Buchtipp

Blindfisch: Karen-Susan Fessel

Das Buch "Blindfisch".

Lon 16 Jahre. 10.Klasse. Die Familie: Mutter, Stiefvater Cord, so wie die Hose, und die kleine Stiefschwester. Kein Hund. Ganz ehrlich? Ich war gerade nicht in der Stimmung, ein Jugendbuch zu lesen – hat mir dann aber trotzdem ganz gut gefallen. Lon hat drei Probleme. Nein, sagen wir es kämpferischer: Lon steht vor drei großen Herausforderungen. Zwei davon gehen auf das Usher-Syndrom. Häufigste Ursache für erblich bedingte Taubblindheit. Aber soweit ist es zum Glück noch nicht. Lon trägt Hörgeräte, mit denen er ganz gut zurechtkommt – außer, wenn es im Buch wirklich mal drauf ankommt. Und sein Sehvermögen wird immer geringer, aber davon muss niemand außer ihm etwas wissen, das meint Lon jedenfalls. Lon hat Angst davor, nicht mehr dazuzugehören, nicht mehr als normal zu gelten und von anderen abhängig zu werden. Klar, dass Lon zum König der Vermeidungsstrategien, der Ausreden wird und schon mal patzig reagiert, wenn man ihn auf seine Tollpatschigkeit anspricht. Er zieht sich immer mehr zurück, ist psychisch angefressen. Keiner weiß, was mit ihm wirklich los ist – auch Oscar, sein bester Freund, nicht. Ja, und dann kommt die Klassenfahrt. Die Sehbehinderung hier auf Dauer zu verbergen und dabei nicht das Gesicht zu verlieren – fast unmöglich. Also aus die Maus mit der Geheimniskrämerei? Und dann gerät auch noch eine wilde Knutscherei aus dem Ruder.

Die Autorin Karen-Susan Fessel versteht es, die innere Zerrissenheit von Lon wirklich kurz und knapp in Szene zu setzen – die Ungeduld und Leseschwäche einer männlichen Leserschaft wird also voll mitberücksichtigt. Insgesamt bleibt sie aber für meinen Geschmack etwas zu klinisch rein – trinken oder kiffen als Selbsttherapie sind in diesem Jugendbuch Fehlanzeige. Also alles sauber! Wirklich alles? Ach ja, das dritte Problem von Lon hab´ ich ganz vergessen. Ist auch gar keins – wird nur von Hohlköpfen dazu gemacht. Lon steht auf Jungs. Und darin liegt auch schon die Lösung für alle Probleme, denn zum Schluss wird es wildromantisch. Hormone fluten sein Gehirn. Aus Schwarzsehen wird Grau mit bunten Einsprengseln, und schlussendlich färbt sich alles rosarot. Das Privileg der Jugend eben. Das Ende ist also nicht zu toppen. Absolut feel good. Deshalb wird es auch sicher keine Fortsetzung geben. Wer will schon wissen, wie es um Lon in fünf Jahren bestellt sein wird.

Also, auch wenn es um viel Gefühl geht, können auch Jungs das Buch lesen – es wurde ja extra auf sie Rücksicht genommen. Für Jungs und die Mädels gilt aber: mann/frau im Werden sollte bereits etwas hormongeschwängert sein – die Geschichte fängt da an, wo Hanni und Nanni aufhören. Und an was wurde ich als alter Pädagoge wieder einmal erinnert? Nun, dass es eine Zeit im Leben eines jungen Menschen gibt, in der Schule für ihn nicht wirklich im Vordergrund steht – diese Zeit nennt man die Schulzeit.