Buchtipps

Buchcover „Helen Keller - Martha, Helen und der Weg aus der Dunkelheit“. Auf dem dunklen Buchcover stehen unter dem Schwarzschrift-Titel die Namen Helen und Martha in Braille. Darunter sind zwei Frauen – eine mit weißer, eine mit schwarzer Haut.

Helen Keller - Martha, Helen und der Weg aus der Dunkelheit 

In dem Jugendbuch "Martha, Helen und der Weg aus der Dunkelheit" erzählt die Autorin Dagmar Petrick die Geschichte der taubblinden Helen Keller aus der Perspektive von Martha, einem 10-jährigen schwarzen Mädchen, das bei den Kellers lebt und arbeitet und im Buch als fiktive Ich-Erzählerin fungiert. 

Wir schreiben 1887. In Alabama ist die Sklaverei offiziell schon vor über zwei Jahrzehnten abgeschafft worden, doch für die meisten Schwarzen hat sich nicht viel geändert. Mit ihren sechs Jahren ahnt Helen von diesen Widersprüchen allerdings noch nichts. Helen wächst „sorglos“ und behütet in einer wohlhabenden weißen Oberschichtsfamilie auf. Ihr Vater hatte es im verlorenen Bürgerkrieg bis zum Rang eines Südstaatengenerals gebracht. Aber auf der Farm führt nicht er das Kommando, sondern Helen, die im Alter von drei Jahren durch eine Erkrankung Augenlicht und Gehörsinn verloren hat. Ihre Ausraster und Wutanfälle sind legendär. Keiner kann bzw. will sie stoppen! Marthas Aufgabe ist es, Helen vor Verletzungen zu schützen, wenn sie wieder einmal das Geschirr auf dem Esstisch zu Kleinholz verarbeitet, weil ihr irgendetwas nicht gepasst hat. Aber wie soll Martha sich mit einer taubblinden Person verständigen, herausfinden, was ihr fehlt, ihr auf angemessene Weise zeigen, wie sie sich zu verhalten hat? Helen ist willensstark, durchsetzungsfähig, hochintelligent und unerschrocken - ein kleiner Wildfang, der die gesamte Familie terrorisiert. Abhilfe muss her, denn Helen würde nicht immer so klein und süß bleiben. Rettung naht. Aus Boston reist die 21-jährige sehbehinderte Anne Sullivan an, die Helen fortan als Lehrerin unterrichten soll. Anne Sullivan nimmt ihre Aufgabe vom ersten Tag an ernst. Es soll für sie nicht nur ein Kampf mit der widerspenstigen Helen werden, sondern auch ein Kampf mit den Mitgliedern der Familie Keller, die sich nicht mit allen ihren Erziehungs- und Unterrichtsmethoden einverstanden zeigen. Allerdings hat auch Anne Sullivan einen Sturkopf, so wie Helen. Sie weiß um das Potential, das in Helen steckt. „Ihr Kopf ist voller Gedanken, die ins Freie wollen“, flüstert Miss Annie. „Aber wenn Helen nicht versteht, dass die Wörter, die ich ihr in die Hand drücke, die Dinge bedeuten, die sie anfasst, bleibt es dunkel in ihr, und niemand wird jemals erfahren, was sie bewegt, niemals, nie. Man kann ihr nur helfen, laufen muss sie alleine.“ 

Der Weg eines Mädchens aus der Dunkelheit und Sprachlosigkeit zur Sprecherin einer weltweiten Bewegung. Helen Keller und Anne Sullivan – zwei Frauen gegen den Rest der Welt. Das ist immer ein Stoff für ein gutes (Jugend)buch.
„Martha, Helen und der Weg aus der Dunkelheit“ von Dagmar Petrick ist als DAISY-Hörbuch in der DBH ausleihbar und kann in der kostenlosen Leselust-App heruntergeladen werden. Infos unter https:/katalog.blista.de 

Weitere Bücher von bzw. über Helen Keller: Teacher von Helen Keller (blista news 3/2018) 
Helen Keller, Anne Sullivan – Öffne mir das Tor zur Welt! von Helen E. Waite 
Sprechende Hände – Die Geschichte von Helen Keller von Joseph Lambert/ Graphic Novel (blista news 3/2015) 

•	Buchcover „Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt“. Auf dem in dunklen Tönen gestalteten Buchcover sieht man drei dunkle, kaum erkennbare Fotos um ein Blindenzeichen (drei Punkte auf gelben Grund) arrangiert.

Kurzgeschichten - Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt 

Abenteuerliche Anekdoten blind erlebt - so heißt der Sammelband herausgegeben von Dieter Kleffner, mit Kurzgeschichten 20 sehbehinderter und blinder Autor*innen mit witzigen, nachdenklich stimmenden und zuweilen auch nicht ganz ungefährlichen Episoden aus dem Leben dieser Autor*innen. Ein blinder Mann lässt sich von seinem Bekannten nach Hause fahren, der so wenig sieht, dass er weder Straßenschilder erkennt noch in der Lage ist, das Navi zu programmieren, da er seine Brille vergessen hatte. Eine Frau turtelt mit einem Fremden, in der Annahme, es handele sich um ihren Ehemann. Alles keine Fiktion, sondern tatsächlich blind erlebt. Hier werden nicht selten eher banale Alltagssituationen aufgrund einer Seheinschränkung zum Abenteuer. Das kann als Stoff ganz unterhaltsam sein. Jetzt kommt das „Aber“: das Entscheidende, was eine gute Geschichte ausmacht, ist nicht das, was man erlebt hat, sondern wie man das Erlebte später erzählt und da sitzt leider nicht jede Pointe. Eine gute Idee, aus der mehr herauszuholen wäre. 

