans-Eugen Schulze, Karlsruhe, 2002
  11. Mieczyslaw Kozlowski, Krakau, 2005
  12. Dr. Otto Hauck, Marburg, 2013, Laudatio
  13. Bea und
  14. Jochen Fischer
  15. Pamela und
  16. Dennis Cory, Hamburg, alle 2016, im Rahmen der Mitgliederversammlung des DVBS, Laudatio
  17. Dr. Matthias Weström, Marburg, 2017, Laudatio
  18. Prof. Dr. Wolfgang Seitter, Marburg, 2019, Laudatio

 

 

 


Verleihung der Carl-Strehl-Plakette an Dr. Emil Freund und Dr. Gerd Bucerius

Laudatio von Prof. Dr. Heinrich Scholler

Aus Anlaß des 60. Gründungsfestes der Deutschen Blindenstudienanstalt und des Vereins der blinden Geistesarbeiter Deutschlands e.V., Marburg, habe ich die Ehre, Herrn Dr. Emil Freund und Herrn Dr. Gerd Bucerius, vertreten durch Herrn Dr. von Randow, die Carl-Strehl-Plakette zu überreichen.)

Sie, Herr Dr. Emil Freund, geboren am 18. Oktober 1898 in Gießen, besuchten von 1906 bis 1916 die damals noch bestehende Blindenschule in Wiesbaden. Sie studierten am Dr. Hochschen Konservatorium in Frankfurt am Main, legten die Privatmusiklehrer-Prüfung und die Prüfung für Musik an höheren Lehranstalten ab. Nachdem Sie die Begabten-Reifeprüfung bestanden hatten, studierten Sie von 1930 bis 1934 Musikwissenschaft und Literatur an der Philipps-Universität Marburg und promovierten zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den blinden Komponisten Hubert Pfeiffer. Inzwischen waren Sie am 1. Februar 1928 in den Mitarbeiterkreis Carl Strehls an der Blindenstudienanstalt  getreten. Die nun folgende, Jahrzehnte währende Arbeit auf dem Gebiete der höheren Blindenbildung in der Deutschen Blindenstudienanstalt umfaßte weitgespannte Aufgaben. Generationen von blinden Schülern haben Sie an die Musik herangeführt, ihr Verständnis geweckt und ihr Leben bereichert. Mit der Ihnen gegebenen Gründlichkeit und Beharrlichkeit legten Sie auch im Deutschunterricht ein wichtiges Fundament für das spätere Leben der Ihnen anvertrauten jungen Menschen.

Ihr zweites großes Arbeitsgebiet war die Blindenschrifttechnik, insbesondere die Stenografie. Es ist vor allem Ihnen zu verdanken, daß sie an der Carl-Strehl-Schule den ihr gebührenden Platz einnimmt. Als Sie 1964 in den Ruhestand traten, bedeutete dies keineswegs schon den Abschied von der Tätigkeit in der Carl-Strehl-Schule, vielmehr sind Sie noch lange Jahre zum Nutzen der Schüler und auch Ihrer Kollegen in der Schule tätig geblieben. Wie bei den anderen Mitarbeitern Strehls aus der frühen Zeit der Blindenstudienanstalt ist auch bei Ihnen die Tätigkeit in der Schule nur ein Teil Ihrer umfangreichen Arbeit. Lange Jahre waren Sie der Leiter des Bezirks Hessen im Verein der blinden Geistesarbeiter Deutschlands und der "Fachgruppe der blinden Musiker", Mitglied der Blindennotenschrift-Kommission und der Blindenkurzschrift-Kommission. Vor allem waren Sie Mitinitiator der deutschen Einheitsstenografie für Blinde. Mit diesem Werk, an dem Sie maßgeblich beteiligt waren, haben Sie in Ihrer zurückhaltenden Bescheidenheit ganz wesentlich dazu beigetragen, die Büroberufe in Wirtschaft und Verwaltung dem Blinden in wachsendem Maß zu erschließen. 

