blista-OsterCamp

Von Berggämsen, Pferdenarren und anderen Bühnentieren

Das dritte blista-Ostercamp „Rund ums Pferd, mit viel Theater“

Thorsten Büchner * - „Ich werde jeden Moment in dieser Woche genießen”, stellte der 14jährige Jonas gleich zu Beginn des dritten blista-Ostercamps fest. Jonas war einer von insgesamt acht blinden und sehbehinderten Kindern, die vom Palmsonntag bis zum Karfreitag in Marburg eine Woche voller Aktivitäten rund ums Pferd, mit viel Theater erleben sollten. Der sehbehinderte Jonas und die zehnjährige blinde Lena waren bereits zum zweiten Mal mit von der Partie, für die übrigen sechs Ostercamper war es eine echte Premiere.

Die Gruppe der Ostercamper 2017
Hoch auf dem Pferd - ein Ostercamper reitet auf einem braunen Wallach

Untergebracht waren die Kids in einer blista-Wohngruppe Am Schlag, wo sie von insgesamt sechs Betreuerinnen und Betreuern begleitet und unterstützt wurden. So mancher Abend endete in dieser Woche in Chipskrümeln, die zu den vielen Partys dazugehörten, die die acht Ostercamper – trotz des dicht gedrängten Tagesprogramms – nahezu jeden Abend in der WG und dem dazuge­hörenden Toberaum veranstalteten. Viel Zeit zum Klönen, Quasseln und Quatsch machen inklusive.

Die Vormittage standen ganz im Zeichen des Reitens und der Pferde. Im blista-eigenen Reitstall lernten die Acht, von denen die meisten schon Vorerfahrungen mit Pferden hatten, alles was zum Reiten dazugehört. Striegeln, Bürsten, die Anatomie des Pferdes und wie lästig doch die Hinterlassenschaften der geliebten Tiere, die Pferdeäpfel, sein können. Es wurde voltigiert, an der Longe geritten und viel Zeit mit den großen Tieren verbracht. Dabei teilten sich zwei Kinder jeweils ein Pferd, das sie die gesamte Woche über ritten. Jeder hatte seinen „Liebling“ und beim täglichen Mittagessen in der blista-­Caféteria flogen die Schwärmereien über Emilion, Silver und Komet nur so durch den Raum. Nur unterbrochen von Peter Wiersbin, Küchenchef der blista, der sich während jedem Mittagessen kurz zu den Kids gesellte, um sich zu erkundigen, ob die zubereiteten Mahlzeiten auf Wohlgefallen treffen. Dabei fand er sich so manches Mal in Diskussionen über Gemüse wieder, das nach Auffassung mancher Kids eine etwas zu prominente Rolle auf dem Speiseplan spielen würde. Mit seiner humorvollen norddeutschen Art gewann Wiersbin jedes Mal die Sympathien der Camper und so gingen sie gesättigt in die wohlverdiente Mittagspause.

2 Schüler stehen auf einem Podest im Kletterwald
8 vergnügte Ostercamper beim gemeinsamen Frühstück

Nach der Erholungsphase in der WG war dann Theaterzeit. An drei Nachmittagen bewegten, spielten und improvisierten die acht Campteilnehmer was das Zeug hielt. Dabei standen immer ihre jeweiligen Lieblingsgeschichten, egal ob aus Film oder Buch, im Mittelpunkt. So wurden Szenen aus „Harry Potter“, „Star Wars“, „König Drosselbart“ und dem „Froschkönig“ eingeübt und ausprobiert. Um sich und die Gedanken aufzulockern, wurde zu Beginn jedes Theaternachmittags zu mitgebrachter Lieblingsmusik getanzt, die von Marc Forster, Avici bis zu Helene Fischer reichte. Jedes Mal, wenn die Musik verstummte, mussten die acht Schauspieler „einfrieren“ und durften sich keinen Deut mehr bewegen, mitunter eine schwierige Aufgabe, wenn man gerade wild durch die Gegend gehüpft ist. Um das schauspielerische Ausdrucksvermögen zu steigern, gab es beispielsweise die Aufgabe, in einer bestimmten Gefühlsregung, etwa „ärgerlich“, durch den Raum zu gehen, um so verschiedene Gefühlszustände körperlich auszudrücken. Das Improvisieren wurde mit „Ein-Wort-Geschichten“ geschärft, bei der jeder Mitspieler nur ein einziges Wort sagen darf und man so – reihum – gemeinsam eine möglichst sinnvolle Geschichte zusammenbauen muss.