•	Buchcover Marianne Schuber. Auf hellblauem Hintergrund ist in der Mitte ein Foto der Jubilarin zu sehen.

Starke Frauen 

Und noch ein Sammelband mit Anekdoten und Erinnerungen aus Anlass des 80. Geburtstags von Marianne Schuber, der Gründerin der ersten Realschule für sehbehinderte Schüler*innen in Bayern Mitte der 1970er Jahre in Augsburg. Nach dem Umzug der Schule in den 1980er Jahren nach München firmiert sie unter dem Namen SBZ Unterschleißheim. Herausgegeben wurde der Sammelband mit dem langen Titel "Von den Anfängen der Realschule für Sehbehinderte in Augsburg bis zur Gegenwart von einer ehemaligen Schülerin des SBZ", Sonja Abend. Mit dem Titel ist schon fast alles gesagt. Ehemalige Schüler*innen, Lehrkräfte und Angestellte blicken auf die Gründerjahre der Realschule zurück und führen uns langsam in die Gegenwart bis ins Jahr 2013, dem Jahr, aus dem dieser Band stammt. Regelmäßig im Fokus: das Wirken von Marianne Schuber, Leiterin und auch Lehrerin in der neuen Realschule. Besonders anregend für mich als blista-Internatsmitarbeiter waren vor allem die Berichte aus den Anfängen der Schule. Aller Anfang ist ja bekanntlich immer schwer, aber vor allem auch spannend. Man durfte nicht nur improvisieren, sondern musste es auch, die Bürokratisierung der Abläufe war noch nicht ins Endstadium eingetreten, Technik und Digitalisierung steckten teils noch in den Kinderschuhen oder waren zu teuer. Handarbeit und Kreativität bei der Aufarbeitung von Unterrichtsmaterialien war gefragt. Es war noch nicht alles geregelt, es existierte noch nicht für alles irgendwo eine Vorschrift bzw. jemand, der überprüfte, ob sie auch eingehalten wurde. Die Beiträge über die Anfangszeit in Augsburg fand ich persönlich am lebendigsten und interessantesten zu lesen. Kein Buch für ein Massenpublikum – man sollte schon irgendeinen Bezug zum Thema für sich herstellen können. Mit etwas Glück findet man im Internet noch das eine oder andere Exemplar. 

•	Buchcover 100 Jahre Blindheit: Titel und Autor in Großbuchstaben auf einem dunkeln Himmel mit Farbverlauf von schwarz über grün zu orange, am äußeren unteren Rand lassen sich Häuser und Bäume erahnen.

Hundert Jahre Blindheit – Roman Rozina 

Am 24. Mai 1900 hängen bedrohlich dunkle Wolken über dem slowenischen Bergdorf Podgorje. Ignacij Knap, in der 3. Generation Besitzer des größten Gutshofes im Dorf, liegt schlaflos in seinem Bett. Überall unter seinen Äckern und Weiden öffnet sich die Erde und verschlingt das Land. Das gesamte Dorf droht ins Tal abzurutschen. Die Manager des Kohlebergwerks im Tal behaupten, dies sei Geologie und schon immer so gewesen, die Erde bewege sich eben. Die Bewohner*innen des Dorfes geben dem Stollensystem des Bergwerkes die Schuld. Das Bergwerk frisst das Dorf, sagen sie. Ignacij hat seinem Vater geschworen, den Hof niemals ans Bergwerk zu verkaufen. Doch in dieser Nacht des 24. Mai, als sein fünftes Kind, der blinde Junge Matija, geboren wird, rutscht das halbe Dorf samt Kirche endgültig Richtung Tal. An ein Weiter-machen-wie-bisher ist nicht mehr zu denken. 
„Hundert Jahre Blindheit" erzählt die Geschichte einer slowenischen Bauernfamilie, die im Zuge der Industrialisierung zu einer Arbeiterfamilie mutiert. Nicht nur in Slowenien ist das 20. Jahrhundert eine Zeit epochaler Umbrüche, mit zwei Weltkriegen, Kaiserreich, Faschismus, Sozialismus und bürgerlicher Demokratie. Mitten drin die Familie Knap. Wenigen Mitgliedern der Familie wird es vergönnt sein, eines natürlichen Todes zu sterben, dazu sind die Zeiten einfach zu brutal und turbulent. Und da ist auch noch Matija Knap, der blinde Zeitreisende, der Berichterstatter. „Er, Matija, bestimmt nicht den Gang der Dinge, er bestimmt nicht einmal die Richtung seines Lebens, er ist die ganze Zeit nur irgendwie dabei.“ Ein blinder Charakter, von Roman Rozina liebevoll, zurückhaltend und genau beobachtend gezeichnet. In seinem langen Leben verfolgt er, wie seine Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen und Tanten träumen und kämpfen. Wie sie versuchen, den Lauf der Welt aus ihrer Sicht zum Positiven zu beeinflussen. Er nimmt Teil an ihren Träumen, sieht, wie sie scheitern, zerbrechen oder sich einfach geschlagen geben. Aber immer wieder wird eine neue Generation von Weltverbesserern in die Familie hineingeboren, die gesellschaftliche Umbrüche für Veränderungen zu nutzen versuchen, sich abstrampeln, bis auch bei ihnen die Energie zum Widerstand schwindet. Ihr steter Kampf, ihre kleinen Siege, ihre großen Niederlagen leben noch kurz in der Erinnerung der anderen fort, bis die neuen Sieger beginnen, die Geschichte umschreiben, um sie für immer aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen. For all we are is dust in the wind. Einer der besseren Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe.