Zeitenwende – vom Leben nach der blista
von Lara Reiser, Abitur 2014
Mein Weg in die Psychologie und Psychotherapie
Hallo,
ich heiße Lara und ich bin Psychologin mit einer Leidenschaft für Forschung, Lehre und Psychotherapie. Ich bin ehrgeizig, neugierig und liebe Herausforderungen. Seien es welche, die ich als von Geburt an vollblinde Frau mit eher rudimentärem Orientierungssinn oder solche, die ich durch meine Promotion zum Thema Stress sowie in meiner Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie erlebe. Mein Leben ist ein Mix aus spannenden Studienphasen, interessanten Forschungsprojekten, der intensiven Arbeit mit meinen Patient*innen, einem aktiven sowie abenteuerlichen Privatleben mit bereits dem zweiten Blindenführhund und meinen beiden Katzen. Meine Tage sind gefüllt mit spannenden Diskursen, Seminaren, Hundehaaren, Katzenpfoten, gemeinsamen Erlebnissen mit Freunden – und natürlich einer guten Portion, meist schwarzem, Humor.
Kamerun
2014 – das war das Jahr, in dem „Happy“ von Pharrell Williams aus jedem zweiten Lautsprecher schallte – und ich mein Abitur endlich in der Tasche hatte. Nach neun Jahren an der blista dachte ich: Jetzt erst mal etwas anderes sehen als Schulflure, Laptops, Gallus Bretter und den Vertretungsplan. Also ging’s für ein Jahr nach Bafoussam, eine der größten Städte in Kamerun. Dort arbeitete ich im Rahmen des Weltwärts Freiwilligendienstes an einer integrativen Grundschule, dem CISPAM. Hier wurden die blinden und sehbehinderten Schüler*innen des Internats gemeinsam mit sehenden Kindern aus den umliegenden Stadtvierteln unterrichtet, während die schon etwas älteren Internatsschüler* innen mit dem Bus in das örtliche Lycée (Gymnasium) gefahren wurden. Unsere Einrichtung stellte den älteren sehbehinderten Schüler*innen die Unterlagen bereit, die sie zum Arbeiten an der Regelschule brauchten. Zum Beispiel übertrugen wir für sie die Schwarzschriftarbeitsblätter aus dem Lycée in Punktschrift. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, den älteren Grundschüler*innen Nachhilfe in Deutsch und Englisch zu geben sowie den Erst- und Zweitklässler*innen die Punktschrift beizubringen und nachmittags ein Animationsprogramm für die Kleinen auf die Beine zu stellen – spielen, lachen und jede Menge Quatsch zu machen. Mein Schulfranzösisch war mir dabei anfangs nur wenig hilfreich, da ich den dortigen Dialekt überhaupt nicht verstanden habe. Ich wohnte in diesem Jahr nahe der Schule in einer WG mit einer Kamerunerin und einer anderen Freiwilligen. Endlich konnte ich die unter anderem in der blista erworbenen Fähigkeiten im Haushalt und im Zusammenleben zum ersten Mal in freier Wildbahn ausprobieren.
In meiner Freizeit reiste ich mit Vorliebe durchs Land – entweder mit Freund*innen oder auch gerne alleine, um Bekannte zu besuchen oder die kamerunische Kultur besser kennenzulernen. Als erste blinde Freiwillige, die dort arbeitete, war das für mich eine enorme Herausforderung – nicht zuletzt, weil es in unserem Viertel keine befestigten Wege gab und mein Orientierungssinn, gelinde gesagt, unterirdisch ist. Schon in Deutschland hat er, trotz einer ausgebauten Infrastruktur mit Leitsystemen und Blindenampeln, unfreiwillig für den einen oder anderen Stadtrundgang gesorgt. Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis – zumindest dann, wenn man sich dunkel daran erinnern kann, an welcher Stelle man falsch abgebogen ist!
Mein akustischer Orientierungspunkt auf dem Weg zur Schule war in Bafoussam ein Schweinestall, in dem es ausdauernd grunzte und in dessen Richtung ich jeden Morgen zum Schultor lief. Doch eines Tages wurde das Schwein geschlachtet. Ohne meinen einzigen Marker purzelte ich prompt in einen Abwassergraben. Da es vor Ort nur kaltes Wasser in einem Eimer zum Waschen gab, bleibt dieses Erlebnis für mich bis heute auf mehreren Ebenen unvergesslich.
Es zeigt aber gut, wie sehr ich lernen musste, neue Wege zu finden, buchstäblich und im übertragenen Sinn. Doch genau das machte Kamerun für mich so besonders: Ich kam überall mit Menschen ins Gespräch, knüpfte Freundschaften und lernte, mich auch in ungewohnten Situationen komplett zur Idiotin zu machen. So fielen mir die Übungen im „Shame Attacking“ in den Selbsterfahrungseinheiten meiner späteren Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie gar nicht mal so schwer.
Begleitet wurde ich in meiner Zeit in Kamerun von meinem Kater Arachide (Erdnuss), den unsere dortige Katze geboren hatte. Ich nahm Arachide unter meine Fittiche, weil unser Nachbar Katzen leider als netten kleinen Zwischensnack betrachtete. Trotz Hürden wie Tollwut-Impfung, EU-zertifiziertem Titer-Test, aus Deutschland importiertem und selbst subkutan implantiertem Mikrochip sowie einem engen Transport in einer winzigen Box brachte ich Arachide mit nach Deutschland – ein moralisch zwar etwas fragwürdiges, aber trotzdem schönes Souvenir meiner turbulenten Zeit in Kamerun.
Zurück in Deutschland – Bachelor in Psychologie
Nach diesem intensiven Auslandsjahr war klar: Ich möchte weiter mit Menschen arbeiten. Am besten auf eine Weise, bei der Zuhören, Verstehen und ein bisschen Gehirnakrobatik zusammenkommen – also: Psychologie.
Im Oktober 2015 begann ich also mein Bachelorstudium in Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – ein Schritt, der mich vom aufregenden Alltag in einer vollkommen anderen Kultur in eine spannende Wissenschaftswelt katapultierte und so einige Herausforderungen mit sich brachte, wie meine erste eigene Wohnung, jeden Tag mit dem öffentlichen Nahverkehr pendeln und meine Kommiliton*innen, die sich nicht vorstellen konnten, dass ich als blinde Studentin in der Lage war, mein eigenes Smartphone zu benutzen – geschweige denn meinen Alltag selbstständig zu gestalten. Das Studium, so stellte sich schnell heraus, war spannend, fordernd, anstrengend, manchmal verwirrend – aber vor allem genau das Richtige für mich. Nach der Überwindung anfänglicher Berührungsängste empfand ich es als großartig, dass ich mit meiner Blindheit an der Uni vor allem bei meinen Kommiliton*innen auf offene Ohren stieß. Sie kümmerten sich aktiv um meine Teilhabe, fragten regelmäßig nach, ob ich Unterstützung brauchte, schickten mir ihre Vortragsfolien und Handouts für Referate vorab und sorgten dafür, dass ich immer voll mit dabei sein konnte. Trotz dieser Unterstützung: ohne eine Assistenzkraft ging es dann doch nicht. Nachdem ich in der Bibliothek mit dem dortigen Kamerasystem zum dritten Mal über 400 Seiten meine eigenen Flossen miteingescannt hatte, mit denen die OCR-Software erstaunlicherweise nicht allzu viel anfangen konnte, beantragte ich mit Hilfe meines Mentors und des Schwerbehindertenbeauftragten an der Uni endlich eine Assistenz, die Bücher für mich einscannte sowie Formeln und Graphiken beschrieb.
Im Rahmen meines Bachelors absolvierte ich auch ein Praktikum in der Tagesklinik des Klinikums für Psychiatrie, Sucht und Psychotherapie am Europakanal in Erlangen, das mich in meinem Entschluss bestärkte, nach dem Ende meines Studiums die Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie dranzuhängen. Ich gewann dort erste Einblicke in die klinische Arbeit, Einzelgespräche, Diagnostik und Gruppentherapien.
Nach viereinhalb Jahren, mindestens eintausend Litern Kaffee und einer Bachelorarbeit zum Thema „Subklinische Depressivität und mit ihr korrelierende Inflammationsparameter im Blut“ hatte ich meinen Bachelorabschluss in der Tasche.
Mein Masterstudium zwischen Validierung und virtuellen Herausforderungen
Im Oktober 2020 startete ich direkt in meinen Master. Zwei Jahre, die wie im Flug vergingen – gefüllt mit Seminaren, Vorträgen, virtuellen Diskussionen (danke, Corona!), einem Praktikum am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie, in dessen Rahmen ich eine internetbasierte Intervention für Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen auf Barrierefreiheit testete, und der wachsenden Überzeugung: Ich will Verhaltenstherapeutin werden. Menschen begleiten, Impulse geben und Veränderung möglich machen – ohne dabei den Humor zu verlieren. Und weil ich offensichtlich ein Faible für Bildungseinrichtungen habe, ging’s nach dem ersten Master gleich weiter. Zwischen
Lehrbuch und Lebenswirklichkeit – Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie und ein weiteres Master-Studium
Seit Oktober 2022 absolviere ich ein Fernstudium im Masterstudiengang Psychotherapie mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie an der Universität Bern. Parallel dazu mache ich meine Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie bei der DGVT Erlangen-Nürnberg. Die dazu notwendigen praktischen Tätigkeiten I und II – also die klinische Grundausbildung – habe ich von April 2023 bis September 2024 gemacht. Der Bewerbungsprozess auf geeignete Stellen wurde jedoch dadurch erschwert, dass viele Kliniken offenbar eher eine Bürokraft brauchten, die Materialien sortierte und die dortigen Aquariumstiere fütterte bzw. deren Behausungen säuberte, nicht aber eine blinde Psychologin, deren Talent, unterschiedlichste Fische nach Farben zu sortieren, eher gegen Null tendiert.
Die Frankenalb-Klinik Engelthal gab mir schließlich die Chance, mich zu beweisen – und ich habe sie genutzt: Als vollwertiges Mitglied des Teams der dortigen Privatstation habe ich mehrere Gespräche pro Woche mit Patient*innen und ihren Angehörigen geführt, eigene Gruppentherapien, Entspannungs- und Achtsamkeitsgruppen geleitet, diagnostische Verfahren angewendet, Entlassungsbriefe und Verlängerungsanträge für Krankenkassen geschrieben. Außerdem habe ich auf Anfrage einen Artikel für die Engelthaler Rundschau zum Thema „Wirkung und Einfluss von tierischen Begleitern in der Psychotherapie“ verfasst, denn was wären meine Gruppen- und Einzeltherapien ohne meine Hunde? Ich konnte während meiner dortigen Tätigkeit viele Facetten der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie kennenlernen und so meine ersten eigenständigen Schritte auf dem Weg zur Psychotherapeutin machen.
Im Mai 2025 habe ich schließlich einen weiteren großen Schritt gewagt: Ich behandle nun meine ersten Patient* innen ambulant im Rahmen meiner Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin. Es ist aufregend, verantwortungsvoll, herausfordernd – und zutiefst berührend. Denn echte therapeutische Beziehungen sind das Herzstück dieses Berufs. Und wenn es gut läuft, gehen beide – Therapeutin und Patient*innen – nicht nur mit neuen Erkenntnissen nach Hause, sondern vielleicht auch mit ein paar Hundehaaren auf der Hose.
Weiter geht’s: Promotion, Lehre und Leben
Seit Mai 2023 bin ich offiziell Doktorandin am Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie der Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – und widme mich nun ganz der Frage, wie man Menschen wissenschaftlich vertretbar und rein digital die Cortisol-Level ruiniert. Oder etwas technokratischer formuliert: Ich promoviere zum Thema Stress und digitale Stresstests – ein Thema, dem ich schon im Rahmen meiner Masterarbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet habe. Seit April 2025 bin ich nun auch offiziell wissenschaftliche Mitarbeiterin und darf lehren, Bachelorstudierende betreuen, mitforschen sowie gemeinsam mit einem großartigen Team einen eigenen digitalen Stresstest entwickeln und evaluieren.
Der besondere Teamgeist: Hunde als Ice-Breaker
Während all dieser Stationen waren und sind meine beiden Blindenführhunde Lincoln und Tucker nicht nur Helfer im Alltag, sondern auch Herzstücke meiner Arbeit. Mein erster Hund (Lincoln) war hoch konzentriert, souverän und durch nichts aus der Ruhe zu bringen – ein Profi in jeder Lebenslage. Sein Nachfolger Tucker ist quirlig, charmant und unermüdlich. Ein Hund, der denkt, arbeiten bedeute Party – und dessen Propeller- Rute zuverlässig alles umwedelt, was nicht niet- und nagelfest ist. Manchmal befürchten Leute ernsthaft, er könnte abheben. Ob an meinem Lehrstuhl in Meetings, oder in der Klinik bzw. in der Ambulanz mit Patient*innen: Meine Hunde sind absolute Ice-Breaker, die Brücken bauen, Menschen zum Lächeln bringen und so manche Vorurteile einfach wegwedeln.
Alltag zwischen Adrenalin und Ausgleich
Mein Zuhause habe ich in einer kleinen Maisonette-Wohnung auf dem Land gefunden – perfekt, damit mein Tucker genug Freilauf bekommt und sich seine Figur nicht vollständig mit dem Verzehr von liegen gelassenen Dönern in Stadtparks ruiniert. Ich pendle mit dem Bus in die Ambulanz und an den Lehrstuhl. Ich liebe Abenteuerreisen, entspannte Abende mit Freunden und den einen oder anderen Adrenalinkick im Ausland, beim Fallschirmspringen oder Bungeejumping. Ich habe Höhen erlebt (z. B. bestandene Statistik-Klausuren) und Tiefen (z.B. Statistik-Klausuren). Und ich habe gelernt: Wege dürfen krumm sein. Manchmal braucht man eben einen Umweg durch Kamerun, Klinikflure und Kolloquien, um dort anzukommen, wo’s sich richtig anfühlt. Also, falls ihr gerade überlegt, wie es nach dem Abi weitergehen soll – nur Mut! Es darf schiefgehen, es darf dauern, es darf anstrengend, herausfordernd, lustig und peinlich sein. Hauptsache, ihr bleibt neugierig und hört nicht auf zu überlegen, wofür ihr wirklich brennt. Wer weiß – vielleicht schreibt ihr ja in zehn Jahren euren eigenen Artikel. Und ich sitze dann mit Tucker daneben, lache über neue Propeller-Geschichten in den blista-News – und freue mich über spannende Reisen mit Umwegen!