Nachdem Prof. Dr. Dr. Carl Strehl sich aus Altersgründen zurückgezogen hatte, folgten Sie ihm im Vorsitz der "Arbeitsgemeinschaft der Kommissionen zur Reform der deutschen Blindenkurzschrift". In einem Alter, in dem andere sich lange in den Ruhestand zurückgezogen haben, brachten Sie als Leiter der "Arbeitsgemeinschat der Kommissionen zur Reform der deutschen Blindenkurzschrift der deutschsprachigen Länder" diese schwierige Aufgabe zu einem guten Ende. Inzwischen haben Sie die Systematik der deutschen Blindenkurzschrift nach den Wiener Beschlüssen erarbeitet, die Angleichung der deutschen Einheitsstenografie durchgeführt und die Sitzungen der dazu eingesetzten Reformkommission geleitet. Die Neubearbeitung des Leitfadens der deutschen Blindenvollschrift ist Ihr Werk. Ein reiches Leben, das sich nicht darauf beschränkte, in seinem engeren Kreis zu wirken, sondern darüber hinaus für die Gesamtheit der Blinden in der Bundesrepublik Deutschland fruchtbar war. Sie, Herr Dr. Emil Freund, haben in Ihrem Leben stets mehr getan, als Sie hätten tun müssen. Sie haben sich um die höhere Blindenbildung verdient gemacht. -

Es ist kaum notwendig, Herrn Dr. Gerd Bucerius diesem Auditorium vorzustellen. Seit fast 30 Jahren ist er in Politik und Publizistik weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Er wurde am 19.5.1906 in Hamm/Westfalen geboren und studierte in Berlin, Hamburg und Freiburg Jura, promovierte zum Dr. jur. und war zunächst als Richter in Kiel und Flensburg tätig, später als Rechtsanwalt in Hamburg. Nach 1945 war er Bausenator der Freien und Hansestadt Hamburg, Mitglied des Zonenbeirats und von 1947 bis 1949 Vertreter Hamburgs im Frankfurter Wirtschaftsrat. Persönliche Unabhängigkeit bewies er besonders, als er wegen einer privaten "Volksbefragung über den Rücktritt Adenauers von der Präsidentschaftskandidatur" in Konflikt mit der CDU-Fraktion im Bundestag geriet. Er gehörte dem Deutschen Bundestag vom 14.8.1949 bis zum 21.2.1962 als Mitglied der CDU an. Am 21.2.1962 trat er aus der CDU aus und legte sein Mandat als Bundestagsabgeordneter nieder. Er ist Verleger der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" (seit 1946) und auch des "Stern" und anderer Publikationen. Er ist u.a. alleiniger und persönlich haftender Gesellschafter des "Die Zeit"-Verlags, Gerd Bucerius KG. Dr. Bucerius hat Vorsorge getroffen, daß Linie und redaktionelle Unabhängigkeit der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" erhalten bleiben, indem er die Titelrechte des Blattes der von ihm gegründeten "Zeit"-Stiftung schenkte, deren Kuratorium neben prominenten Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft auch Mitglieder der Redaktion angehören. Er hat im Jahr 1974 eine "persönliche Bilanz" eines Verlegers unter dem Titel "Der angeklagte Verleger" geschrieben und diese Schrift als "Notizen zur Freiheit der Presse" bezeichnet. In diesem glänzenden Plädoyer hat er uns sein verlegerisches Herz gezeigt. Er führt in dem Kapitel "Wozu braucht man Verleger?" etwas über das verlegerische Engagement, das auch hier von Interesse ist, aus: Die erforderlichen Risiken, um Neues durchzusetzen, könne nur durchstehen, wer sein eigenes Vermögen riskiere - dazu brauche man eben Verleger. Er hat in dieser sehr interessanten Schrift nichts von seinem Engagement für die Stern/Zeit-Blindenzeitschrift gesagt. Nur an einer Stelle läßt sich diese philanthropische Seite seiner unternehmerischen Persönlichkeit erkennen. Dort schreibt er in zweieinhalb Zeilen etwas über das Problem, wie seine Verlagsmannschaft auf Spenden und Zuwendungen reagiert: "'So verschwenden Sie unser Erbe!' sagte der heutige Chefredakteur Theo Sommer, als der Verlag einmal eine größere Spende machte. Er sagte es allerdings vergnügten Sinnes."

 Im Jahre 1965 brachten Sie, Herr Dr. von Randow, als Wissenschaftsredakteur der "Zeit" aus den USA die Idee mit, eine Blindenzeitschrift aus "Ziet" und "Stern" unter Verwendung modernen Computerdruckes herauszugeben. Eine Reihe von Persönlichkeiten machten sich um die Verwirklichung dieser Idee zur Adaptierung der Braille-Schrift verdient. Ich erwähne nur Herrn Professor Werner und seine Mitarbeiter, die Mathematiker Winfried Dost und Eigenscheit. So entstand die Stern/Zeit-Blindenzeitschrift als eine Non-Profit-Einrichtung. Der Mann, der sich diese Idee zu eigen machte und der sie bis zum heutigen Tage durchsetzte, ist Dr. Gerd Bucerius. An reinen Selbstkosten, die Gruner und Jahr extern zahlen mußten, sind in acht Jahren 1,5 Millionen DM angefallen.  Nach jahrelangen Vorbereitungen erschien im September 1968 das erste Heft in Blindenschrift. Es wurde an 1800 Bezieher ausgeliefert. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Leser und erreichte im Januar 1973 die Auflagenhöhe von 4300. Die Zahl der Leser im Ausland ist beachtlich: Es werden 510 Exemplare in 35 Ländern der Erde gelesen. Ich selbst erhielt die Zeit/Stern-Blindenzeitschrift während meiner Tätigkeit in Äthiopien an der Law Faculty der ehemaligen Haile Selassie I University. 

