Prof. Dr. Wolfgang Seitter mit Carl-Strehl-Plakette ausgezeichnet

Bernd Höhmann und Ursula Weber überreichen Plakette und Urkunde

Vor 45 Jahren haben die blista und der DVBS gemeinsam die Carl-Strehl-Plakette gestiftet. Sie soll an den Mitbegründer beider Institutionen erinnern, der diese ein  halbes Jahrhundert lang geleitet und mitgeprägt hat. Dessen Lebenswerk nach wie vor von größter Bedeutung für die Bildung und berufliche Teilhabe von Menschen mit Sehbeeinträchtigung in Deutschland ist.

Mit der Carl-Strehl-Plakette sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die sich gleichfalls ganz besondere Verdienste um die Menschen mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung erworben haben. „Diese Auszeichnung ist mit keiner materiellen Zuwendung verbunden. Sie soll ihren Wert vielmehr durch die sorgfältige Auswahl der zu Ehrenden erhalten.“ (Zitat aus der  Vergabeordnung)

Im Rahmen der 83. Mitgliederversammlung der blista wurde die Carl-Strehl-Plakette am 2. November 2019 vom blista-Verwaltungsratsvorsitzenden, Bernd Höhmann, und der 1. Vorsitzenden des DVBS, Ursula Weber, an Prof. Dr. Wolfgang Seitter von der Philipps-Universität Marburg verliehen.

Davor hielt blista-Vorstand Claus Duncker die Laudatio auf den Preisträger: „Ginge es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit, dann würde es die heutige Ehrung nicht geben. Um dies zu erläutern drehen wir die Uhr zwölf Jahre zurück: Ein neu in sein Amt gewählter Vorsitzender der blista tritt an den Fachbereich Erziehungswissenschaften heran. Denn, dass ist aufgefallen, durch die Pensionierungswelle würde es ab 2012 keinen Blinden und Sehbehindertenpädagogen mehr an der Carl-Strehl-Schule geben. Und eine Förderschule ‚Sehen‘ ohne Förderlehrer ist eigentlich nicht denkbar. Und, das war klar, um die Qualität unserer Arbeit zu sichern, musste diese Qualifizierung universitär erfolgen.

Da ich jemanden kannte, der jemanden am Fachbereich Erziehungswissenschaften kannte, kam es zu einem Termin. Der damalige Dekan nahm an diesem Gespräch teil, der Dekan waren Sie, Herr Prof. Seitter.

Gut, dass ich damals so unbefangen war. Begriffe wie Cluster-Preise, Akkreditierungsverfahren, Präsidiumsbeschlüsse und, und, und - waren mir als Worte zwar bekannt aber ihr sehr komplexes Zusammenspiel tief verborgen. Mit meinem heutigen Wissen würde ich den Schritt zu auf die Universität wahrscheinlich nicht mehr wagen.

Es wäre also an Ihnen, Herr Prof. Seitter, gelegen, mir die Tür zu weisen: Die Zahl der zu erwartenden Studierenden nicht relevant. Somit mein Anliegen finanziell uninteressant. Und da die Sonderpädagogik eh‘ nach Gießen abgewandert war, passt eine Qualifikation im Förderschwerpunkt ‚Sehen‘ nicht in das Portfolio der Philipps-Universität.

Dass die blista damals nicht nur erhört wurde, sondern der Fachbereich gleich mit einer Umsetzung der Bitte begann, grenzt aus meiner heutigen Sicht an ein Wunder. Das gelang nur durch den Mut und das Engagement des damaligen und heutigen Dekans Prof. Dr. Wolfgang Seitter. Und es gab weitere Herausforderungen:

  • Es sollte die universitäre Qualifikation für ein ‚Lehramt‘ erworben werden, eigentlich ein Hoheitsfeld des Kultusministeriums.
  • Die Weiterbildung sollte berufsbegleitend erfolgen.
  • Die Studierenden würden Erwachsene sein.

Aber es gelang und es gelang in kürzester Zeit. Ich weiß nicht, wieviel Überzeugungsarbeit und Überredungskunst Sie in den unterschiedlichsten Gremien haben aufwenden müssen.

2010 begann der erste Weiterbildungsmaster ‚Blinden- und Sehbehindertenpädagogik‘. Dieser ist ein berufsbegleitender Studiengang. Er ermöglicht Studierenden, die bereits ein Lehramtsstudium abgeschlossen haben, den Zugang zur Zusatz-/Erweiterungsprüfung ‚Sonderpädagogik Blinden- und Sehbehindertenpädagogik‘. Der fünfte Durchgang beginnt nun zum Wintersemester 2019/20. Inzwischen haben ein Drittel der Kolleginnen und Kollegen der Carl-Strehl-Schule die Lehrbefähigung für den Förderschwerpunkt ‚Sehen‘ erworben.
 
Erste Forschungsprojekte wurden abgeschlossen und vorgestellt. So eine Studie über den Werdegang von Absolventen der blista und eine über die Wirksamkeit des Trainings in ‚Lebenspraktischen Fähigkeiten‘ bei Senioren.

2014 dann die Einrichtung der ersten Kooperationsstelle zwischen der Philipps-Universität und der blista. Hier ein Zitat von Prof. Seitter: ‚Der Vertrag trägt dazu bei, die bisherige Kooperation in Forschung, Lehre und Weiterbildung im Kontext von Sehbehinderung und Blindheit sowie Inklusion weiter zu vertiefen und auszubauen sowie gemeinsam neue Handlungsfelder zu erschließen.‘

Zeitgleich ging der neue Zertifikatskurs ‚Grundlagen inklusiver Bildung bei Blindheit und Sehbehinderung‘ an den Start. Dieser ist für alle konzipiert, die Interesse an einer inklusiven Arbeit mit Menschen mit Sehbeeinträchtigungen haben oder in diesem Feld tätig sind und auf eine zertifizierte, einschlägige Qualifikation Wert legen.

Der sechste Durchgang beginnt jetzt im November 2019. Der Zertifikatskurs ist inzwischen auch die Grundlage zur Qualifikation von Rehabilitationsfachkräften für ‚Orientierung und Mobilität‘ und ‚Lebenspraktische Fähigkeiten‘.

Durch die Aktivitäten von Prof. Dr. Seitter hat sich die Phillips-Universität Marburg zu einem aktiven Standort bei Qualifikation, Lehre und Forschung im Thema ‚Sehen‘ in Deutschland entwickelt. Durch die einzigartige Kooperation ist Marburg zu einem der wichtigsten Kompetenzzentren in der Pädagogik und Rehabilitation blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland geworden.

Sie, Herr Prof. Seitter, haben sich durch Ihr außergewöhnliches Engagement große Verdienste um die Belange von Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung erworben. Die Verleihung der Carl-Strehl-Plakette würdigt Ihre großartige Leistung.

Ich möchte Ihnen meinen persönlichen Dank für die sehr gute Zusammenarbeit der letzten Jahre und  meinen großen Respekt für Ihre Initiativen und vor allem Ihre Tatkraft ausdrücken.
Für Ihre weitere Arbeit viel Erfolg.“