„Und hier vorne links ist mein Spind“

Zwei Beinpaare laufen einen Weg entlang, davor zwei Langstöcke.  Zwei Menschen sitzen an einem Tisch, eine Person schneidet einen Apfel, die andere Person gestikuliert mit den Händen.  Eine Kinderhand liest auf einem bogen Paper Punktschrift.

Eindrücke vom Angehörigentag in der BtG 

Isabella Brawata | ​ Schon einige Wochen vorher herrschte in der Blindentechnischen Grundrehabilitation freudige Erwartung. „Meine Großeltern kommen! Von meinem Opa hab ich euch ja schon viel erzählt. Von ihm habe ich die ganzen coolen Sprüche gelernt.“ „Meine Oma kommt auch und meine Eltern und mein Bruder!“ „Meine Schwester kommt! Und meine drei Nichten! Meine jüngste Nichte ist jetzt eineinhalb! Und die beiden Älteren sind dreizehn und vierzehn.“ „Meine Mutter kommt mit. Sie ist mittlerweile 85 Jahre alt, aber dieses Event möchte sie sich nicht entgehen lassen. Und meine Lebensgefährtin wird auch dabei sein sowie eine Freundin und ein Freund von mir.“ „Ich bringe meine Kinder mit. Sie sind aber schon erwachsen. Meinen Sohn und meine Tochter und auch meine Frau.“ „Dann lernt meine Familie Sie endlich mal kennen“, sagten die Rehabilitand* innen zu den Lehrkräften, „Ich habe schon so viel von Ihnen erzählt. Meine Familie ist schon ganz gespannt!“

Am Vortag mussten Getränke, Stühle und Tische geschleppt werden, denn die unteren Unterrichtsräume verwandelten sich dank zupackender Hände in Aufenthaltsräume. Im oberen Stockwerk wurden die Unterrichtsräume vorbereitet. Die PCs wurden upgedatet, in die auf die Tische beförderten Punktschriftmaschinen wurden Blätter gespannt, die Turnhalle wurde zurechtgemacht und auch in den RES-Küchen wurde alles für das große Event vorbereitet. Außerdem wurde für alle an der Veranstaltung teilnehmenden Angehörigen ein Arbeitsplan erstellt.

Und dann, am Samstag, den 21. März, war der große Tag endlich da. Die Angehörigen wurden einzeln begrüßt, bekamen ein kleines Begrüßungsgeschenk der Öffentlichkeitsarbeit (schön geschmückte blista-Taschen mit Schreibschablonen) und einen eigens für jede Person erstellten Arbeitsplan.

Und dann ging es los. In LPF (Lebenspraktische Fähigkeiten) erfuhren die Angehörigen, wie ungewohnt es ist, ganz alltägliche Verrichtungen wie sich ein Getränk einzuschenken oder ein Brötchen nicht-sehend zu schmieren, also unter der Augenbinde, durchzuführen. Sie ließen sich blind auf den weißen Langstock ein und erfuhren so, was innere und äußere Leitlinien sind und wie man Untergrundveränderungen oder Unterschiede in der Akustik zur Orientierung nutzen kann. Von den Punktschriftlehrerinnen erhielten sie Braille-Alphabete und durften mit den Augen Texte in Punktschrift lesen und auf der Punktschriftmaschine Wörter schreiben sowie unter der Augenbinde Wörter erfühlen und die Anzahl und Anordnung der Punkte ertasten. An den PC-Arbeitsplätzen vermittelten die IKT-Fachkräfte den Angehörigen, wie man einen Computer ohne Maus mit Kurztastenbefehlen bedienen kann und wie es ist, mit Sprachausgabe zu arbeiten.

In der Bewegungsförderung konnten die Angehörigen ausprobieren, wie sich die Körperwahrnehmung verändert, wenn durch die Augenbinden der Sehsinn wegfällt. Wie ist es, frei durch den Raum zu laufen? Wie fühlt es sich an, auf einer Bank zu balancieren?

Während die Angehörigen Eindrücke von den Unterrichtsfächern in der BtG sammelten, konnten es sich die Rehabilitand* innen bei Brötchen und Kuchen von der blista-Küche gutgehen lassen.

Und hier noch einige Impressionen von den Fachkräften:

„Den Angehörigen hat der Tag gut gefallen, weil sie sich nun besser vorstellen können, was die Familienmitglieder in der BtG lernen und sie sich leichter in ihre Situation versetzen können.“

„In der Bewegungsförderung waren die Jüngeren eher abwartend und zurückhaltend, während die Älteren sich voller Neugier auf alle Bewegungsübungen eingelassen hatten. Besonders süß war unsere ganz kleine Angehörige, die mit ihren eineinhalb Jahren munter mitspielte.“

„Ich finde es rührend, mit welchem Stolz die Rehabilitand*innen ihren Angehörigen die BtG vorstellten. „Schau mal, Opa, hier, vorne Links, da habe ich meinen Spint“, hörte ich einen Teilnehmer berichten. „Punktschrift ist schwerer als ich gedacht habe“, erzählte eine Angehörige, „Aber wenn man mit einem ganzheitlichen Ansatz da rangeht, kommt man weiter.“ Und sie hat recht, denn sie hat als Erste unter der Augenbinde die Wörter „Louis Braille“ erraten.

Im nächsten Jahr soll es wieder einen Angehörigentag geben, dann für die neuen Teilnehmenden der BtG.