Wenn heute die Carl-Strehl-Plakette verliehen wird, so soll, ja so muß ein Wort über Carl Strehl fallen. Er ist den Bürgern dieser Stadt bekannt, da er - ein geborener Berliner - 1908 nach seiner Erblindung in New York nach Deutschland zurückgekehrt, hier in Marburg im Jahre 1916 den VBGD und die Blindenstudienanstalt gegründet hat. Dieser Gründung, deren 60. Wiederkehr wir hier heute feiern, ging im gleichen Jahre eine Konferenz in Leipzig voraus, zu welcher Carl Strehl Spezialisten geladen hatte, um eine Wissenschaftsschrift für Blinde, das heißt eine Mathematik-, Physik- und Chemieschrift einschließlich eines Entwurfes von Braille-Alphabeten für das Griechische und Hebräische zu schaffen. So entstanden die Wissenschaftsschrift in Braille und damit das wissenschaftliche Buch zu Beginn der beiden Einrichtungen, des Vereins der blinden Geistesarbeiter und der Deutschen Blindenstudienanstalt. Somit knüpfte Carl Strehl an die Bemühungen von Louis Braille an, der im Jahre 1809 geboren und im Alter von 16 Jahren aus der militärischen Nachtschrift Barbiers die Blindenschrift in allen Grundzügen entwickelte und später ein Leben lang daran arbeitete, um sie bis zur Vollendung zu bringen. Aber alles Geistige wächst und ist nie vollendet. Das gilt für die Schrift im allgemeinen, das gilt auch für die Schrift der Blinden. Indem Carl Strehl einen Stein dem großen Gebäude der Schrift der Blinden hinzufügte, wurde er Wegbereiter für die höhere Blindenbildung und reihte sich ein in die Schar derer, die dem Menschen - dem blinden Menschen - die Schrift geschaffen haben.

Dies gilt auch für die beiden Persönlichkeiten, welchen ich heute die Carl-Strehl-Plakette überreichen darf. Die Plakette, die das Profil Carl Strehls trägt und mit dem Geburts- und Sterbetag versehen ist, zeigt die Abkürzungen beider Einrichtungen, die vor 60 Jahren ins Leben gerufen wurden, des VBGD und der Deutschen Blindenstudienanstalt, DBSTA. In den Verleihungsurkunden, die ich mit den beiden Plaketten Ihnen überreichen darf, ist folgender Text zu lesen:

"In Anerkennung seiner besonderen Verdienste und seines persönlichen Einsatzes für die höhere Blindenbildung durch Weiterentwicklung der Blindenschrift verleihen die Deutsche Blindensttudienanstalt und der Verein der blinden Geistesarbeiter Deutschlands Herrn Dr. Emil Freund die Carl-Strehl-Plakette."

Und, indem ich mich nun an Sie wende, sehr geehrter Herr von Randow, der Sie für Dr. Bucerius erschienen sind, möchte ich ebenfalls die Urkunde verlesen:

"In Anerkennung seiner besonderen Verdienste und seines persönlichen Einsatzes für die höhere Blindenbildung, insbesondere auf dem Gebiet des automatisierten Punktdruckes, verleihen der Verein der blinden Geistesarbeiter Deutschlands und die Deutsche Blindenstudienanstalt Herrn Dr. Gerd Bucerius die Carl-Strehl-Plakette."

Eine gemeinsame Idee verbindet hier beide Persönlichkeiten, die meines früheren Lehrers an der Carl-Strehl-Schule, Dr. Emil Freund, wie die des anderen Preisträgers, den zu würdigen ich heute die Ehre habe, Dr. Gerd Bucerius; die Idee nämlich: der Hilfe für Blinde durch die Schrift und durch das geschriebene und gedruckte Wort. Dr. Bucerius hat einmal auf den Einfall hingewiesen, die Punktschrift durch automatisierten Computerdruck unmittelbar von Lochstreifen drucken zu lassen und mit großem persönlichen und finanziellen Einsatz diese Idee gefördert. Darf ich solche Persönlichkeiten, die gleichsam jede auf ihre Weise an der Weiterentwicklung eines komplizierten und differenzierten Instrumentariums zur Wiedergabe geistiger Gehalte in Punktschrift gearbeitet haben, durch einen Rückgriff auf das 2. Buch Mose würdigen. Dort heißt es in der lutherischen Übersetzung über Moses: "Und er war alda bey dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nacht // und ass kein Brot // und tranck kein Wasser. Und er schreib auff die Tafeln solchen Bund / die zehen Wort."