Wie im vergangenen Jahr leitete auch 2017 die Gießener Theaterpädagogin und Schauspielerin Magdalena Kaim die Theaterworkshops, dieses Mal gemeinsam mit Esther Helms, einer frisch gebackenen Abiturientin, die im Jugendclub des „Hessischen Landestheater Marburg“ bereits mehrfach schauspielerisch mitgewirkt hat. Unterstützt wurden sie von Thorsten Büchner und Monika Saßmannshausen, in deren bewährten Händen auch dieses Mal die Gesamtorganisation des Ostercamps lag.

Donnerstags ging es – anstatt ein viertes Mal auf die Theaterbühne – im Marburger Stadtteil Wehrshausen „hoch hinaus“. Der dortige Kletterwald wartete mit vielfältigen Herausforderungen. Dieses Mal spielte sogar das Wetter mit und die Klettereien konnten ohne den Regen des vergangenen Jahres in Angriff genommen werden. So manche der Kids hatten „ziemlichen Schiss“, aber alle haben sich überwunden und sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten geklettert und haben sich über Hindernisse entlang gehangelt. Für alle war es ein echtes Erfolgserlebnis. Die zwölfjährige blinde Anna, die zunächst große Angst vorm Klettern hatte, war genauso stolz, es geschafft zu haben, wie die ebenfalls blinde Leonie, die auch durchaus Respekt vor der Kletteraufgabe hatte, sich aber allen Aufgaben mutig stellte. Die „zweite“ Leonie, der Einfachheit halber während des Ostercamps schlicht Leo genannt, bewegte sich wie eine Berggämse, turnte durch die Bäume, sprang hin und her. Die sehbehinderte Zehnjährige war genau in ihrem Element.

Zufrieden und glücklich kamen die Kids abends wieder in ihrer Wohngruppe an, wo die letzte Party der Woche auf sie wartete, bevor es dann am Karfreitag schon wieder in Richtung Zuhause ging. Aber kein blista-Ostercamp wäre komplett, wenn es nicht am Abreisetag die kleine Vorführung für die Eltern, Großeltern und Geschwister geben würde. Schließlich wollten alle Kids unbedingt ihre Geschichten, ihre ­erarbeiteten Szenen, die sie während der drei Theaternachmittage geübt und ausgetüftelt hatten, ihren Lieben vorspielen.

Gegen 11 Uhr füllten sich die Besucherplätze, die Gespräche verstummten allmählich und dann legten sie los. Zaubersprüche und Flüche aus „Harry Potter und der Feuerkelch“ wirbelten durch die Luft, der zehnjährige blinde Milo überzeugte im Lichtschwertkampf aus „Star Wars“ und die quirlige Amélie konnte als quakender, aber fordernder Frosch aus „Froschkönig“ überzeugen, während Frida mit einer selbst erdachten Szene aus „Harry Potter“ ihre Kreativität unter Beweis stellte.

Lang anhaltender Applaus, stolze Eltern und zufriedene Schauspielerinnen und Schauspieler waren ein gelungener Schlusspunkt einer intensiven, unbeschwerten Woche „Rund ums Pferd, mit viel Theater“.
Das am Anfang der Woche noch vorgekommene Heimweh war schnell vergessen. Die meisten Kids wollen auch beim nächsten Mal wieder mit dabei sein. Nur der 14jährige Jonas wird wohl nicht mehr teilnehmen. „Nächstes Jahr bin ich ja leider schon zu alt, deswegen habe ich jeden Augenblick genossen.“, bestätigte er seinen Vorsatz vom Beginn des Camps.
Auch im Jahr 2017 wurde das blista-Ostercamp aus Mitteln der „Aktion Mensch“ gefördert und unterstützt.

[* Öffentlichkeitsarbeit, Fotos: Isabell Schlösser]