Das, was Dr. Bucerius und Dr. Freund teils durch Einsatz geistiger, teils mehr durch Einsatz unternehmerischer Persönlichkeit auf dem Gebiet der Schriftgebung und Übertragung für Blinde getan haben, läßt sich vergleichen mit Vorgängen, die in der Geschichte der Menschheit "die Konkretisierung des Geistigen in Dingbildnern" genannt wurde. Thomas Mann hat in seiner Erzählung "Das Gesetz" diesen Vorgang der Schriftgebung, den wir soeben mit den kargen Worten der Bibel gehört haben, gültig und damit auch für uns passend ins Literarische transponiert, verdichtet und so verdeutlicht:  "Ein Gotteseinfall. Eine Idee mit Hörnern. Sie sah demjenigen ähnlich, von dem sie kam, dem Unsichtbaren und Geistigen, dessen die Welt war, und der, ... der Herr auf Erden war allenthalben."

So haben beide Preisträger mitgeholfen, einer Idee Konkretheit und den Worten abstrakte "Dingbildlichkeit" zu verleihen, so daß sie von Nichtsehenden erfaßt, erlernt, ertastet werden können. Und noch einmal lassen Sie mich Thomas Mann zitieren, der nun die harte Arbeit des Moses beschreibt, mit welcher er auf die steinernen Tafeln Buchstaben zauberte. Denn von dem Gotteseinfall, von dieser "Idee mit Hörnern", von der Thomas Mann spricht, bis hin zur Konkretisierung, zum Lesbaren, zum wissenschaftlichen Buch, zur Chemieformel in Blindenschrift, zur Stenografie und zum computergerechten Blindenschriftsystem ist ein weiter Weg. Thomas Mann beschreibt ihn für alle gültig, die an diesem Prozeß der Schriftgebung mitgewirkt haben:  "Mose aber saß vom Aufgang des Tageslichtes über Edom bis zu seinem Erlöschen hinter der Wüste und werkte. Man muß ihn sich vorstellen, wie er dort oben saß, mit bloßem Oberleib, die Brust mit Haaren bewachsen und von sehr starken Armen, die er wohl von seinem mißbrauchten Vater hatte, mit seinen weitstehenden Augen, der eingeschlagenen Nase, dem geteilten, ergrauenden Bart, und, an einem Fladen kauend, zuweilen auch hustend von den Metalldämpfen des Berges, im Schweiße seines Angesichtes die Tafeln behaute, abmeißelte, glattscheuerte, wie er vor den an die Felswand Gelehnten und sorglich im kleinen schuftend seine Krähenfüße, diese alles vermögenden Runen in die Flächen einsenkte, nachdem er sie mit dem Stichel vorgezeichnet. Er stichelte, meißelte und spachtelte in dem splittrigen Stein der Tafeln, die er mühsam zuerst gemacht, und mit deren Erstellung diejenige der Buchstaben schon Hand in Hand gegangen war ..."

Seit den hier beschriebenen Erfindungen und Verbesserungen schreiben und lesen Blinde in einer sich ständig verbessernden Schrift Mathematik und Chemie, Physik und Astronomie sowie Musik. Sie handhaben dabei Vollschrift, Kurzschrift und Stenografie. Sie können dank der computergerechten modernen Blindenkurzschriftübertragung an allen politischen, kulturellen und sozialen Ereignissen schnell und unmittelbar teilnehmen. Sie können die Artikel von "Stern" und "Zeit" in 35 Ländern in Blindenschrift lesen und sind dadurch nicht isoliert, sondern Teil einer sich rasch wandelnden Gesellschaft. Beide Preisträger haben jeweils auf ihre Weise dazu beigetragen durch die Schrift, das zentrale Merkmal der Blindheit zu beseitigen, das in einem Defizit an Information besteht. Deshalb darf ich Ihnen, Herr Dr. Freund, und Ihnen, Herr Dr. von Randow als Vertreter von Herrn Dr. Gerd Bucerius, beiden die Carl-Strehl-Plakette überreichen und Sie bitten, die Auszeichnung anzunehmen.

Quelle: Marburger Beiträge zum Blindenbildungswesen (1976), H. 5 Teil 2, S. 483 - 493